So nah ist der Film an der Realität

Brisantes TV-Drama über Keime in Kliniken: „Götter in Weiß“

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Das TV-Drama „Götter in Weiß“ behandelt ein ebenso aktuelles wie spannendes Thema: gefährliche Bakterien in vermeintlich klinisch reinen Krankenhäusern. Wie realistisch ist das Szenario?

Götter in Weiß ist das erste Drehbuch, das Andrea Frischholz geschrieben hat. Mit der Idee, um einen keimverseuchten OP-Saal ein Fernseh-Drama zu stricken,l andete die Münchnerin auf Anhieb in der ARD (morgen, 20.15 Uhr). Im tz-Gespräch erklärt die 39-jährige Autorin, warum es wichtig ist, dass jeder Einzelne Verantwortung übernimmt. 

Frau Frischholz, das Szenario, das Sie in „Götter in Weiß“ entwerfen, ist beängstigend. Wie nah ist der Film an der Realität? 

Andrea Frischholz: Näher, als uns lieb ist. Die Geschichte beruht nicht auf dem einen realen Fall, sondern setzt sich aus vielen einzelnen Vorkommnissen zusammen, die es tatsächlich so gab. Ich habe also nichts erfunden. 

Das Buch entstand in der Drehbuchwerkstatt in München. Was hat Sie bewogen, über Klinikkeime und die dunklen Seiten unseres Gesundheitssystems zuschreiben? 

Frischholz: Auslöserwareine Reportage, die ich in der Zeitung gelesen hatte. In der ging’s um eine Frühchenstation in Bremen, die keimbelastet war. Trotz Renovierung warsie einfachnichtsauber zu bekommen und musste abgerissen werden. Dochbisdahin waren schon einige Babys gestorben. Daraus hat sich dann nach und nach meine Geschichte entwickelt. 

Eine Geschichte, die über das rein menschliche Schicksal hinaus geht und das System anprangert… 

Frischholz: Je mehr ich über das deutsche Gesundheitssystem und die Krankenhausfinanzierung gelesen habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass Keime zwar ein Symptom, abe rnicht die Ursache für das sind, was bei uns schief läuft. Sparzwang, Kostendruck und Personalmangel –das hängt alles miteinander zusammen. 

Im Film stößt die Chirurgin, die intern Nachforschungen anstellt, auf eine Mauer des Schweigens. Ging Ihnen das bei der Recherche auch so? 

Frischholz: Ja. Ich bin auf viel Ablehnung gestoßen. Ich habe einige Kliniken ganz offiziell kontaktiert mit der Bitte um Interviews. Viele haben gar nicht erst geantwortet oder abgesagt, nachdem klar war, dass ich kein Drehbuch im Stileder Schwarzwaldklinik schreiben will. Die Ärzte, mit denen ich schließlich reden konnte, habe ich über die Familie oder Empfehlungen von Freunden kennengelernt. 

Wie haben die auf Ihre Kritik reagiert? 

Frischholz: Inhaltlich waren die meisten auf meiner Seite, aber natürlich hat sich auch der eine oder andere angegriffen gefühlt. Einfach weil er Teil eines Systems ist, in dem er funktionieren muss, wenn er seine eigene Existenz nicht aufs Spiel setzen will. 

Die Frage, wo ist die persönliche Grenze, wann mache ich mich schuldig, ist eine der spannendsten im Film… 

Frischholz: Stimmt. Und sie ist so schwer zu beantworten, weil jeder diese Situation kennt – egal, ob er in einem Krankenhaus oder in einem anderen Unternehmen arbeitet. Stellen Sie sich vor,Ihr Chef trifft eine fragwürdige Entscheidung oder verhält sich nicht korrekt. Eigentlich wollen Sie so ein Verhalten nicht mittragen, aber wie reagiert man? Es ist schwer, sich kritisch zu positionieren, wenn man in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. 

Im Krankenhaus aber ist es deshalb so dramatisch, weil es um Leben und Tod geht. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Kliniken verändert? 

Frischholz: Ich bin auf jeden Fallkritischer geworden. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Krankenhausärzte zwar einerseits für das körperliche Wohl der Patienten sorgen sollen, aber gleichzeitig auch dem finanziellen Wohl ihres Arbeitgebers verpflichtet sind. Zwei Ziele, die nicht deckungsgleich sind. Unglücklicherweise hat sich während der heißen Drehbuchphase herausgestellt, dass mein Vater ein neues Hüftgelenk braucht. Da schrillten bei mir alle Alarmglocken, weil ich wusste, dass Gelenkersatz-OPs die Eingriffe sind, die tendenziell zu häufig durchgeführt werden, weil die Krankenhäuser damit gutes Geld verdienen. Leider hatte ich meinem Vater schon im Vorfeld einige Fakten aus meinem Buch erzählt – das hat nicht gerade zu seiner inneren Beruhigung geführt(lacht). Aber es ist glücklicherweise alles gut gegangen.

Darum geht es im Film

Nach einem Routineeingriff treten bei der kleinen Leah Strasser (Hedda Erlebach, Foto) unerwartete Komplikationen auf. Sie reagiert allergisch auf ein Antibiotikum. Ihre behandelnde Ärztin Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) ist sich aber sicher, das Medikament während der OP nicht verordnet zu haben. Sie stellt Nachforschungen an und versucht herauszufinden, warum es dem kleinen Mädchen von Tag zu Tag schlechter geht. Unterstützung bekommt Anna dabei weder von ihrem Kollegen und Ehemann (Jan Mesutat) noch von ihrer besten Freundin, der Krankenschwester Franziska (Anneke Kim Sarnau). Zu groß scheint der Druck, der im Krankenhaus auf allen Mitarbeitern lastet…

Astrid Kistner

Rubriklistenbild: © dpa

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