Wir alle kupfern mal ab

München - Kaum ein Regisseur in Deutschland brachte Quote und Qualität so in Einklang wie Dieter Wedel. Seit mehr als 40 Jahren ist der in Hamburg und auf Mallorca lebende Filmemacher im Geschäft. Mehrteiler wie "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" oder "Der König von St. Pauli" waren Fernsehereignisse. Als nächstes will Wedel, der am Montag 65 Jahre alt wird, den Fall des Millionenbetrügers Jürgen Harksen verfilmen.

-Haben Sie Angst vor dem Alter?

Der Wechsel von 59 zu 60 war wirklich bitter, weil man den Eindruck hat, zehn Jahre älter zu werden. Mit 59 ist man halt noch in den Fünfzigern. Ansonsten aber finde ich es nicht so bedrückend. Was mir aber Sorge bereitet, ist der Umgang mit älteren Menschen in unserer Gesellschaft. Inzwischen herrscht ja ein regelrechter Altersrassismus! Dabei ist es doch wunderbar, dass die Menschen älter werden und wesentlich länger fit bleiben. Natürlich muss man sich mit den Folgen der demografischen Entwicklung auseinandersetzen.

-Wie erleben Sie diese Entwicklung im Fernsehen? Hat sich da inzwischen etwas verändert?

Ja, einige Veränderungen sind schon festzustellen. So rücken auch die Privatsender ein bisschen von dieser Diskreditierung Älterer ab. Dass man im Alter von über 50 Jahren durchaus auch noch geistig in der Lage ist, ein neues Produkt zu wählen, hat sich dann doch allmählich herumgesprochen.

-Wie fällt Ihr Urteil über das aus, was derzeit so über die Bildschirme flimmert?

Das Fernsehen ist lauter geworden, schneller, knalliger. Und ich ärgere mich wahnsinnig über Eins-zu-eins-Nacherzählungen amerikanischer Spielfilme. Wir alle kupfern mal ab, das ist auch nicht schlimm, sofern etwas Neues dabei entsteht. Wenn aber einfach ein schlechterer Film als der Ursprungsfilm dabei herauskommt, dann begreife ich das nicht. Von der Quotenfixierung ganz zu schweigen.

-Bei Ihren Mehrteilern waren schlechte Quoten kein Thema. Nach Ihrem jüngsten Film "Mein alter Freund Fritz" mussten Sie Kritik einstecken.

Das hat mich sehr geärgert! Es kann nicht sein, dass man einen Film über Krankheit und Sterben macht und dann ausschließlich an der Zuschauerzahl gemessen wird. Auch wenn ich mit "Mein alter Freund Fritz" nicht an die Quoten meiner anderen Filme anknüpfen konnte, halte ich ihn doch für einen gelungeneren als manche Produktionen, die von sehr viel mehr Menschen gesehen wurden.

-Hat der Quotendruck aus Ihrer Sicht zugenommen?

Die kommerziellen Sender können nur die Einschaltquote als Maßstab für Qualität definieren, denn nur über die verkaufen sie ihre Werbung. Aber bei den Öffentlich-Rechtlichen verstehe ich nicht, warum auch die so gebannt darauf schauen. Man sieht doch immer wieder, dass sie überhaupt nichts mit der Qualität zu tun hat. Es gibt ein paar Schauspielerinnen, die in der Regel eine gute Quote garantieren. Oder wenn ein Zuckerguss drübergegossen wird - dann ist sie auch hoch.

-Ein wenig richtet sich Ihre Kritik also auch gegen das Publikum?

Immer seltener hat das Publikum eine Alternative zum Trash. Außerdem kann man es nicht zu seinem Glück zwingen. Aber die Öffentlich-Rechtlichen sind eigentlich dazu da, der Trägheit des Publikums entgegenzutreten. Ich habe nichts gegen zuckrige Schnulzen. Ich finde nur schlimm, wenn jedes wichtige Thema zur zuckrigen Schnulze verkleinert werden soll. Das finde ich unverantwortlich. Wenn jemand zu faul zum Kauen ist, dann darf ich ihm doch nicht nur Brei servieren. Ich muss ihn manchmal auch dazu bringen, zu kauen, weil ihm sonst die Zähne ausfallen. Und bei unserem Fernsehpublikum wackeln die Zähne bedenklich.

-Sie selbst wollen sich in Ihrem nächsten Film dem Fall des Millionenbetrügers Jürgen Harksen widmen, Ulrich Tukur soll die Hauptrolle spielen...

Mit dem Drehbuch bin ich fast fertig. Das ist ein sehr schwieriges, aber sehr reizvolles Projekt. Denn ich will Harksen einerseits als den faszinierenden Guru zeigen, dem die Leute bedenkenlos vertrauen, will aber auch den Verbrecher schildern, der die Menschen kaltblütig und kaltschnäuzig ausräubert. Auf der einen Seite also die Faszination eines Barons von Münchhausen, auf der anderen Seite das Elend, das er anrichtet.

-Haben Sie mit Harksen gesprochen?

Ich habe ihn besucht, als er in der Haftanstalt in Hamburg-Fuhlsbüttel einsaß, und den Vertrag mit ihm gemacht. Für die Interviews, für die er mir zur Verfügung stand, habe ich bezahlt. Dann ist er zwei Wochen lang immer nachmittags zu mir gekommen. Ich habe mit Anlegern gesprochen, in Südafrika recherchiert und mich unter anderem sehr lange mit seiner Ehefrau unterhalten.

-Welche weiteren Projekte wollen Sie noch in Angriff nehmen?

Auf jeden Fall will ich noch die seit längerem geplante Komödie über die Wiedervereinigung und den letzten Staatszirkus der DDR machen. Und natürlich noch eine Mallorca-Komödie sowie die Verfilmung der VW-Affäre. Ich hatte jetzt schon ein paar Herren von VW da, die mir wunderbare Geschichten erzählt haben.

Biografisches zu Dieter Wedel

Geboren in Bad Nauheim (Hessen), studierte Dieter Wedel in Berlin Theaterwissenschaft und promovierte über das Thema "Expressionismus an Frankfurter Bühnen". Seine berufliche Laufbahn begann er 1966 bei Radio Bremen. Sein erster großer Film war "Gedenktag" (1970) über den Aufstand in der DDR vom 17. Juni 1953.

Einem großen Publikum bekannt wurde Wedel durch die beiden Dreiteiler "Einmal im Leben" (1972) und "Alle Jahre wieder" (1976) über die Erlebnisse der fiktiven Durchschnittsfamilie Semmeling beim Hausbau beziehungsweise im Urlaub. In den Siebzigern und Achtzigern drehte der Regisseur auch mehrere Episoden aus der Krimireihe "Schwarz Rot Gold" sowie einen "Tatort".

Für Furore sorgte Wedel dann wieder mit den hochkarätig besetzten Mehrteilern "Der große Bellheim" (1992), "Der Schattenmann" (1995), und "Der König von St. Pauli" (1998). Zuletzt entstanden "Die Affäre Semmeling" (2002) über Steuerrecht und deutsche Bürokratie, das Scheidungsdrama "Papa und Mama" (2005) sowie "Mein alter Freund Fritz" (2007) über die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens.

Seit 2002 leitet Dieter Wedel ferner die Nibelungenfestspiele in Worms.

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