Beobachtungen in Hünxe

"Aktenzeichen" feiert Jubiläum: - Nachfolgende Generationen werden kaum glauben können, dass es im deutschen Fernsehen einst einen sehr korrekten Herrn gab, der nur "Guten Abend, verehrte Zuschauer" sagen musste, und schon liefen dem Publikum wohlige Schauer über den Rücken. Dieer Mann hieß EduardZimmermann. Im Oktober wird seine ZDF-Sendung "Aktenzeichen: XY... ungelöst" 40 Jahre alt. Schon morgen (20.15 Uhr) feiern die Macher ein anderes Jubiläum - die 400. Folge.

"Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede Polizeidienststelle entgegen" - dieser Satz war in den Siebzigern so allgemein bekannt wie Robert Lembkes "Welches Schweinderl hätten S‘ denn gern?" Eduard "Ede" Zimmermanns Ganovenjagd am Freitagabend war ein Ritual. Die scheppernde Eingangsmusik, die eichenfurnierte Kulisse, die um verständliche Formulierungen ringenden Kripobeamten im Studio, die laienhaft agierenden Schauspieler, und natürlich die tremolierende Stimme im Off mit Sätzen wie: "Die junge Frau ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie das elterliche Haus nie erreichen wird."

Dann das Einblenden von Beweismaterial wie Schlüsselanhängern oder Kleidungsstücken des Opfers, stets so unauffällig und gewöhnlich, dass man sich in beklemmender Weise an die eigene Garderobe erinnert fühlte. Der Ruf "Hallo Wien" war das Stichwort für Peter Nidetzky, gefolgt von Konrad Toenz im schweizerischen Zürich. Auch die Repräsentanten der einst koproduzierenden Sender ORF und SRG erreichten bald Kultstatus. Und - für höchste Aktualität stehend - das geschäftige Telefonieren im Hintergrund. Frauen und Männer, von denen man nie erfuhr, ob es Polizisten, Telefonisten oder einfach nur Statisten waren, nahmen "sachdienliche Hinweise" der Zuschauer entgegen. Denn sie waren es ja, die die Kapitalverbrechen aufklären sollten.

Ihr Gedächtnis wurde dabei mitunter hart auf die Probe gestellt: "Wer hat am 26. Februar vergangenen Jahres auf der Autobahnraststätte Hünxe einen Mann in einer hellbraunen Lederjacke beobachtet?"

Von Anfang an war das Konzept der Sendung umstritten. Zimmermann hatte zeitweise Polizeischutz, weil er auf der Todesliste der RAF stand. Heinrich Böll bezeichnete "Aktenzeichen XY... ungelöst" als ein "muffiges Grusical für Spießer". Auch die öffentlich-rechtliche ARD übte lange Kritik am Format des Schwestersenders. Noch 1989 lehnten ARD-Verantwortliche das Konzept als "Menschenjagd in öffentlich-rechtlichen Medien" ab, es koppele "Unterhaltung mit polizeilicher Ermittlungsarbeit". Es ist nicht ohne Ironie, dass 2002 ein ehemaliger RAF-Strafverteidiger der erste Schirmherr des "XY-Preises" wurde - der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD).

Zimmermann verließ die Sendung vor zehn Jahren nach der 300. Folge. Inzwischen wird sie von Rudi Cerne präsentiert. Die Aufklärungsquote liegt weiterhin bei gut 40 Prozent, der handgeschnitzte Stil dagegen hat sich mit den Jahren verloren. Das muss wohl so sein - und trotzdem trauern noch immer zahllose Fans der Zeit nach, als Eduard Zimmermann seine Berichte über besonders bestialische Verbrechen mit den Worten "Traurig, aber wahr" einleitete.

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