Beharrliche Suche nach dem Monströsen

- Wer selbst das große Publikum sucht, Politiker oder Schauspieler beispielsweise, muss sich den angemessenen Umgang mit den Medien erst (mühsam) erarbeiten. Dann aber weiß er mit ihnen umzugehen; er wird zum Profi. Deshalb wohl sind einem wie Reinhold "Beckmann" die Amateure unter seinen Gästen viel lieber als die routinierten Stars, denn sie lassen sich in Talkshows (vermeintlich) leichter "knacken". Eine solche Amateurin ist Susanne Osthoff aus Glonn im Landkreis Ebersberg, die erst durch ihre dreiwöchige Geiselhaft im Irak im Dezember vergangenen Jahres jäh ins grelle Licht der Öffentlichkeit geriet.

Und wenn die Kamera läuft (leider auch die der öffentlich-rechtlichen ARD), gibt's kein Zurück mehr - auch wenn schnell klar wird, dass die Gesprächspartnerin schwer traumatisiert ist, kaum konkret auf Fragen antwortet (oder antworten will), sich auch ziemlich oft widerspricht. Das - und den latent aggressiven Unterton - kann man Osthoff selbst nicht zum Vorwurf machen, wohl aber den Sender-Verantwortlichen, die mögliche Eskalationen wohl schon einkalkulieren, sich vielleicht sogar über sie freuen.

 Beckmann, der adrette Bluthund mit der Vorliebe für entgleiste Gesichtszüge, interessiert sich nicht für außergewöhnliche Biografien, er sucht beharrlich das Monströse. Er interessiert sich nicht für die Umstände, die die zum Islam Konvertierte dazu gebracht haben, in der arabischen Welt zu leben - mit allen Konsequenzen.

 Deshalb achtet er nicht auf die Schilderungen, die sich, über die Sendung verteilt, doch zu einem Bild über die Verhältnisse im von Krieg und Bürgerkrieg geschundenen Irak runden. Nein, er zieht es vor, die Hälfte der Zeit (vergeblich) die Tage der Geiselhaft zu beackern, immer auf der Pirsch nach der Sensation. Er beschränkt sich darauf, Fragen zu stellen, die Emotionen herausfordern sollen ("Hat man Ihnen als Frau Gewalt angetan?", "Was war das Schlimmste?") und die doch überwiegend von bestürzender Einfalt sind.

 Und die 43-Jährige tut ihm nicht den Gefallen, in Tränen auszubrechen, ihm die Sätze zu liefern, die er hören will. Sie ändert auch den Ton nicht, als die Sprache auf ihre Familie kommt und auf die "Irritation der deutschen Öffentlichkeit". Spätestens da sind dem Interviewer die letzten eigenen Ideen ausgegangen, er versteckt sich lieber hinter "Bild"-Schlagzeilen, "Stern"-Geschichten und spektakulären Fernsehbildern. Doch um seine Show zur platten Revue der wildesten Gerüchte umzufunktionieren, dafür ist die Sendezeit zu schade.

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