Im Wochentakt grüßt das Murmeltier

Kommentar zu "Hart aber Fair": Flüchtlingsdebatte statt Jahresrückblick

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München - Ein großer Jahresrückblick, das versprach die Sendung "Hart aber Fair" mit Moderator Frank Plasberg diese Woche. Statt Festtagsbraten kam allerdings wieder nur das Übliche auf den Tisch, findet unsere Autorin.

Bereits an der Gästelistenauswahl ließ sich noch vor der Sendung prophezeien, dass es bei Frank Plasberg in der Vorweihnachtszeit nicht besinnlich, sondern eher chaotisch und laut werden würde: Serdar Somuncu, Kabarettist vom Dienst, die Grüne Claudia Roth, die wirklich keinen Konflikt scheut, Edmund Stoiber, dessen Redebeiträge stark an seine berühmte Transrapid-Rede erinnern, Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke, der verzweifelt gegen Claudia Roths Unterbrechungen ankämpfen musste. Politologe Herfried Münkler brachte als Einziger ein wenig bedachte Ruhe und klare Denkanstöße in die Sendung.

Offiziell sollte es diese Woche bei "Hart aber Fair" um das Thema "Flucht, Terror, Skandale – wie hat 2015 unser Land verändert?" gehen. Inoffiziell dominierten das Trend-Thema Flüchtlinge und irgendwas mit Integration die Sendung. Wichtige Themen - zugegeben - ein echter Jahresrückblick sieht allerdings anders aus.

Tagesaktuelle Diskussion - kein Jahresrückblick

Mit den Geschehnissen des Tages beginnt der bunt durcheinander gewürfelte Talk bei Gastgeber Frank Plasberg: "Was für ein Jahr", konstatiert Plasberg. Ein Jahr in dem Angela Merkel von der Times zur Person des Jahres gewählt wird und auf ihrem eigenen Parteitag in Karlsruhe die Reihen schließen kann. "Ein Jubelparteitag und Jubelergebnis für Angela Merkel. Damit hat sie sich schon mal für die Geschichtsbücher angemeldet hat", meint der Moderator Plasberg bevor das "Best of" von Merkels Rede gezeigt wird.

"Die Realität bleibt wie sie ist, und ist mit Karlsruhe nicht weg“, stellt Cicero-Chefredakteur ruhig fest. Der Parteitag und die demonstrierte Geschlossenheit sei "eine wichtige politische Botschaft", findet Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Claudia Roth ist froh, dass Kanzlerin Merkel Stand gehalten, nicht über Verschärfungen geredet und dafür Applaus bekommen hat. "Es geht hier um die Zukunft der deutschen Seele", überspitzt Münkler.

War sonst irgendetwas los in diesem Jahr?

Das Thema der Sendung wurde bis dahin bereits seit endlos erscheinenden 15 Minuten konsequent ignoriert. Als die Rede auf Merkels Rechtfertigung ihrer Flüchtlingspolitik kommt - sie argumentierte in Karlsruhe mit dem "humanitären Imperativ - schwingt die Runde thematisch um: Plötzlich sind sie wieder alle versammelt: Die tausendfach diskutierten Wendungen rund um Flüchtlinge und die Integration derselben.

Diese Zustände seien "eine Schande für dieses Europa" gewesen, schreit Claudia Roth. Als Schwennicke die Ereignisse vom Spätsommer erneut aufwärmen möchte, greift Frank Plasberg beherzt ein. Aber nicht um endlich einen Jahresrückblick einzuläuten, sondern um auf Angela Merkels Jahr zurück zu kommen. War sonst irgendetwas los in diesem Jahr? IS, VW und beinahe Grexit? Klingelt da nichts?

Nachberichterstattung zum CDU-Bundesparteitag

Serdar Somuncu nimmt die Aufforderung Angela Merkels Jahr einzuordnen mit einem verächtlichen Schnauben auf und spricht stattdessen lieber über das fatale Signal, das die Kanzlerin an Flüchtlinge gesendet hat und über falsche Hoffnungen, die geweckt wurden. Der nächste Einspieler: Wieder eine Zusammenfassung der Geschehnisse rund um den CDU-Bundesparteitag. Der "Hart aber fair"-Talk wird zu einer Nachberichterstattung der Christlich Demokratischen Union.

Claudia Roth verliert im Laufe der Sendung mehrfach den Faden: "Worüber reden wir hier überhaupt"? Gekabbel und Wortgefechte wechseln sich ab mit stoiberschen Monologen. Münkler und Schwennicke können sich mit ihrer sachlichen Art nicht ganz behaupten auch wenn ihre Gedanken sicherlich neuen Wind in das mittlerweile antiquierte Talk-Thema gebracht hätten.

Im Prinzip hat "Hart aber fair" einen guten Jahresrückblick auf alle gesendeten Talk-Runden des Jahres 2015 gegeben: Dieselben Gäste, das immer gleiche Thema, diskutiert mit den üblichen Argumenten.

vf

Rubriklistenbild: © Screenshot ARD

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