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„Wir schaffen das“ – einer der wohl am häufigsten zitierten Angela-Merkel-Sätze des vergangenen Jahres in den deutschen Medien.

Spannende Studie

Ist die Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik zu positiv?

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München - Eine Studie der Hamburg Media School wertet die Berichterstattung deutscher Medien über den Flüchtlingszustrom aus. Es ist eine in politisch turbulenten Zeiten hochspannende journalistische Studie.

Die Frage, die ein Projektteam der Hamburg Media School (HMS) umtreibt, lautet: Wie haben deutsche Medien in den Jahren 2009 bis 2015 über die Flüchtlingspolitik berichtet?

Eines der vorläufigen Zwischenergebnisse, die nun anlässlich der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz in Hamburg vorgestellt wurden: Insgesamt seien 82 Prozent aller Beiträge zum Thema Flüchtlingszustrom positiv konnotiert gewesen, sechs Prozent hingegen hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Zwölf Prozent waren wertneutral.

Leiter der Studie ist der Hamburger Medienwissenschaftler Michael Haller. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Mediennutzungswandel, Qualitätssicherung im Journalismus und Berufsethik. Ehe das Projekt, das von der Otto-Brenner-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, fertig gestellt ist, möchte sich der Professor nicht zu den endgültigen Ergebnissen äußern. Auf Anfrage teilte er jedoch mit, dass im Herbst dieses Jahres der Abschlussbericht vorliegen soll. „Um die weiteren Auswertungsarbeiten nicht zu beeinträchtigen, wollen wir unsere Ergebnisse erst nach Abschluss der ganzen Studie – voraussichtlich Anfang Oktober 2016 – vorstellen“, so Haller.

Der Wandel des Begriffs "Willkommenskultur"

Denn die Berichterstattung, sie geht ja weiter. Und hat sich gewandelt. Anfangs griffen die Medien den von der Politik etablierten Begriff „Willkommenskultur“ auf. Und bis zum Anfang des vergangenen Jahres durchaus positiv. Weitgehender Tenor in der allgemeinen Berichterstattung: Deutschland zeige eine vorbildliche Willkommenskultur – als Folge des vorherigen im europäischen Ausland negativ aufgenommenen Umgangs mit der Flüchtlingsproblematik in Italien und der Krise Griechenlands.

Kritisch merkt der Studienleiter an, dass viele Medien die Politik der offenen Grenzen in ihrer Berichterstattung zu wenig problematisiert hätten. Nur ein Drittel der Berichte hätten von September 2015 an Probleme aufgegriffen. Überhaupt war bis zum September 2015 „Willkommenskultur“ das Schlagwort in der Berichterstattung. Besonders nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Heidenau und dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf. Erst zum Jahresende 2015 habe sich die in der Gesellschaft immer kritischer gesehene Merkel’sche „Wir schaffen das“-Politik auch in den Medien widergespiegelt. Dann kamen mehr und mehr Berichte etwa aus Flüchtlingsunterkünften auf, die auch die andere Seite der Medaille beleuchtet hätten. Das vorläufige Zwischenfazit von Hallers Projektteam: Viele Medien seien in ihren Berichten der sich ändernden Wahrnehmung in der Bevölkerung hinterhergelaufen. Die Folge: ein Glaubwürdigkeitsverlust bei Lesern, Zuschauern und Zuhörern.

Allgemein gilt: Je mehr Flüchtlinge kamen, desto mehr wurde berichtet. 2015 waren es laut Haller 19 000 Beiträge. Zum Vergleich: In den sechs Jahren zuvor waren es insgesamt 4000 Berichte zu dem Thema.

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Berichterstattung über Flüchtlingspolitik: Glaubwürdigkeit nicht verspielen

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