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Ariela Bogenberger

Interview mit Ariela Bogenberger

Autorin erzählt: Im Bann der Psychosekte

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Die renommierte Drehbuchautorin Ariela Bogenberger erzählt, wie sie in die Fänge einer Sekte geriet – und wie sie sich aus ihr befreite. Die Dokumentation dazu läuft heute im BR.

Prien am Chiemsee - In einer Zeit, in der sie verletzlich und auf der Suche nach therapeutischer Hilfe war, geriet die Münchner Drehbuchautorin Ariela Bogenberger an den Schweizer Psychiater Samuel Widmer. Fast 18 Jahre lang war die heute 55-Jährige Teil seiner „Kirschblütengemeinschaft“, einer Gruppierung, die unter der kontrollierten Einnahme von LSD und weiterer Drogen „die Tür zur Seele aufstoßen“ wollte. 

In der neunzigminütigen BR-Dokumentation Aussteigen“von Petra Wagner, zu sehen am Dienstag (25. Juli) um 22.30 Uhr im Bayerischen Fernsehen, spricht Bogenberger schonungslos offen über die Zeit in der Psychosekte, über Gruppensex und einen narzisstischen Guru. „Die Drogen waren nicht das Dämonische“, sagt die dreifache Mutter, die wir zu Hause in Prien am Chiemsee (Landkreis Rosenheim) besucht haben.

Wissen Sie noch, wann Sie Ihre letzte Sitzung besucht haben?

Bogenberger: Ja, das war Weihnachten 2013 in Indien.

Danach sind Sie ausgestiegen?

Bogenberger: Es hat noch eine ganze Weile gedauert, aber irgendwann ließ sich das, was ich im Laufe der Jahre beobachtet habe, nicht mehr mit dem in Einklang bringen, wofür ich mal losgezogen bin. Als meine beste Freundin 2014 bei einer Drogenreise einen Schlaganfall hatte und von anderen Sektenmitgliedern 50 Stunden liegen gelassen wurde, war das der Anfang vom Ende. Auf einmal habe ich gesehen, dass keinerlei echtes Mitgefühl vorhanden ist.

Sie rechnen in der Doku sehr ehrlich mit sich selbst und ihrer 18-jährigen Mitgliedschaft in dieser Psychosekte ab. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Film zu machen?

Bogenberger:Solche Gemeinschaften hüten meistens ein Geheimnis. Das ist erwünscht, weil Geheimnisse dafür sorgen, dass die Tür zur Außenwelt zugeht. Unser Geheimnis waren die Rituale mit den Drogen. Im Jahr 2009 sind auf so einer Sitzung im Hinterzimmer zwei Leute gestorben. Es ist wichtig, dass man öffentlich über so etwas redet. Allein im Münchner Umland gibt es 800 sektenartige Gruppierungen. 800!

Wie schwer war der Ausstieg?

Bogenberger: Ich habe glücklicherweise nie in dieser Gemeinschaft in der Schweiz gelebt, sonst wäre ich da vielleicht nicht rausgekommen. Aber natürlich ist das Aufwachen ein Schock, die totale Enttäuschung. Ich bin ja da reingegangen, weil ich mir selbst näherkommen wollte, und am Ende war ich meilenweit von mir entfernt.

Haben Sie noch Kontakt zu Personen aus der Sekte?

Bogenberger: Hätte ich gern, weil ich meine Freunde vermisse. Ich weiß ja, dass sie, abgesehen von diesem riesigen Irrtum, ganz nette Leute sind. Aber schon beim Eintritt in die Gemeinschaft wird einem klargemacht, dass jeder, der das Geheimnis öffentlich macht, ein Verräter ist. Und zu „Verrätern“ gibt es ein Kontaktverbot.

Sie sind eine mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautorin – klug und reflektiert. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie Sie so lange in dem System festhängen konnten?

Bogenberger: Die sagen einem ja vorher nicht, dass man 20 Jahre dabeibleibt. Man geht da hin, um eine neue Therapie auszuprobieren, die einem ein Arzt empfohlen hat. Es ist perfide, weil man in so einer Situation besonders angreifbar und verwundbar ist. In anderen Sekten werden Mitglieder über einen Managementkurs oder ein Coaching geködert. Kulte gibt es wirklich mit allen Inhalten. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass sie alle einen Führer haben, der es seinem Charisma verdankt, dass er nicht in der Psychiatrie sitzt, sondern Menschen dazu bewegen kann, ihm zu dienen.

Im Film sagen Sie, die Sekte habe Sie ein Stück weit auch Ihre Ehe, Ihr Muttersein gekostet...

Bogenberger: Die Liebe zur großen Sache ist in so einer Gemeinschaft stärker als die Paarbeziehung. Das wirkt zerstörerisch. Außerdem wird dir eingeimpft, dass du dein Ego loswerden musst, um Erleuchtung und Liebe zu finden. Und dann arbeitet man gegen dieses herrliche Ego, das einen ja von allen anderen unterscheidet und besonders macht. Im Stress der ständigen Selbstoptimierung bleibt das Familienleben manchmal auf der Strecke.

Macht Sie das traurig?

Bogenberger: Ja, schon. Aber es hilft ja nichts, das zu bedauern. Das Gute ist, dass ich aufgewacht bin und als Autorin aus jedem Schrott, jeder schlechten Erfahrung zumindest noch ein gutes Drehbuch machen kann. (Lacht.)

Ein Drama oder eine Tragödie?

Bogenberger: Ich habe eher an eine Satire gedacht. Mit Gleichgesinnten organisiere ich gerade eine Selbsthilfegruppe für Aussteiger oder Angehörige von Sektenmitgliedern mit dem schönen Namen Goodbye Guru. Humor spielt im Sektenleben keine Rolle – vielleicht wäre er deshalb das richtige Werkzeug für eine filmische Aufarbeitung.

Welche Reaktionen fürchten, welche erhoffen Sie sich nach der Ausstrahlung der Doku?

Bogenberger: Na ja, ich hoffe, dass keiner vorbei kommt und mich verhaut. Aber noch mehr hoffe ich, dass wir das Thema nach vorn bringen und die Leute sensibilisieren können.

Hier finden Sie Hilfe:

Kriminalhauptkommissar Harry Bräuer ist bei der Münchner Polizei für den Fachbereich Sekten zuständig. Opfer oder Angehörige von Sektenmitgliedern können sich unter der Nummer 089/2910-4444 Hilfe holen.

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