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Thomas Baumann, scheidender ARD-Chefredakteur.

Thomas Baumann im Interview

ARD-Chefredakteur: Darum war Gauland bei "Anne Will"

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München - Im tz-Interview spricht der scheidende ARD-Chefredakteur Thomas Baumann über seine zehnjährige Amtszeit, den Vorwurf der Lügenpresse und die zahlreichen Talkshow-Formate.

Wechsel an der Spitze: Zehn Jahre lang war Thomas Baumann Chefredakteur der ARD, zum 1. Juli wechselt er ins Hauptstadtstudio nach Berlin und wird dort stellvertretender Chefredakteur Fernsehen und stellvertretender Studioleiter.

Bevor Baumann seine Zelte in der Arnulfstraße abbricht, empfing er die tz zum Interview. Wir wollten von dem 55-jährigen gebürtigen Franken wissen, wie das persönliche Fazit seiner Amtszeit ausfällt, wie er mit dem weit verbreiteten Vorwurf der Lügenpresse umgeht und warum er einen Politiker wie Alexander Gauland als Talkshow-Gast für vertretbar hält. Baumanns Nachfolger in München wird Rainald Becker.

Herr Baumann, Anne Will hat in der letzten Ausgabe ihrer Talkshow vor der Sommerpause gesagt: „Sollte in den nächsten Wochen etwas passieren, was noch wichtiger ist als der Sport, wären wir für Sie da.“ Nun passiert gerade tatsächlich allerhand in der Welt: Terror, Hooligans bei der EM, die Diskussion um den Brexit. Wäre ein Polittalk nicht langsam angebracht?

Thomas Baumann: Wir werden am kommenden Sonntag, den 26. Juni, eine Extra-Ausgabe von Anne Will zu der Brexit-Entscheidung senden. Vor allem, wenn die Briten mehrheitlich mit Nein stimmen sollten, kann sich das Erste Deutsche Fernsehen keine talkfreie Zeit leisten – Fußball hin oder her. Was den Terror in Orlando angeht, haben wir am selben Tag einen Brennpunkt ins Programm genommen, um angemessen berichten zu ­können.

All diese Entscheidungen gehören zu Ihren letzten als ARD-Chefredakteur. Sie verlassen Ihren Arbeitsplatz hier in München, gehen nach Berlin und werden stellvertretender Leiter im Hauptstadtstudio. Warum eigentlich?

Baumann: Weil zehn Jahre Programm-Management und Organisation aus meiner Sicht genug sind. Ich sehne mich danach, wieder jeden Tag mit einer Redaktion journalistisch zu arbeiten.

Mit welcher Überschrift würden Sie Ihre Amtszeit als ARD-Chefredakteur versehen?

Baumann: Die Zeiten werden unruhiger. Als ich 2006 Chefredakteur wurde, gab es nicht jeden Tag so verstörende Meldungen wie wir es seit einiger Zeit erleben. Kriege, insbesondere in und rund um Syrien. Terrorakte. Arabische Revolutionen. Fukushima. Präsidentenrücktritte in Deutschland. Es gibt journalistisch gesehen keine Leerlaufzeiten mehr. Das hat meine Arbeit stark geprägt. Man muss jeden Tag extrem gut aufpassen, dass einem nichts „durchrutscht“.

Ist Ihnen mal was „durchgerutscht“?

Baumann: Ich hoffe, Sie legen es mir nicht als Eitelkeit aus, wenn ich sage: Grobe Schnitzer sind nicht passiert. Allerdings: Als die dpa 2010 die Eilmeldung verschickte, Horst Köhler ist zurückgetreten, hatte ich das zunächst für eine Falschmeldung gehalten.

Warum?

Baumann: Ich kannte Horst Köhler aus meiner früheren Zeit in Berlin ganz gut und war mir sicher, ein Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten passt nicht zu ihm. Als die Meldung kam, saß ich gerade in einer Konferenz und war für ein, zwei Minuten komplett sprachlos. Ein Kollege forderte dann: Herr Baumann, wir müssen reagieren. Und das haben wir dann getan.

In Ihren Verantwortungsbereich fielen auch die Talkshows. Sie waren einer der größten Verfechter für fünf Diskussionsrunden in der Woche und wurden dafür zum Teil scharf kritisiert. Waren Sie Reinhold Beckmann dankbar, als er die Diskussion über zu viele Talks im Ersten mit seiner „Kündigung“ von heute auf morgen beendete?

Baumann: Dankbar? Nein, das wäre zynisch. Reinhold Beckmann hat auf einem extrem schwierigen Sendeplatz exzellente Arbeit geleistet. Aber natürlich hat seine Ankündigung aufzuhören meine Arbeit ein Stück weit erleichtert.

Würden Sie aus heutiger Sicht – und nachdem auch Günther Jauch ausgestiegen ist – sagen, drei Talks pro Woche reichen?

Baumann: Drei sind in Ordnung, um die wesentlichen Themen abzudecken. Vier oder fünf Sendungen würden aber meiner Meinung nach auch funktionieren. Dabei bleibe ich.

Anne Will hat am Sonntag weniger Zuschauer als Günther Jauch. Dabei macht sie – da sind sich Beobachter recht einig – die journalistisch bessere Sendung. Das muss Sie frustrieren. 

Baumann: Dass Anne Will weniger Zuschauer hat als Günther Jauch ist nicht weiter verwunderlich, weil Günther Jauch durch seine Tätigkeit als Quizmaster noch andere Publikumsgruppen erreichen konnte als Anne Will, die ausschließlich als profilierte Journalistin arbeitet. Aber sie erzielt durchaus exzellente Werte.

Fanden Sie es vertretbar, dass Anne Will kürzlich mit Alexander Gauland einen Politiker eingeladen hat, der sich wenige Tage zuvor rassistisch geäußert hatte – Stichwort Boateng.

Baumann: Die Aussagen von Herrn Gauland haben Deutschland bewegt. Man kann eine Sendung machen und ausschließlich über ihn reden. Das wollten wir nicht. Herrn Gauland direkt mit seinen Aussagen zu konfrontieren, erschien uns wahrhaftiger.

Die ARD hätte auch Haltung zeigen und sagen können: Jemandem, der sich äußert wie Gauland, geben wir kein Forum.

Baumann: Wir geben ihm ja nicht einfach eine Bühne, er und seine Äußerungen wurden in der Sendung höchst kritisch diskutiert.

AfD-Politiker werden – obwohl sie reichlich im Programm auftauchen – nicht müde, die öffentlich-rechtlichen Sender als Lügenpresse zu beschimpfen. ARD und ZDF seien durch die Regierung gesteuert, machten Stimmung pro Flüchtlinge und so weiter. Dieser Vorwurf, das wurde wissenschaftlich untersucht, lässt sich durch nichts erhärten. Warum steht er dennoch im Raum?

Baumann: Was mich an dem Begriff Lügenpresse ungemein ärgert und stört, ist der Vorsatz, der uns damit unterstellt wird. Dieser Vorwurf entbehrt tatsächlich jeglicher Grundlage. Warum gibt es ihn dennoch? Ein Problem könnte sein, dass wir Journalisten von einigen Menschen stark zum politischen Establishment gerechnet werden. Vielleicht auch deshalb, weil wir, auch in den Nachrichtensendungen, uns zu sehr der Sprache der Politik bedienen. Dadurch könnte – möglicherweise – ein gewisses Grundmisstrauen entstehen. Gleichzeitig gibt es Statistiken, die klar belegen, dass die Menschen der Tagesschau eine extrem hohe Glaubwürdigkeit attestieren. Und: Die Zahlen sprechen auch dagegen, dass die Zuschauer uns nicht trauen. Im Schnitt schalten nun jeden Abend um 20 Uhr 10,05 Millionen die Tagesschau ein – so viele hatten wir zuletzt 2005.

Gibt es etwas, was Sie als Chefredakteur nicht erreicht haben?

Baumann: Ja, leider. Ich wollte bei unserem Wirtschaftsmagazin Plusminus die Zahl der Moderatoren auf zwei reduzieren. Zurzeit präsentieren sieben Kollegen die Sendung, weil sie von sieben verschiedenen ARD-Anstalten im wöchentlichen Wechsel gemacht wird. Aber – das war nicht zu machen. Jedes einzelne ARD-Haus besteht auf seinem Moderator. Daran sehen Sie: Als ARD-Chefredakteur kann man nur höchst selten alleine entscheiden, geschweige denn durchregieren (lacht).

Interview: Stefanie Thyssen

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