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Selbst der energische Druck auf den Lautstärkeregler der Fernbedienung ist nicht immer die Lösung, denn mit den Stimmen der Akteure wird auch die Musik lauter, die die Dramatik der Handlung unterstreichen soll.

Begleitendes Getöse beim Fernsehen

München - Immer mehr Zuschauer monieren zu laute Hintergrundmusik im Fernsehen, doch die meisten Sender stellen sich taub.

„Was hat er jetzt gesagt?“ Wenn Josefa Holtzmann, Leserin unserer Zeitung, und ihr Ehemann vor dem Fernseher sitzen, verzweifeln sie regelmäßig. Da nützt weder wildes Drücken auf der Fernbedienung, noch den Sessel näher an den Bildschirm zu rücken. Vor lauter Hintergrundmusik verstehen sie oft kein Wort mehr – und das nicht nur bei der Werbung.

„Es gibt Serien, aber auch Dokumentationen oder Filme, da ist die Musik so laut, dass wir nicht mehr richtig hören, was die Schauspieler oder Sprecher eigentlich reden“, beschwert sich die rüstige Rentnerin. Und nicht nur ihnen gehe es so, beteuern sie: „In unserem Bekanntenkreis leiden sehr viele Leute darunter.“ Doch wo liegt das Problem? Ist die Musikuntermalung im Fernsehen tatsächlich lauter geworden? Oder spielen Hörgewohnheiten und auch -fähigkeiten der Zuschauer die entscheidende Rolle?

„Das Ganze ist sehr komplex“, weiß Elmar Hergenröder, Cheftonmeister beim Bayerischen Fernsehen und Kopf einer Truppe, die sich speziell mit dieser Problematik beschäftigt. „Zunächst einmal muss man abklären, welche Sender die Zuschauer überhaupt sehen. Denn die Privatsender gehen häufig anders mit dem Thema um als die öffentlich-rechtlichen“, sagt er.

Besonders bei Doku Soaps ist der Unterschied eklatant. Pro Sieben, RTL, Sat.1 und andere unterlegen solche Sendungen seit einiger Zeit gern mit viel Musik. Titel und Stil der Songs wechseln dabei oft rasant. Das ist vielleicht gut für die Dramaturgie, aber schlecht fürs Ohr: „Es ist ziemlich anstrengend, dabei den gesprochenen Text zu verfolgen, was mit zunehmendem Alter noch schwieriger wird“, räumt Hergenröder ein.

Susanne Lang, Sprecherin von Pro Sieben, bestätigt zwar, dass gerade bei Dokumentationen viel mehr Toneffekte eingesetzt würden als früher. Zu laut sei diese Beschallung allerdings nicht, weist Lang den impliziten Vorwurf des öffentlich-rechtlichen Kollegen zurück: „Das ist vielmehr eine Frage der Gewohnheit. Bei Filmen fällt die Musik oft gar nicht auf. Nur bei Dokumentationen fühlen sich manche Zuschauer gestört, weil sie das dort nicht gewöhnt sind.“

ARD und ZDF dosieren die Musikkulisse bei Dokus bisher zwar zurückhaltender als die Privaten, doch auch sie lassen sich hin und wieder vom Sog der Konkurrenz mitreißen, muss Hergenröder immer wieder feststellen. Immerhin: „Bei uns wird bewusster mit diesem Problem umgegangen.“ Gut ausgebildete Tonmeister stünden der Mischweise von Wort und Musik sehr kritisch gegenüber und griffen ein, wenn das Wort in den Hintergrund gedrängt zu werden drohe, verteidigt Hergenröder seine Zunft.

Darüber hinaus müssen sich ARD und ZDF eigentlich an technische Richtlinien halten, die sie gemeinsam erarbeitet haben und die die Aussteuerung von Sprache und Effekten regulieren. „Trotzdem hören auch wir gelegentlich Kritik von unseren Zuschauern“, gibt ARD-Sprecher Bernhard Möllmann zu. „Einen allgemeinen Trend zu lauterer Musik können wir aber nicht feststellen“, beeilt er sich jedoch hinzuzufügen und schiebt den schwarzen Peter eher den Zuschauern zu: „Hören wird eben subjektiv erlebt. Insofern kann es keine Aussteuerung von Sprache und Musik geben, mit der alle einverstanden sind.“

Auch in Mainz weist man die Verantwortung für das Dilemma der Holtzmanns, vor lauter begleitendem Getöse das Eigentliche zu verpassen, von sich. Schuld sei häufig die Technik selbst, so Thomas Stange vom ZDF: „Fernsehgeräte unterscheiden sich in der Qualität und den Möglichkeiten der Feinjustierung der Tonwiedergabe signifikant.“ Liegt es also am schlechten Gerät, wenn die Musik alles Gesprochene niederschmettert? Bei vielen vermeintlichen Schnäppchen werde an guten Lautsprechern gespart, glaubt Pro Sieben-Frau Susanne Lang. Auch die falsche Justierung des Fernsehers könne häufig ein Grund dafür sein, dass man in einem Krimi vor lauter dramatischer Musik den ermittelnden Kommissar kaum mehr versteht.

Bernhard Möllmann von der ARD hat den „Raumklang“-Effekt im Verdacht: „Ist der Fernseher darauf eingestellt, werden Musik und Effekte verstärkt, und die Stimmen klingen im Vergleich dazu leiser.“ Bei Tonchef Hergenröder stoßen derlei Erklärungsversuche nur bedingt auf offene Ohren. Denn hehre Richtlinien und Technik hin oder her, auch bei korrekter Einstellung und einem guten Fernseher kann die Musik manchmal störend (laut) sein – egal ob bei den privaten oder den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und der Experte weiß auch, warum: „Junge Menschen haben leider einen unkritischen Bezug zur Lautstärke“, bedauert er.

Und um diese Zielgruppe anzusprechen, ließen sich die Fernsehmacher immer wieder dazu hinreißen, Beiträge mit dominanter Hintergrundmusik auf „jugendlich“ zu trimmen. „In den letzten Jahren hat sich die Intensität der Hintergrundmusik ganz sicher verändert,“ resümiert der Fachmann. Josefa Holtzmann kann das nur bestätigen. „Manchmal verleidet uns das regelrecht den gemütlichen Fernsehabend“, seufzt die Münchnerin: „Statt uns zu entspannnen wird Fernsehen dann richtig anstrengend.“

Von Melanie Brandl

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