Behinderte und andere Baustellen

- Meine Arbeit, meine Frau, mein Urlaub - mit diesen drei Fixsternen führt Kurt Mahlström seit 15 Jahren ein vierköpfiges Unternehmen namens Familie, und wehe wenn das spießige Firmament einmal durcheinander gebracht wird! Doch genau dies geschieht in Tim Tragesers Komödie "Tollpension".

 Dem braven Mann droht die Kündigung, seine Frau sieht sich nach einer Affäre um und die obligatorischen Pensionszimmer mit Blick auf die Ostsee sind bereits an eine Gruppe von Behinderten vergeben. Der sauer verdiente Urlaub wird noch in einer Katastrophe enden, wenn Kurt nicht endlich lernt, sich gegen die Macht der Gewohnheit zu wehren.

"Leider, leider - oder Gott sei Dank - verändern sich alle Menschen", sagt die Münchner Schauspielerin Petra Zieser, die im Film an der Seite von Uwe Ochsenknecht die vernachlässigte Ehefrau spielt. "Die Kinder werden älter und die Frau möchte auch nicht unbedingt als Möbelstück mit in den Urlaub genommen werden." Deswegen gibt "Tollpension" sogar dem merkwürdigen Verhalten des kleinen deutschen Mannes zur Urlaubszeit noch eine Chance: "Plötzlich sieht Kurt Mahlström hinter der Fassade den Menschen. Hinter dem Behinderten sieht er den liebenswerten Menschen Rolf, hinter der kleinen Kati sieht er die zur Frau werdende, bildschöne Tochter, und hinter seiner Frau, die er bis jetzt nur als Mutter seiner Kinder gesehen hat, sieht er eine auch verletzbare Frau, die Bedürfnisse hat. Das ist eine kleine Veränderung, aber eine wichtige."

Erstaunlich, wie viele ernste Diskussionsthemen dieser Film mit dem flapsigen Namen unter seiner heiteren Schale bereithält - Offenheit und Vertrauen, das Eingeständnis von Schwächen, die Überholtheit einer starren Rollenverteilung. Die finanziellen Probleme, die Kurt zum bemitleidenswerten Geizhals machen, und die harten egoistischen Vorurteile gegenüber der Behindertengruppe - letztendlich steckt in der "Familienkomödie" auch sehr viel entwaffnende Tragik. "Es ist ja unglaublich", so die in Krimis wie (Kino-)Komödien gleichermaßen präsente Schauspielerin, "wie oft in Deutschland Gefechte geführt werden gegen Hotels, weil Nichtbehinderte mit Behinderten zusammenwohnen ,müssen’. Ich glaube, viele Menschen, die zwei Wochen teuren Urlaub im Jahr haben, die wollen wirklich unbelästigt sein. Da werden dann halt Behinderte und Baustellen in einen Topf geworfen."

Und was ist nun die Moral von der Fernsehgeschicht', mit der sich der deutsche Urlauber doch noch auf die nahenden Sommerferien freuen kann? Zieser: "Dass er sich auf jedes Abenteuer einlassen sollte. Ich glaube, der Fehler ist oft, dass man's erst recht wie zuhause haben und jedes Risiko ausschließen möchte, damit man seinen Frieden hat. Aber Urlaub heißt ja auch, dass man sich neuen Dingen öffnet."

ARD, heute, um 20.15 Uhr.

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