Angenehmes Gruseln

München - RTL gewährt in einer neuen Staffel von "Anwälte der Toten" wieder Einblicke in den Alltag von Rechtsmedizinern.

Ein steriler Raum, grell leuchtet das Neonlicht. In der Mitte steht ein matt glänzender Metalltisch - bereit für den nächsten Toten. Hier in der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München suchen die Ärzte bei der Obduktion von Leichen nach unnatürlichen Todesursachen. Ein spannendes Thema für die Abendunterhaltung, findet Fernsehproduzent Olivier Deflou von RTL. Mit seiner dokumentarischen Serie "Anwälte der Toten" geht der Kölner Privatsender heute (22.15 Uhr) in die vierte Staffel.

Polizisten, Rechtsmediziner und Kriminaltechniker kommen in der Reihe zu Wort und berichten von spektakulären Mordfällen. Schlüsselszenen werden von Schauspielern nachgespielt. Für die neuen Folgen verspricht RTL mehr Spannung, schnellere Schnitte und noch mehr authentisches Material. Die Auftaktfolge dürfte vor allem bei den Münchner Zuschauern für ein mulmiges Gefühl sorgen. Unter anderem geht es nämlich um den Fall des "Messerstechers von Schwabing", der vor elf Jahren in der Landeshauptstadt für Schlagzeilen sorgte.

Fälle, bei denen alles für eine natürliche Todesursache spricht, die sich dann aber dank hartnäckiger Ermittlungen als Mord herausstellen, sind für die Filmemacher besonders interessant - jedoch nicht jedes Verbrechen wird erst durch die akribische Arbeit der Pathologen als solches offenbar. Manchmal ist es auch der Geistesblitz eines Ermittlers oder purer Zufall. Allen Fällen gemeinsam ist dagegen, dass die Täter rechtskräftig verurteilt sein müssen. Das ist die Bedingung für die Aufarbeitung eines Falles fürs Fernsehen.

Durchschnittlich drei Millionen Menschen oder 16,7 Prozent der Zuschauer aus der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sahen nach RTL-Angaben die ersten drei Staffeln. Zielvorgaben für die neuen Folgen habe man nicht. "Wir haben keinen Quotendruck, weil es immer sehr gut gelaufen ist", sagt die verantwortliche Redakteurin Agnes Ostrop selbstbewusst.

Doch worauf beruht der Erfolg? Gleich zu Beginn der ersten Folge treffen die klassischen Elemente "Sex and Crime" (Sex und Verbrechen) aufeinander. Vor elf Jahren griff der "Messerstecher von Schwabing" Frauen an, vergewaltigte sie und stach sie nieder (siehe Kasten). Den nüchternen Erinnerungen der Ermittler stehen nachgespielte Bilder einer jungen Frau gegenüber, die sich verzweifelt gegen ihren Gegner wehrt. Zu dramatischer Musik stürzt sie nackt und blutverschmiert durchs Treppenhaus und kauert schließlich am Boden.

In zwei weiteren Beiträgen werden anschließend ein Polizistenmord aus dem Jahr 2001 in Bad Hersfeld (Hessen) und ein Mord an einem Gastwirt im nordrhein-westfälischen Bochum vor mehr als 16 Jahren nacherzählt.

Für Produzent Deflou liegt der Reiz vor allem in dem beruhigenden Gefühl, dass es Leute gibt, die dem Recht Geltung verschaffen. "Unsere Serie lässt die Menschen ja mit einem guten Gefühl ins Bett gehen", meint er. Stolz sind er und Redakteur Patrick Poch auf den guten Kontakt zu den Ermittlungsbehörden, den sie im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Die Polizei nutze die Serienfolgen sogar zu Schulungszwecken. Um authentischer zu sein, dürfen Poch und Deflou sogar Polizeivideos vom Tatort mit nach Hause nehmen und Sequenzen daraus in die Serie übernehmen. "Spannender geht's nicht, du bist direkt dabei", sagt Deflou. Dabei sei man aber rechtlich abgesichert, versichert Poch: "Alles, was wir machen, ist im Einklang mit der Staatsanwaltschaft."

Stoff für Geschichten gibt es viele. In der Rechtsmedizin in München würden jährlich rund 2500 Leichen angeliefert, berichtet Professor Matthias Graw. An 50 bis 60 von ihnen finden die Pathologen Spuren, die auf ein Tötungsdelikt verweisen. Auch er selbst hat schon Leichen obduziert, bei denen er zu keinem eindeutigen Ergebnis kam: "Das sind so Fälle, die bereiten Unbehagen, es gibt auch einen, der Schuld hat, aber man kann es nicht beweisen."

Das Interesse der Zuschauer teile er zwar nicht, aber er könne es verstehen: "Das ist so ein angenehmes Gruseln, man weiß, es geht gut aus. Es sieht gefährlich aus, aber man ist nicht involviert."

Der Fall des "Messerstechers von Schwabing"

Als seine Freundin nach nur vier Wochen die Beziehung beendet, fasst Frank N., damals 28 Jahre alt, den Entschluss, sich für die erlittene Kränkung an einer wildfremden Frau zu rächen. In der Nacht zum 18. April 1997 lauert der aus Thüringen stammende Mann in München- Schwabing einer 22-Jährigen auf. Er bedroht sie mit einer Spielzeugpistole und zwingt sie zum Sex. Dann verschwindet er unerkannt.

Schlimmer ergeht es einer 27-Jährigen, die N. in der Nacht zum 2. Juni des gleichen Jahres überfällt, als sie gerade ihre Haustür aufschließen will. Diesmal macht er sein Opfer mit einem Messerstich gefügig, drängt es in den Keller und vergewaltigt es dort. Noch gewalttätiger geht der inzwischen als "Messerstecher von Schwabing" titulierte Unbekannte nur wenige Wochen später gegen sein letztes Opfer vor. Er versetzt einer 41-Jährigen in den Morgenstunden des 12. Juli 1997 gleich mehrere Messerstiche ­ nach Überzeugung der Münchner Staatsanwaltschaft "aus bloßer Lust an der Misshandlung und in Tötungsabsicht".

Dass N. einige Wochen später festgenommen wird, ist der guten Beobachtungsgabe eines Brandfahnders zu verdanken. Der erkennt die Ähnlichkeit des Phantombildes mit dem Polizeifoto des zuvor bereits als Zündler in Erscheinung getretenen Mannes. Im Mai 1998 wird N. von einem Schwurgericht zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.   rog

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