Berserker mit blauen Augen

München - Den Eltern zu beweisen, dass man den richtigen Beruf ergriffen hat, kann schwer fallen. Götz George hatte es besonders schwer, denn seine Eltern, Heinrich George und Berta Drews, waren gefeierte Stars in genau dem Metier, das der Sohn anstrebte.

Doch der gebürtige Berliner, der sieben Jahre alt war, als sein Vater im Jahr 1945 im von den Sowjets umfunktionierten KZ Sachsenhausen starb, hat es geschafft, sich einen eigenen Namen zu machen. Heute wird George 70 Jahre alt, und noch immer nimmt er Maß an seinen Eltern, kommt, wie in einem Porträt seiner Lebensgefährtin Marika Ullrich, schnell auf seine im Jahr 1987 gestorbene Mutter zu sprechen. Ihr widme er seine Karriere, sagt er in dem Film, den das Erste heute um 21.45 Uhr zeigt.

Doch obwohl der junge Götz schon mit 17 seine erste Filmrolle übernahm, neben der gleichaltrigen Romy Schneider in "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" (1953), sollte es fast 30 Jahre dauern, bis sich der Schauspieler in die erste Reihe gekämpft hatte. Die Autorenfilmer der Siebzigerjahre besetzten einen, der zuvor in Melodramen wie "Das Mädchen und der Staatsanwalt" oder in Karl-May-Schinken wie "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" mitgewirkt hatte, nicht.

Und so konnte man den Kraftkerl mit dem Zug ins Proletarische als Bösewicht in Reihen wie "Der Kommissar" und "Derrick" bewundern, bevor er 1981 die Seiten wechselte und als "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski Furore machte. Ohne ihn hätte die Reihe nicht überlebt, glaubt Regisseur Hajo Gies (siehe auch Kasten), der mit George 15 "Tatorte" und vier Episoden der Nachfolgereihe "Schimanski" drehte. Drei Folgen gaben sich der Regisseur und sein Hauptdarsteller bis zur Absetzung, stattdessen wurde der "Bulle mit Herz", der Kriminaler, der im Kampf für das Gute auch einmal zu ungesetzlichen Mitteln griff, zur Marke, die es sogar ins Kino schaffte.

Von diesem Image wegzukommen, war schwierig, doch Berserker George schaffte es, auch weil Regisseure sein Potenzial jenseits des populären Serienhelden erkannten. Schon in Theodor Kotullas Film "Aus einem deutschen Leben" (1977), hatte er das hochgelobte Psychogramm eines KZ-Kommandanten entworfen, mit "Schtonk" (1992), Helmut Dietls genialer Satire über die gefälschten Tagebücher Adolf Hitlers, stellte er sein komisches Talent unter Beweis, ebenso später in "Rossini" (1997), Dietls Parodie aufs Filmgeschäft. Unter der Regie von Nico Hofmann entstand die Komödienreihe "Schulz und Schulz" (1989-1993), in der der fanatische Arbeiter für sich den Traum aller Schauspieler wahr werden ließ - die Doppelrolle.

In Romuald Karmakars Film "Der Totmacher" (1995) lieferte George andererseits die beklemmende Charakterstudie des Massenmörders Fritz Haarmann. In seinem Ehrgeiz, Dämonen ein Gesicht zu geben, produzierte er daneben aber auch Flops wie den Film "Nichts als die Wahrheit über den KZ-Arzt Josef Mengele (1999).

Seit vielen Jahren ist der Name Götz George Synonym für außergewöhnliche Filme, mindestens aber für Erfolg beim Publikum. Dazu gehören Thriller wie "Der Sandmann" (1995), Komödien wie "Alpenglühen" (2003/2005), Dramen wie "Der Vater" (2003) und "Der Novembermann" (2007) oder die Klassiker-Adaption "Kabale und Liebe" (2005). Noch immer ist George eine athletische Erscheinung, Kollegin Christiane Hörbiger gesteht in Ullrichs Film , daneben vor allem von den "wahnsinnig blauen Augen" fasziniert zu sein.

So gut Götz George noch immer im Geschäft ist, so sehr meidet er die Öffentlichkeit, zieht er sich, so oft es geht, nach Sardinien zurück, wo er seit vielen Jahren ein Haus besitzt. Sein Privatleben versuchte er stets abzuschirmen - nicht immer mit Erfolg. Die Trennung von seiner langjährigen Freundin Gabi Pauler sorgte vor Jahren für Schlagzeilen. Die Familie sei eben bei so viel Arbeit zu kurz gekommen, räumt George im Porträt seiner jetzigen Lebensgefährtin ein. Aus der Ehe mit Kollegin Loni von Friedl entstammt Tochter Tanja (40), die als Bildhauerin in Australien lebt.

Auch eine (Auto-)Biografie war dem Star lange ein Graus. Als man ihm gesagt habe, dass es so oder so eine geben würde, habe er die Flucht nach vorn angetreten, sagt George im Film. So entstand in Zusammenarbeit mit Torsten Körner das Buch "Mit dem Leben gespielt", das in diesem Frühjahr erschien.

Die ARD zeigt aus Anlass des Geburtstags heute um 20.15 Uhr den Film "Die Katze" mit Götz George und Hannelore Hoger, ein Remake des Klassikers von Georges Simenon aus dem Jahr 1970. Anschließend um 21.45 Uhr ist Marika Ullrichs Porträt "Nicht reden, machen" zu sehen.

 Was Regisseure über Götz George sagen

Hajo Gies: "Ich habe Götz George bei der Kostümprobe zum ersten Duisburger "Tatort" kennengelernt. Da ging's um die Frage, was Horst Schimanski tragen soll. Und weil George keine Lederjacke anziehen wollte, lief alles auf einen Parka hinaus, der aber von allen militärischen Accessoires befreit und anders eingefärbt wurde. Wir haben über das Outfit gemeinsam entschieden, wie über vieles andere auch. Götz George war für mich einer der ersten Schauspieler, die so voller Engagement waren, dass man mit ihnen ganze Filme entwerfen konnte. Er war von einer Besessenheit, die man selten findet, er wollte immer das absolut Beste aus jeder Szene herausholen. Er war von einer unglaublichen Körperlichkeit und der erste, der zur damaligen Zeit in Deutschland selbst über Autos sprang.

In Horst Schimanski ist viel, was auch in Götz George steckt, die Direktheit, das Undiplomatische, das Bedürfnis, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

Aber in dieser Figur steckt noch so viel anderes. Den Humor, die Selbstironie, auch das Tumbe, das er dann im "Totmacher" zeigt, konnte man im Schimanski schon finden. Insofern empfand ich es fast als beleidigend, wenn gesagt und geschrieben wurde, in "Schtonk" beispielsweise habe George gezeigt, dass er mehr könne.

Ich wünsche ihm, dass er den Schimanski noch so lange spielt, wie er will und kann, und dass nicht am Ende die Bürokraten über ihn siegen."

Nico Hofmann: "Kennengelernt habe ich Götz George bei der Ost-West-Posse "Schulz und Schulz". Ich traf ihn im Garten des Produzenten Markus Trebitsch. Er kam mit einer riesigen Motorradjacke an, und ich dachte, der Typ ist extrem jung für sein Alter. Es entstand dann eine lange, sehr schöne Zusammenarbeit. Spannend war, wie er im "Sandmann" aus der Rolle als Triebtäter und Schriftsteller diese ambivalente, gebrochene Männerfigur machte.

Die Zusammenarbeit mit ihm ist lustvoll und anstrengend zugleich. Götz George hat eine ungeheure Energie. Er betritt morgens um acht den Raum mit einer Energie, die andere erst nachmittags um vier haben. Er ist zu einer einzigartigen Choreographie mit seinem Körper fähig, hat ein unglaubliches Rhythmusgefühl und geht deshalb sehr mit dem Text mit. Diese körperliche Energie, von der er wie getrieben ist, war für mich eine prägende Erfahrung. Von ihm habe ich alles über Schauspiel gelernt. Er will immer bis an die Grenze gehen. Er ist für mich der letzte Rebell, den das deutsche Fensehen hat. Ich wünsche ihm, dass er seine Leidenschaft und Unbeugsamkeit, mit der er sich nicht aus der Bahn werfen lässt, behält und so bleibt, wie er ist."

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