Beide Seiten ehrlich beschreiben

- Dramatische Geschichten um Liebe oder Verrat vor dem Hintergrund historischer Ereignisse zu erzählen, hat im deutschen Fernsehen Hochkonjunktur. Ob "Der Tunnel", "Die Luftbrücke" oder jüngst "Die Sturmflut", all diese Filme zählen zum gefragten Genre des "Histotainment". Regisseur Roland Suso Richter, der mit dem "Tunnel" Erfolge feierte, hat sich an ein weiteres Großprojekt gewagt: Im zehn Millionen Euro teuren Zweiteiler "Dresden" schildert der 45-Jährige den schrecklichen Bombenangriff, den die britische Luftwaffe am 13. Februar 1945 flog und der in nur einer Nacht rund 25 000 Menschen das Leben kostete.

Neben Felicitas Woll und John Light sind Benjamin Sadler, Heiner Lauterbach und Marie Bäumer in den Hauptrollen zu sehen.

Darf man Ereignisse wie die Bombennacht von Dresden überhaupt als Hintergrund für einen Unterhaltungsfilm nutzen?

Roland Suso Richter: Eines wollte ich auf keinen Fall: nur eine dramaturgisch spannende Geschichte auf der Basis einer Katastrophe erzählen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich dem, was da in dieser Nacht passiert ist, menschlich gerecht werde und daraus eben nicht nur einen Unterhaltungsfilm, sondern einen Antikriegsfilm machen kann.

Und wie wird aus einem Film über den Krieg ein Antikriegsfilm?

Richter: Wichtig war für mich, die Dramaturgie der Geschichte gerade im letzten Teil des Films hintanzustellen. Da werden plötzlich für alle Menschen die Wünsche und Pläne auf Null runter gefahren und gehen auf in einem kollektiven Gefühl von "Wie überlebe ich so eine Nacht?". Das unterscheidet "Dresden" zum Beispiel ganz massiv von der "Sturmflut", wo das dramaturgische Konzept bis zum Ende durchgezogen wurde. Auf der anderen Seite braucht man aber eine Geschichte, die den Zuschauer menschlich an einen Protagonisten heranführt. Das ist ein klassisches Erzählmuster: Hass, Liebe, Leidenschaft, das gehört zum Leben dazu. Und eine Strecke von 180 Minuten Film kann ich nur bewältigen, wenn ich den Zuschauer auch emotional binde. Ich hoffe einfach, dass er dann am Ende begreift, dass dies mehr ist als nur die Story um eine Liebe.

Die Bombennacht von Dresden wurde oft politisch instrumentalisiert. Hatten Sie keine Sorge, Applaus von der "falschen Seite" zu bekommen?

Richter: Ich habe immer versucht, nicht eine Seite nur schwarz zu malen, sondern sie zu zeigen, wie sie wirklich war. Die britischen Piloten waren keine diabolischen Jungs, sondern haben ihren Job gemacht und wären wahrscheinlich lieber im Pub gesessen als im Flieger. Dass dahinter ein Apparat stand, der wie alles im Leben von wahnsinnig vielen Druckelementen gesteuert wurde, sei es durch Geld, Wirtschaft, Erfolgshunger, das steht da drüber. Wenn man also beide Seiten direkt und ehrlich beschreibt, bekommt man auch keinen Applaus von der falschen Seite.

Sie arbeiten mit vielen Originalaufnahmen. Warum?

Richter: Mich hat es sehr berührt, diese Bilder zu sehen. Außerdem kamen wir um solche historischen Aufnahmen nicht herum, weil wir das gar nicht alles hätten darstellen können. Das wäre rein finanziell nicht drin gewesen. Hinzu kommt: Dass sich diese Bilder und unsere eigenen so gut vermischen ließen, zeigt, wie nah wir dran sind an dem, was damals passierte.

An wen richtet sich der Film? Soll er erinnern, aufklären, ermahnen?

Richter: Er richtet sich vor allem auch an ein junges Publikum. Ich glaube, dass man gerade im Alter zwischen 18 und 28 die wichtigsten Filme seines Lebens sieht. Ein Film in dieser Phase hinterlässt einen Prägestempel in der Struktur des Erinnerns. Diese Prägung trägt man mit sich, und irgendwann in einem ganz anderen Lebensmoment kommt das als Reflexion zurück. Dann kann es wirken - und wenn das passiert, habe ich viel erreicht.

Das Gespräch führte Melanie Brandl

ZDF, Sonntag und Montag, jeweils 20.15 Uhr.

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