Abgründe auf dem Handy

- In den Kindertagen des Rundfunks lauschte man Bekanntmachungen und Theateraufführungen im Radio, bis allmählich adäquate Formate wie Hörspiele und Informationssendungen erfunden wurden. Das Privatfernsehen kaufte anfangs billige Fremdproduktionenen ein oder dümpelte in besonders seichten Unterhaltungsgefilden. Und auch das Internet war bereits vorhanden, ehe man außerhalb des militärischen Bereichs etwas Sinnvolles mit ihm anzufangen wusste.

So war es schon immer: Existierte einmal eine neue Medientechnik, mussten Inhalte dafür gefunden werden. Und zwar solche, die sich die spezifischen Eigenschaften und Produktionsbedingungen des neuen Mediums zunutze machen können.

Besserer Empfang mit neuer Technik

Mittlerweile leben wir im Zeitalter des Mobilfunks, Inhalt heißt neudeutsch "Content", und weil man auch künftig noch mit Handys Geld verdienen will, sollen wir mit ihnen nicht nur telefonieren können, sondern eines Tages auch fernsehen. "Content" war das magische Wort, mit dem auf dem Münchner Filmfest am Wochenende Vertreter eines Mobilfunkanbieters und der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst nur so um sich warfen. Im Rahmen eines Lehrauftrags an dieser Hochschule entwickelten sie den "abgründigen Krimi für Mobiltelefone" mit dem Titel "Song fuer C", wobei sich Abgründe allein schon durch das titelgebende Sprachdurcheinander auftun.

Die Black Box im Gasteig diente eigentlich nur als Versammlungsort: Jeder Handy-Zuschauer wurde mit einem Telefon ausgestattet, wie es auf dem Markt noch nicht erhältlich ist. Während bisher per UMTS Daten aus dem Mobilfunknetz auf das Endgerät geladen werden können, soll die mobile TV-Übertragung per DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handhelds) stromsparender sein und einen besseren Empfang garantieren. DVB-H wird dabei die Rundfunkstruktur nutzen und technisch auf dem bereits eingeführten DVB-T-Standard (digital terrestrische Übertragung) aufbauen. Auf dem extra großen Display erschienen also mittels DVB-H Text-, Bild- und Videonachrichten, die die Geschichte fragmentarisch erzählen.

Ein Geschäftsmann beauftragt eine Detektivin, seine 18-jährige Tochter zu suchen, die mit einem dubiosen Musiker verschwunden ist. Man sieht den Vater bei der Detektivin, die Tochter in einem verdunkelten Zimmer, diverse Personen in Autos sitzen, in die Handykamera sprechen oder hört nur ihre Stimmen. Helmut Krausser schrieb das Drehbuch, renommierte Schauspieler wie Anna Schudt, Barbara Rudnik oder Stephan Bissmeier wurden dafür gewonnen. Und das Künstler-Duo M+M, Marc Weis und Martin DeMattia, führte Regie.

Der Briefroman stand Modell

Ob der Krimi gelungen ist - man kann es leider nicht sagen. Denn etwa zur Halbzeit der Pressevorführung brach die Technik zusammen, rund zehn Minuten des Films fehlten, so dass das pannenfrei gezeigte Ende der kryptischen Erzählung eher rätselhaft blieb. M+M nahmen's gelassen: "Auch Leonardo da Vincis erste Flugversuche scheiterten." Die beiden Künstler, die das Pilotprojekt als nächstes bei der Ars Electronica in Linz vorstellen werden, reizte es, "eine der Handytechnologie angemessene neue Erzählweise zu entwickeln". Der Briefroman - als ähnliche Collage persönlicher Mitteilungen - stand Modell. Das hatte auch Konsequenzen für die Dreharbeiten: "Der Kameramann wurde quasi in die Perspektive einer schlichten Handykamera gezwungen", sagt DeMattia.

So wirken die Videos und Fotos wie persönliches Material etwa der Detektivin, das scheinbar zufällig den Handynutzer erreicht. Er wiederum kann im Archiv der Detektivin stöbern, kann die Mitteilungen auf seinem Telefon selbst speichern. Sollte der 50-minütige Krimi tatsächlich einmal in Echtzeit für normale Handynutzer empfangbar sein, würden diesen innerhalb von zwei Wochen die Fragmente zugespielt. Ob damit gleich ein neues Kapitel der Fernsehgeschichte geschrieben wird, wie es M+M und die Zürcher Hochschule gerne hätten, bleibt dahingestellt.

Der Mobilfunkindustrie kommt es vor allem darauf an, die technische Entwicklung und kommerzielle Nutzung voranzutreiben, sie profitiert von den Kunstexperimenten und deren Öffentlichkeitswirkung. Bernd Wiemann von Vodafone etwa erwartet sich nicht, dass eines Tages Fernsehfilme auf dem Mobiltelefon gesehen werden. "Medien sollen unterwegs interaktiv verwendbar sein. Interessant werden Vertiefungs- und persönliche Infomationen sein." Gemeint sind Werbung, Gewinnspiele und Teleshopping.

www.songfuerc.de

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