Von Charme nichts bemerkt

- Letztlich ging jedes "Literarische Quartett" um Bertolt Brecht, jedenfalls ein bisschen. Denn traditionell beendete Marcel Reich-Ranicki jede Ausgabe der ZDF-Sendung mit den Worten: "Wir ,seh'n betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offenâEuro™". Brecht schrieb diesen Satz in seinem "Guten Menschen von Sezuan", und zwar im Epilog, wo das Fehlen eines "rechten Schlusses", einer Lösung ironisch beklagt und der Zuschauer aufgefordert wird, sich selbst eine auszudenken.

Vernünftige Poesie und poetische Vernunft

Zum 50. Todestag des Dichters am 14. August findet sich das "Literarische Quartett" heute ausschließlich zu Ehren Brechts zusammen. Offiziell wurde die Viererrunde im Jahr 2001 beendet, aber von Ausnahmen und Sonderausgaben kann nun fast schon keine Rede mehr sein: Mit gewisser Regelmäßigkeit sind seither die großen Gedenktage von Friedrich Schiller, Thomas Mann und Heinrich Heine begangen worden.

Da darf der von Reich-Ranicki besonders verehrte Brecht nicht fehlen. "Er hat eine ganz große Bedeutung für mich", sagt Reich-Ranicki, "denn er ist, neben Benn und mehr noch als dieser, der vielleicht größte deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts". Wobei er ergänzt: "Rilke rechne ich noch zum 19. Jahrhundert." Was aber macht Brecht für Reich-Ranicki so besonders? "Er hat mit seiner Lyrik bewiesen, dass die Poesie vernünftig und die Vernunft poetisch werden können."

Als Brecht 1952 Warschau besuchte, hatte der damals dort lebende Reich-Ranicki die Gelegenheit, ihn zu treffen. In seinen Erinnerungen "Mein Leben" heißt es: "Er kannte damals ein einziges Thema: sein Werk, sein Theater. Es gab für ihn eine einzige Frage: Was ließe sich machen, damit seine Dichtung in Polen übersetzt, gedruckt und vor allem aufgeführt werde?" Und Reich-Ranickis Eindruck von Brechts Persönlichkeit war: "Von der charismatischen Ausstrahlung, die ihm oft nachgerühmt wurde - häufiger allerdings von Frauen -, habe ich in jenen Tagen, wenn ich mich recht entsinne, so gut wie nichts bemerkt.

Nein, von Charme, so wollte mir scheinen, konnte bei Brecht schwerlich die Rede sein. Er hat mich weder verzaubert noch fasziniert. Jenseits seiner Selbststilisierung und Selbstinszenierung, jenseits der komödiantischen Elemente war hier unentwegt eine souveräne, eine zielbewusste Energie spürbar, bei aller Gelassenheit ein unverkennbarer, ein beinahe schon unheimlicher Wille."

Zu Gast in der gewohnten Besetzung aus Reich-Ranicki, Iris Radisch und Hellmuth Karasek ist heute der Schriftsteller Peter Rühmkorf. Wird analog zu früheren Sendungen jeder einen Lieblingstext von Brecht vorstellen? "Ach, ich weiß es nicht", wehrt Reich-Ranicki ab, "es wird jedenfalls um Brecht und die Politik, die Frauen, die Lyrik und das Drama gehen."

ZDF, heute, um 23.15 Uhr.

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