Die Affen und der "Deutsche Gruß"

- Auch dieser Witz machte - unter vielen anderen - im nationalsozialistischen Deutschland die Runde: Hitler ist unterwegs. Ein Schwein wird überfahren. Der Chauffeur geht zum Bauern, sich zu entschuldigen und kommt nach drei Stunden zurück, sturzbetrunken und mit Geschenken überhäuft. Dem Bauern hatte er gesagt: "Heil Hitler, das Schwein ist tot!" Das ist der Lieblingswitz von Filmemacher Rudolph Herzog. Seine Pointe gibt auch der ARD-Dokumentation den Titel, die heute zu sehen ist.

Zwei Jahre hat Herzog daran gearbeitet, "eine harte Wanderung durch alle NS-Abgründe", aber mit der Erkenntnis am Ende: "Mit dem Witz lässt sich am besten in Köpfe und Herzen von Menschen in einer Diktatur hineinleuchten."

Nicht zufällig sei gleich nach dem Krieg eine der ersten Publikationen über die zwölf dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte ein Buch über den Flüsterwitz gewesen, sagt der 33-jährige Sohn des Regisseurs Werner Herzog: "So widerspruchslos, vom Dämon Hitler wie betäubt, wie uns das noch die Vergangenheitsbewältigung der Fünfzigerjahre einzureden versuchte, haben die Menschen das ,Dritte Reich’ gar nicht hingenommen."

Im Witz machten sie sich Luft. Und setzten sich der Gefahr aus, denunziert zu werden. Herzog staunt, "wie offen viele diese Witze rissen." Manche bezahlten mit dem Leben dafür. Wie der katholische Pfarrer Joseph Müller aus dem niedersächsischen Groß Düngen, der wegen eines Witzes als "Volksverhetzer" hingerichtet wurde. Allerdings: "Es wurde so etwas allerdings wohl auch oft als Vorwand genommen, um sich politisch sowieso missliebiger Personen zu entledigen", so Herzog. Tatsächlich war der Geistliche, wie der Autor zeigt, schon vorher ins Visier der Gestapo geraten, weil er polnischen Zwangsarbeitern die Teilnahme an Gottesdiensten ermöglicht hatte.

Nicht immer teilt sich die Komik vieler Witze heute noch mit. Herzog griff zum Mittel der Spielszene, um gleich auch den Zeitgeist zu vermitteln, und er befragte Zeitzeugen. Kabarettist Dieter Hildebrandt erinnert (sich) an sein großes Vorbild Werner Finck, dessen Berliner Kleinkunstbühne "Die Katakombe" den Nazis schon früh ein Dorn im Auge war. Wegen seiner respektlosen Sketche (legendär sein "Fragment vom Schneider") musste sich Finck im Jahr 1935 nach sechswöchiger KZ-Haft vor Gericht verantworten und erhielt Berufsverbot.

Sogar von der Todesstrafe bedroht war der Wiener Schauspieler Fritz Muliar, weil er bei für die kämpfende Truppe veranstalteten "Bunten Abenden" auch andere als unpolitische Witze riss und daraufhin wegen "Wehrkraftzersetzung" angeklagt wurde. Zu seiner großen Erleichterung lautete das Urteil "nur" auf fünf Jahre Zuchthaus, die später in "Frontbewährung" umgewandelt wurden. Wie durch ein Wunder überlebte Muliar den Einsatz in diversen "Himmelfahrtskommandos" in Russland.

Mit dem Fall Traubert Petter liefert Herzog schließlich noch ein besonders skurriles Beispiel subtiler Regimekritik. Der Schausteller aus Paderborn, ein überzeugter Sozialdemokrat, hatte seinen dressierten Schimpansen beigebracht, beim Anblick eines Uniformierten die rechte Hand zu heben. Die Nazis reagierten prompt. Sie erließen eine Verordnung, die allen Affen unter Androhung von "Abschlachtung" den "Deutschen Gruß" untersagte.

ARD, heute, um 23.15 Uhr.

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