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„Wenig nachbohrende Fragen“: Sigmund Gottlieb (li.), Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, interviewte am Montag den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in dessen Palast in Ankara. Das Gespräch stieß auf ein geteiltes Echo.

Halbstündiges Gespräch im Ersten

BR verteidigt Erdogan-Interview: "An den richtigen Stellen nachgefragt"

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München - Journalisten werfen dem Interviewer Sigmund Gottlieb vor, den türkischen Präsidenten "in Watte gepackt" zu habe. Beim BR zeigt man sich jedoch "sehr zufrieden".

Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne große Medienberichte über Recep Tayyip Erdogan und seine Politik nach dem gescheiterten Militärputsch vor zehn Tagen, über Verhaftungen und „Säuberungen“, nicht zuletzt in vielen Zeitungsredaktionen. In dieser Situation kommt es einer Sensation gleich, dass der türkische Präsident der ARD ein Exklusivinterview gibt. Entsprechend prominent wurde das gut halbstündige Gespräch im Ersten platziert, am Montagabend um 22.55 Uhr, gleich im Anschluss an die „Tagesthemen“, die aus dem Interview zuvor auch ausführlich zitierten. Am Tag danach wurde aber nicht nur über die Antworten Erdogans zur Lage seines Landes heftig diskutiert, sondern auch über die Fragen, die für die ARD Sigmund Gottlieb, Fernsehchefredakteur des Bayerischen Rundfunks (BR), stellte.

Der 64-Jährige sei „lasch“ gewesen und habe Erdogan „in Watte gepackt“, war der Tenor vieler Reaktionen, auch von Journalistenkollegen. Vor allem bei Twitter gab es wenig Schmeichelhaftes zu lesen. „Die ARD hätte besser einen richtigen Journalisten geschickt“, hieß es da, „Spiegel“-Mann Mathieu von Rohr ätzte: „Wenn man keine kritischen Fragen beantworten will, sollte man sich von Sigmund Gottlieb interviewen lassen.“ Moniert wurde auch, dass der Senderverbund Erdogan überhaupt eine Plattform geboten habe.

Zu lasch - oder doch Blamage vermieden?

Versöhnlicheres kam von „FAZ“-Kritiker Michael Hanfeld. Die ARD und Gottlieb hätten mit dieser Form der Gesprächsführung „auch eine Blamage vermieden, die bei zu kritischen Nachfragen möglich gewesen wäre“. Das Interview habe immerhin einen weiteren Nachweis dafür erbracht, „dass Erdogan mit der Demokratie, von der er fortwährend redet, nichts mehr zu tun hat“. Und Hasnain Kazim, bis zu seiner Ausweisung im März dieses Jahres Korrespondent des „Spiegel“ in der Türkei, urteilte, das Interview sei sehenswert gewesen nicht wegen der „durchaus kritischen, aber doch höflichen, wenig nachbohrenden Fragen“ des BR-Journalisten, sondern wegen der „surrealen Botschaften Erdogans“.

Beim Münchner Sender, zu dessen Berichtsgebiet die Türkei gehört, äußerte man sich am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung „sehr zufrieden“ mit dem Interview. „Wir berichten seit Wochen ausführlich über die Ereignisse in der Türkei und das Vorgehen von Präsident Erdogan“, so Informationsdirektor Thomas Hinrichs: „Es war uns wichtig, diesen dazu direkt zu interviewen, und mit den Fragen zu konfrontieren, die sich auch die Menschen hierzulande stellen.“ Hinrichs attestierte Gottlieb, „an den richtigen Stellen nachgefragt“ zu haben.

"In vielen Fragen demaskiert"

Den Vorwurf, einem Autokraten allzu bereitwillig eine Bühne zur Selbstdarstellung geboten zu haben, wies der BR-Mann zurück. Man könne nicht, nur weil es in der Türkei besorgniserregende Entwicklungen gebe, „den Kopf in den Sand stecken“. Im Übrigen habe der Sender die Anfrage bereits vor Monaten gestellt. Der türkische Präsident habe sich im Interview „in vielen Fragen demaskiert“, resümierte Hinrichs.

Er halte nichts von „flegelhaftem“ Auftreten, so Hinrichs an die Adresse der Kritiker, vielmehr sei es angebracht, professionell zu arbeiten und „höflich, aber bestimmt zu fragen beziehungsweise nachzufragen“. Es sei selbstverständlich nichts vorher vereinbart oder abgesprochen worden. Im Internet werde viel kritisiert, „da darf man nicht alles so ernst nehmen“.

Gottlieb, der seit 1995 Chefredakteur ist und Ende März nächsten Jahres in den Ruhestand geht, musste sich vor der Begegnung mit Recep Tayyip Erdogan am Montag im Präsidentenpalast von Ankara allerdings in Geduld üben. Sechs Stunden habe der Journalist warten müssen, verriet ARD-Korrespondent Michael Schramm. Dass Gottlieb kurz vor seiner Pensionierung noch einmal für eine Sternstunde des Journalismus habe sorgen wollen, wies Informationsdirektor Hinrichs zurück. Der Kollege habe „schon Gott und die Welt interviewt, nun ist eben Recep Tayyip Erdogan noch dazugekommen“.

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