Die Brille als Markenzeichen

München - Zum Tod von Ilona Christen, die den Nachmittagstalk etablieren half, dann aber mit dem TV radikal Schluss machte

Sie war ein Gesicht des guten, alten öffentlich-rechtlichen Rundfunks, doch ihre größte Popularität erreichte Ilona Christen als Moderatorin in einem Genre, an dem sich die Geister schieden – die Nachmittagstalkshow des Privatfernsehens.

Sechs Jahre lang, von 1993 bis 1999, verhandelte sie in der Sendung, die ihren Namen trug, menschliche Katastrophen aller Art, lud Gäste ein, die vor großem (Fernseh-)Publikum intimste Details ihres zumeist zerrütteten (Liebes-)Lebens preisgaben. Es spricht für die aus Saarbrücken stammende Fernsehfrau, dass sie nach sechs Jahren – zermürbt vom Quotendruck und desillusioniert von den immer bizarreren Themen – mit dem Talk Schluss machte und sich im besten Alter gleich ganz vom TV zurückzog. Nun ist Christen in ihrer schweizerischen Wahlheimat im Alter von erst 58 Jahren gestorben.

Ein simpler Sturz in ihrem langjährigen Wohnort Ennetbürgen im Kanton Nidwalden sei ihr zum Verhängnis geworden, berichtet die Schweizer Zeitung „Sonntagsblick“ unter Berufung auf Angaben ihres Mannes Ambros Christen. Aus einem Hämatom als Folge des Sturzes habe sich schließlich eine Blutvergiftung entwickelt. Nach jahrzehntelanger harter Arbeit habe seiner Frau die nötige Kraft gefehlt, um den tödlichen Verlauf der Krankheit abzuwehren, wird Ambros Christen zitiert.

Ilona Christens Karriere verlief steil. Vaterlos aufgewachsen, begann die 18-Jährige eine Lehre als Cutterin beim Saarländischen Rundfunk (SR) und war einige Jahre in diesem Beruf tätig. Als Ansagerin – die erste mit Brille im deutschen Fernsehen – schaffte sie im Jahr 1973 parallel dazu den Sprung vor die Kamera. Die Brille wurde später zu ihrem Markenzeichen, mehrere Dutzend soll sie zu RTL-Zeiten besessen und abwechselnd getragen haben. Zunächst aber erarbeitete sich die Frau mit der charakteristischen dunklen Stimme Bildschirmpräsenz im ZDF, wohin sie 1980 gewechselt war. Als „Allzweckwaffe“ des Mainzer Senders moderierte sie das Boulevardmagazin „Tele Illustrierte“, die von ihr mitentwickelte Spielshow „Tandem“ und schließlich zwischen 1986 und 1992 den „Fernsehgarten“ am Sonntagvormittag, den sie bei Wind und Wetter präsentierte – wenn es sein musste, auch in Gummistiefeln.

Im Jahr 1993 folgte sie dem Ruf des Kölner Privatsenders RTL und etablierte mit „Ilona Christen“ das weibliche Pendant zu „Hans Meiser“. Fortan führte sie durch insgesamt mehr als tausend Ausgaben einer Reihe, in der es mal um Lebenshilfe und um im weitesten Sinne medizinische Themen ging, viel öfter aber um die Monstrositäten des menschlichen Miteinanders. Lug und Betrug kamen zur Sprache und öffentliche Geständnisse wie die eines Familienvaters, homosexuell zu sein. Damit ließen sich in den ersten Jahren hohe Quoten erzielen, doch die Moderatorin, die ihre große Prominenz geschickt auch für die Werbung zu nutzen verstand, geriet zugleich mehr und mehr in den Sog der negativen Schlagzeilen über das „Krawallfernsehen“, den „Schmuddeltalk“ am Nachmittag.

Nach besonders dramatischen Sendungen habe sie „schlaflose Nächte“ gehabt, erinnerte sich Christen in einem ihrer letzten Interviews. In einem Gespräch mit dem „Focus“ hatte sie schon nach ihrem Ausstieg das Konzept der „Provokation als Attraktion“ kritisiert und einen runden Tisch aus Sendern, Werbewirtschaft und Medienwächtern gefordert, um Kinder und Jugendliche vor Themen zu schützen, die „von Anfang an nur unter die Gürtellinie“ zielen. Anders als ihre Kollegin Margarethe Schreinemakers, die mehrfach Comebacks vesuchte, verabschiedete sich Christen für immer aus dem Fernsehgeschäft, „um endlich die Zeit zu haben, alles das zu machen, was mir Spaß macht“. Nicht einmal als Zuschauerin blieb sie dem Genre erhalten, das sie einst so geprägt hatte. Sie sehe „eigentlich nur noch die Nachrichten an und meinen Lieblingssender Arte“, bekannte sie.

Rudolf Ogiermann

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