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Nicht nur die Brille, die Rolex und die Maßanzüge, auch die Tränensäcke wurden im Lauf der Jahre zu seinem Markenzeichen: Den Kriminaloberinspektor Stephan Derrick spielte Horst Tappert 24 Jahre lang. "Derrick" war die international meistverkaufte deutsche Fernsehserie aller Zeiten.

Nachruf

Botschafter eines besseren Deutschland

Der Schauspieler Horst Tappert starb 85-jährig in München - "Derrick" war die Rolle seines Lebens.

Die Villen in den noblen Stadtvierteln Münchens - für Millionen von Fernsehzuschauern in aller Welt mussten sie, zumindest dem Augenschein nach, ein Hort des Bösen sein, für die Abgründe stehen, die in Deutschland hinter hohen Hecken und in den Salons der Reichen gähnten. Doch die gleichen Zuschauer sahen auch den Mann, der fast ein Vierteljahrhundert lang beharrlich alle Morde in der feineren Gesellschaft aufklärte.

Erinnerungen an Horst Tappert

Oberinspektor Stephan Derrick und sein Darsteller Horst Tappert verschmolzen mit den Jahren zu ein und derselben Person. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven TV-Polizeidienst vor fast genau zehn Jahren war es um Tappert, der im Gräfelfing (Landkreis München) wohnte, still geworden. Nur noch zwei Fernsehproduktionen mit ihm als Hauptdarsteller entstanden nach "Derrick". Wie erst heute bekannt wurde, ist der Schauspieler am Samstag im Alter von 85 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

Dass der Beamtensohn aus Wuppertal auf der Bühne landete, war purer Zufall. Der gelernte Kaufmann bewarb sich nach dem Krieg für den kaufmännischen Bereich des Theaters Stendal in Sachsen-Anhalt. "Allerdings geriet ich dann an den künstlerischen Direktor, und der fragte mich nach einer halben Stunde, ob ich nicht lieber Schauspieler werden wolle", sagte er vor einigen Jahren in einem Interview.
Tappert wollte. Und arbeitete sich nach oben, hatte Engagements unter anderem in Göttingen, Kassel, Wuppertal und schließlich in München, wo er zwischen 1956 und 1967 dem Ensemble der Kammerspiele angehörte. Seine erklärte Lieblingsrolle dort war die des Willy Loman in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Mit festen Engagements schloss Tappert, der später leidenschaftlich gern auf Theatertournee ging, danach radikal ab.

Längst waren inzwischen ja auch Film und Fernsehen auf den schlaksigen Darsteller mit der zunächst signifikant harten, in späten Jahren sanfter werdenden Stimme aufmerksam geworden. Vom Ordnungshüter war er zunächst weit entfernt. In "Die Rechnung - eiskalt serviert" (1962) und dem Dreiteiler "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (1966), der die Geschichte des legendären Postraubs von London nacherzählte, schien Tappert im Gegenteil auf den Typus des zynischen Bösewichts festgelegt. Dann jedoch wechselte er die Seiten. Bereits in den Edgar-Wallace-Verfilmungen "Der Mann mit dem Glasauge" (1968) und "Der Gorilla von Soho" (1969) spielte er einen Ermittler, ein paar Jahre später wurde der Produzent Helmut Ringelmann auf ihn aufmerksam, der einen Nachfolger Erik Odes alias "Der Kommissar" aufbauen wollte.

So wurde der Oberinspektor "Derrick" geboren, der zwischen 1974 und 1998 im ZDF ermittelte und zunächst von der Kritik verrissen wurde - nicht zuletzt, weil in der allerersten Folge, frei nach "Columbo", bereits von der ersten Minute an klar war, wer der Täter ist. Der frühe Derrick war ein Antiheld, unbeherrscht und rüpelhaft. "Als ich das erste Drehbuch bekam, hatte der Mann gar keinen Charakter", erinnerte sich Tappert später, "weshalb ich am Anfang vieles ausprobiert habe".
Mit den Jahren fand Tappert zu seinem Stil, sein Oberinspektor (ein Dienstgrad, der im Münchner Polizeidienst zu diesem Zeitpunkt längst abgeschafft war) wurde sanftmütiger, die Action mehr und mehr ersetzt durch Verhörszenen, durch Exkurse über die Schlechtigkeit der Welt, zu der der traurige Blick des Ermittlers gut passte. Herbert Reinecker schrieb vom ersten bis zum letzten Fall die Drehbücher, an der Seite des charismatischen Ganovenjägers agierte treu der stets ein wenig zu jugendlich gekleidete Harry Klein alias Fritz Wepper.

"Harry, hol schon mal den Wagen" - dieser Satz fiel, wie alle Beteiligten behaupten, nicht ein einziges Mal, dennoch erreichte er, wie die Serie insgesamt, vor allem seit Ende der Achtziger Kultstatus. Denn zur eigentlichen Zielgruppe gesellte sich eine junge Fangemeinde, die die Krimireihe wegen ihrer mitunter unfreiwilligen Komik liebte.
Fans gewann "Derrick" darüber hinaus aber auch in mehr als 100 Ländern, in die die Reihe exportiert wurde. Auch dort ermittelte der Mann mit dem stets unzerknitterten Trenchcoat und dem sorgsam drapierten Toupet ("Ich habe es mir morgens immer selbst aufgeklebt") zwar in Grünwald und Nymphenburg, sprach jedoch perfekt Italienisch, Niederländisch, Chinesisch. So avancierte Tappert, ohne es beabsichtigt zu haben, zu einer Art Botschafter eines besseren Deutschland. "Er hat das Bild der Deutschen im Ausland positiv verändert", so Produzent Ringelmann. "Und das war auch in den Siebzigern noch gar nicht so leicht."

Im Jahr 1998 endete die Erfolgsgeschichte mit der Beförderung "Derricks" zu "Europol". Tappert, damals immerhin schon 75, schied ohne Wehmut von der Rolle seines Lebens. "Ich wurde zu alt", konstatierte er später knapp.
Es folgten "Der Kardinal" (2003) über einen Kirchenfürsten, der entdeckt, dass er eine Tochter hat, und schließlich "Herz ohne Krone" (2003) über einen König, der hochbetagt aus dem Exil geholt wird, in seiner alten, neuen Rolle aber völlig überfordert ist.
So konsequent, wie der Wahl-Münchner vom Beruf Abschied nahm, so konsequent mied er, schon lange an Diabetes leidend, die letzten Jahre die Öffentlichkeit, lebte mit seiner Frau Ursula in Gräfelfing sehr zurückgezogen.

Für seinen Nachruhm brauchte er nicht mehr selbst zu sorgen. Er ist und bleibt eine "Ikone des deutschen Fernsehkrimis", wie ZDF-Intendant Markus Schächter gestern formulierte. Großes Lob in bescheidenen Worten kam gestern auch vom ehemaligen "Alten", dem Schauspieler Rolf Schimpf: "Ich habe ihn immer sehr bewundert."

Rudolf Ogiermann

Zum Gedenken
an Horst Tappert zeigt das ZDF am Samstag ab 23 Uhr fünf "Derrick"-Folgen.

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