+

„Im Angesicht des Verbrechens": Fünfhundert Minuten Hochspannung

München - Wer wissen will, wie diese Geschichte ausgeht, darf sich an den nächsten fünf Freitagabenden nichts vornehmen. Die ARD zeigt Dominik Grafs Mehr- teiler „Im Angesicht des Verbrechens", ein mit viel Vorschusslorbeer bedachtes Epos aus dem Milieu der Berliner Russenmafia.

Eine junge Frau (Alina Levshin) schwimmt nackt in einem See, und eine Stimme - ihre Stimme - sagt dazu mit osteuropäischem Akzent aus dem Off: „Großmutter hat immer gesagt: ,Unter Wasser siehst Du den Mann, den Du liebst‘“. Aus der trüben Tiefe taucht schemenhaft das Gesicht eines jungen Mannes auf, in dem der Zuschauer später den Berliner Polizisten Marek Gorsky (Max Riemelt) wiedererkennt. Eine Liebesgeschichte ist diese Produktion also auch, die die ARD von heute an jeweils freitags um 21.45 Uhr in fünf Doppelfolgen zeigt.

Aber Dominik Grafs fünfhundertminütiges Epos „Im Angesicht des Verbrechens“ ist viel mehr als das. Schon die schwere Musik aus der Eingangssequenz lässt die russische Seele spüren, die diese Geschichte durchdringt, nicht nur hier im Osten. Sie lässt ahnen, dass es nicht um platte Romantik geht, sondern um tiefe Sehnsucht nach einem schönen Leben, um die Gier nach Geld, das Glück verheißt, viele hundert Kilometer weiter westlich, in Berlin. Dort toben die Kämpfe verfeindeter russischer Clans, dort blüht der Handel mit Drogen, Zigaretten und Mädchen, dort versucht die Polizei wie im Kampf David gegen Goliath den kriminellen Sumpf auszutrocknen.

Dominik Graf ging aufs Ganze, nicht nur was die Darstellung von brutaler Gewalt, von ungezügelten Gefühlen, von Sexorgien betrifft. Nicht weniger als 130 Sprechrollen gibt es, viele Figuren reden Russisch - mit deutschen Untertiteln. Abgesehen von der Komplexität der Handlung eine hohe Hürde für den Konsumenten. Doch der Regisseur aus München wollte auch hier keine Kompromisse machen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagt: „Was wäre die Alternative gewesen? Dass die Russen untereinander Deutsch reden? Das kennen wir ja aus bestimmten deutschen Fernsehfilmen, die in Afrika spielen und in denen die Afrikaner auf Hochdeutsch miteinander kommunizieren. Nein, dann braucht man einen Film wie diesen gar nicht erst zu machen.“

Graf gibt zu, dass er sich faszinieren ließ von den „wunderschönen Sprachmelodien, die aus fremden Welten erzählen“. Verständigungsschwierigkeiten am Set bestanden trotzdem nicht: „Wir hatten ständig zwei russische Dolmetscher dabei, aber die Schauspieler aus Osteuropa konnten Deutsch oder wenigstens gut Englisch.“ Bei den Redaktionen - dem WDR als federführender Anstalt, ferner BR, SWR und NDR - sei zwar „eine kurze, begreifliche Nervosität aufgekommen, als wochenlang nur Muster (ungeschnittene Filmsequenzen, Red.) in Russisch ohne Untertitel kamen“, aber das habe sich wieder gelegt. Und - Graf sagt das, als wolle er sich selbst Mut machen - „grundsätzlich ist man in unserem Land ja des Lesens mächtig“.

Mehr als die Sprache forderte den Regisseur die Story selbst mit ihren verschiedenen Handlungsebenen: „Bei 115 Drehtagen und einer in zehn Folgen erzählten Geschichte den Überblick nicht zu verlieren, das war eine Frage der Konzentration und der Kondition.“ Viele Szenen wirken wie üppige Gemälde, oft wird gefeiert, dann fließt der Wodka in Strömen in Lokalen wie dem fiktiven „Odessa“ , in dessen Hinterzimmern schmutzige Geschäfte gemacht werden.

Den klassischen Krimi sucht man in „Im Angesicht des Verbrechens“ vergebens, nicht nur, weil jeder „Tatort“ im Vergleich mit diesem Projekt wie ein Low-Budget-Kammerspiel wirkt. Die Polizisten sind hier am Ende nicht die Sieger, in einer Szene sagt ein LKA-Mann gar fast programmatisch: „Die übernehmen hier das Kommando - und wir können nur zuschauen.“ Ein Satz, der unwillkürlich an türkische und arabische Clans denken lässt, vor deren kriminellen Aktivitäten die wegen ihrer Reformbestrebungen beim Jugendstrafrecht prominent gewordene Berliner Richterin Kirsten Heisig warnte. Regisseur Graf will sein Werk nicht als Protokoll einer erschreckenden Realität verstanden wissen - und schon gar nicht als gegen bestimmte Ethnien gerichtet: „Es geht nicht um Ausländer in diesem Film, es geht einfach um eine bestimmte Form der Kriminalität, die es überall auf der Welt gibt.“

Und doch klingt es ein bisschen nach dem Willen aufzuklären, den Zuschauern die Augen zu öffnen, wenn er sagt: „Nach 1990 wurde die deutsche Polizei mit Aktivitäten konfrontiert, die man bis dahin nur aus amerikanischen Mafiafilmen kannte. Und es hat sehr lang gedauert, bis die Politik kapiert hat, dass man sich dagegen zur Wehr setzen muss.“ Er sei nur das Werkzeug seines Autors, sagt Graf dann noch, er habe dessen Buch in möglichst stimmige Bilder umwandeln wollen. Doch auch Rolf Basedow, der unter anderem mehrere „Sperling“-Folgen sowie die preisgekrönte Münchner „Polizeiruf“-Folge „Er sollte tot“ schrieb, möchte Film und Realität nicht vermischt sehen: „Ich bin kein Experte für Kiminalität. Ich bin ein Geschichtenerzähler.“

Gut recherchiert hat Basedow dennoch. Berlin gilt der Kriminalstatistik zufolge als „Zentrum der Russenmafia in Europa“. Für das Jahr 2007 beispielsweise ermittelten die Behörden demnach zehn Gruppen aus Staaten der früheren Sowjetunion. Sie seien auf allen Feldern der organisierten Kriminalität aktiv, bei Autoschiebereien, im Drogenhandel, in der Prostitution.

An willigen jungen Frauen fehle es nicht, wissen Insider. Ihnen werde erzählt, dass sie als Übersetzerinnen arbeiten könnten oder in der Gastronomie: „Doch dann kommt es ganz anders. In Deutschland nimmt man ihnen zunächst die Pässe ab und erklärt ihnen, dass ihre illegale Einreise 5000 Euro gekostet hat und sie dieses Geld nun abarbeiten müssten. Die Endstation heißt Bordell.“

Auch „Im Angesicht des Verbrechens“ handelt von jungen Frauen aus dem Osten, die in die Fänge von Menschenhändlern geraten. Eine von ihnen ist Jelena, das Mädchen aus dem See. Ihr Schicksal - und das ihres Beschützers Marek - ist der blutrote Faden in diesem vielstündigen Werk. Doch an die Person Marek ist ein weiterer Handlungsstrang geknüpft. Seine Schwester Stella, gespielt von Marie Bäumer, ist mit einem der „Paten“ verheiratet. Marek hatte einst auch noch einen Bruder, der im Bandenkrieg fiel. Dessen Mörder will er finden und zur Strecke bringen.

Gorsky, so steht es im Drehbuch, ist das Kind litauischer Juden, sein „russisch angehauchtes Äußeres“ prädestinierte aus Sicht des Regisseurs den 26-jährigen Max Riemelt für diese Rolle: „Ein aufrechter junger Polizist, der eigentlich das Richtige will, aber in sich auf Rachegefühle trifft, von denen er gar nicht wusste, dass er sie hat.“ Aber nicht nur das interessante Gesicht, auch die Tatsache, dass Graf mit Riemelt - und mit Ronald Zehrfeld als dessen Kumpel Sven Lottner - bereits den Kinofilm „Der rote Kakadu“ inszenierte, war mitentscheidend für diese Wahl. Er drehe gern mit Schauspielern, die er schon aus anderen Produktionen kenne, sagt Graf. „Es ist, als würde man mit einer Familie arbeiten, mit Menschen, die man kennt, mit denen man aber beim Filmen in eine Gegend reist, in der man vorher noch nie war.“

Auch viele andere, weniger bekannte Darsteller bietet der Regisseur auf. Nicht die Gagen für Schauspieler wie Mark Ivanir, Katharina Nesytowa, Marko Mandic oder Arved Birnbaum haben das Budget belastet, sondern die schiere Menge an Stoff, die aufwändigen Actionszenen, die verschiedenen Schauplätze. Rund zehn Millionen Euro, heißt es, soll die Produktion gekostet haben. Ursprünglich waren 7,5 bis acht Millionen veranschlagt, dieses Limit riss Graf - ganz ohne schlechtes Gewissen: „Ich habe gedreht, was im Buch steht. Action kostet aber nun mal viel Geld und Zeit. Und wenn man sie billiger haben will, sieht man ihr das meist auch an.“ Produzent Marc Conrad musste wenige Tage vor Drehschluss mit einer Firma Typhoon Konkurs anmelden, die beteiligten ARD-Anstalten sprangen mit eigenen Mitteln ein, um das Projekt zu retten.

Nun will der Senderverbund auch eine schöne Rendite sehen, und doch konnten sich die Strategen um Programmdirektor Volker Herres zu einer Ausstrahlung in der Primetime nach der „Tagesschau“ nicht entschließen. Herres hofft, dass „Im Angesicht des Verbrechens“ aber auch auf dem Sendeplatz der „Tatort“-Wiederholungen um 21.45 Uhr ihr „Suchtpotenzial“ entfaltet. Von der Kritik wurde die Produktion bereits bei der Berlinale gefeiert, inzwischen dürfen sich die Macher auch über den „Deutschen Fernsehpreis“ freuen.

Doch Kritikerlob bedeutet noch nicht automatisch hohes Zuschauerinteresse. Die Erstausstrahlung im Frühjahr bei Arte hatte 1,2 Prozent Marktanteil - ein Wert, der zwar über dem Senderschnitt (0,9) liegt, aber dennoch nicht gerade rekordverdächtig ist. Der Regisseur hütet sich vor zu großen Ewartungen: „Bei der Quote kann man sich auf nichts verlassen. Ich hoffe, dass es gut wird. Und wenn’s nicht gut wird, dann bleibt ja trotzdem noch der Film.“

Rudolf Ogiermann

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Geht das Dschungelcamp 2018 später los als in den Vorjahren?
Und jährlich grüßt das Känguru: Auch im Januar 2018 werden wieder so genannte Stars ins Dschungelcamp einziehen, zum Beispiel ein Schlagerstar, ein Model und eine …
Geht das Dschungelcamp 2018 später los als in den Vorjahren?
Nächster Dschungelcamp-Kandidat: Kennen Sie noch Alex Jolig?
Alex Jolig zieht als Kandidat ins Dschungelcamp 2018. Wer? Sie kennen den Ex von Jenny Elvers vermutlich aus einer Reality-TV-Show.
Nächster Dschungelcamp-Kandidat: Kennen Sie noch Alex Jolig?
„Hubert und Staller“: Ende des Wolfratshauser Polizistenduos
Seit 100 Folgen ermitteln „Hubert und Staller“ in Wolfratshausen. Nun naht das Ende des oberbayerischen Polizistenduos.
„Hubert und Staller“: Ende des Wolfratshauser Polizistenduos
Mini-Fliege nach Münsteraner „Tatort“-Rolle benannt
Nach der kleinen Pathologie-Assistentin Alberich des Münster „Tatort“-Professors Boerne wurde jetzt eine Mini-Fliegenart benannt.
Mini-Fliege nach Münsteraner „Tatort“-Rolle benannt

Kommentare