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Für Volksmusik im UKW-Radio setzte sich Maximilian Stocker (l.) gestern in der „Abendschau“ ein. Die Diskussion leitete Reporter Martin Breitkopf (r.)

Diskussion in der "Abendschau"

Volksmusik nur noch im Digitalradio: "Warum, Herr Hörfunkdirektor?"

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München - Vertreter des BR und Gegner der Programmreform des Senders debattieren am Mittwoch in der "Abendschau" über Volksmusik im Digitalradio.

Es ist eine „Entscheidung mit Zündstoff“. Die Formulierung, die „Abendschau – der Süden“-Moderator Tom Meiler am Mittwochabend wählt, ist nicht übertrieben: Seit klar ist, dass der Bayerische Rundfunk ab Mitte Mai keine Volksmusik mehr via Bayern 1 senden wird, gibt es Hörer-Proteste von überall aus dem Freistaat. Auch auf unserer Leserbriefseite wurde ausführlich diskutiert über die Frage, ob es richtig ist, dass Volksmusik künftig nur noch der hören kann, der Internet oder ein Digitalradio hat – und damit den Sender „BR Heimat“ empfängt. 

Der BR stellt sich der Kritik und lud am Mittwoch wie berichtet zu einer Diskussion zum Thema in den Gasthof Maurer in Samerberg (Landkreis Rosenheim) ein. Im Regionalfenster und anschließend in der bayernweiten „Abendschau“ diskutierten Rundfunk-Vertreter und Gegner über die Programmreform. Mit dabei auch Maximilian Stocker aus Icking (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Der junge Mann hatte gemeinsam mit Ruth-Maria Frech aus Irschenhausen eine Online-Petition gegen die Verbannung der Volksmusik aus dem UKW-Radio gestartet. 

"Der Bayerische Rundfunk muss Bayern repräsentieren"

Mittlerweile haben die Petition der zwei 24-Jährigen mehr als 13 000 Befürworter unterzeichnet. Selbstbewusst steht Stocker in der Wirtschaft, in Tracht gekleidet, dem Hörfunkdirektor Martin Wagner gegenüber. Und fordert, „dass die bayerische Volksmusik auch im frei empfangbaren Bereich, das heißt nicht nur digital, sondern weiterhin auf UKW einen Platz verdient“. Denn: „Der Bayerische Rundfunk muss Bayern repräsentieren. Deshalb gehört die Volksmusik in die Hauptsender.“ Das sieht Wagner naturgemäß anders. Er ist stolz auf den vor einem Jahr geschaffenen digitalen „BR Heimat“-Sender, der 24 Stunden Volksmusik bietet. „Wir haben mit ,Bayern Heimat‘ ein Volksmusikparadies eröffnet und sehen: Es ist gut bevölkert“, sagt er stolz lächelnd. 

Tatsächlich: Als „Abendschau“-Reporter Martin Breitkopf in die Gasthof-Runde fragt, wer ein Digitalradio besitze, gehen viele Hände nach oben. Jeder zehnte Bayer besitze bereits die digitale Hörfunk-Maschine, betont Breitkopf. Und was ist mit den anderen? Genau um die geht es dem engagierten Volksmusik-Hörer Stocker: „,BR Heimat‘ ist ein schönes Zusatzangebot, ich hör’s übers Internet. Aber man kann doch nicht gerade von alten Menschen erwarten, dass sie sich extra ein neues Gerät zulegen.“ Viele müssten jeden Cent umdrehen – da sei ein Radio-Kauf eine happige Investition. 

Elf Prozent der Bayern besitzen ein Digitalradio

Hier hakt Reporter Breitkopf ein – Frage an den Hörfunkdirektor: „Sind die Alten dem BR also nicht mehr so wichtig?“ Nein, ganz im Gegenteil, betont der. „So bayerisch wie wir ist kein anderer, und kein anderer wäre auf die Idee gekommen, 24 Stunden Volksmusik anzubieten. Bayern ist uns so wichtig, dass wir ein eigenes Programm auf die Beine gestellt haben.“ Alles schön und gut, findet Volksmusiker Josef Menzl, der ebenfalls zur Diskussion geladen war. „BR Heimat ist eine tolle Einrichtung, mag sein. Aber das ist kein Grund, die Volksmusik auch aus dem UKW zu verbannen. 

Seit 50 Jahren vereint die Volksmusik um 19 Uhr die Familie am Brotzeittisch. Was kommt als nächstes? Ist bald die Sendung ,Betthupferl‘ dran?“ Er betont noch einmal, dass nur elf Prozent der Bayern ein Digitalradio besitzen. Und was ist überhaupt mit den Autofahrern? Die Frage bringt Wirtshausgast Sepp ins Spiel. Auf die Erklärung Breitkopfs: „Da brauchen’s einen Adapter“, reagiert der Bayer verständnislos: „Einen Adapter? Im Autoradio? Dann höre ich das Salzburger Programm.“ Das ist freilich nicht im Sinne des Erfinders. 

Entschärfung? Nicht in Sicht

Hörfunkdirektor Wagner wirbt denn noch einmal für die Reform: „Auf ,BR Heimat‘ muss ich eben nicht mehr um 19 Uhr einschalten, um Volksmusik hören zu können. Das kann ich jetzt immer, wann ich das will und nicht, wann der Bayerische Rundfunk das will.“ Einer, den er überzeugen konnte, sitzt ebenfalls im Gasthof: Andreas Horber, Geschäftsführer des Bayerischen Blasmusikverbandes, ist Freund des neuen digitalen Angebots geworden: „Statt einer Stund’ gibt es nun fünf Stunden Blasmusik. Das ist eine Vielfalt, die bei ,Bayern 1‘ nie da war.“ ,BR Heimat‘-Verantwortlicher Stefan Frühbeis stimmt dem zu: „Die Klangfarben, der Mix aus Traditionellem, Konzerten und Bayerisch-Böhmischem – wir können da eine Mischung anbieten, die wir vorher nicht hatten.“ 

Volksmusiker Menzl will das nicht so stehen lassen. Sichtlich genervt hakt er ein: „Das hier ist eine Werbesendung fürs Digitalradio. Dabei sollte es doch um etwas ganz anderes gehen: Um die Frage, warum man die Volksmusik nicht zusätzlich in ,Bayern 1‘ belässt.“ Er richtete diese Frage direkt an Wagner: „Warum fliegt sie aus dem Sender raus, Herr Programmdirektor, warum?“ Leider endet genau in diesem Moment die Live-Schalte ins Gasthaus. „Das können wir heute nicht mehr klären“, sagt Breitkopf. Aber, freundlich lachend: „Die Diskussion geht weiter. Im Internet!“ Auf diesen Hinweis winkt Menzl nur genervt ab. Entschärfung? Nicht in Sicht.  

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