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Er schaut genau hin: der Berliner Hauptkommissar Bruno Schumann, den Christian Berkel seit zehn Jahren mit Freude spielt. 

Interview zum Start der neuen folgen von „Der Kriminalist“ 

Berkel: „Kneipentour mit Schumann? Sofort!“

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München - Am Freitag startet die neue Staffel "Der Kriminalist". Ein Gespräch mit Christian Berkel, der auch schon in Hollywood gespielt hat („Inglourious Basterds“), über Tod, Trauer und den Reiz von Krimis.

Seit 2006 ermittelt Christian Berkel als Hauptkommissar Bruno Schumann in der ZDF-Reihe „Der Kriminalist“. Heute beginnt die neue Staffel (20.15 Uhr). In der ersten Folge, „Asche zu Asche“, hat er es mit einer Leichenbestatter-Familie zu tun. Ein Gespräch mit dem 58-Jährigen, der auch schon in Hollywood gespielt hat („Inglourious Basterds“), über Tod, Trauer und den Reiz von Krimis.

„Asche zu Asche“ spielt im Bestattungsunternehmen. Fanden Sie es gruselig, dort zu drehen?

Christian Berkel: Na ja, das war schon eine spezielle Einrichtung. Die machen neben den Begräbnissen auch Hochzeiten. Da fahren sowohl Leichen- als auch Hochzeitskutschen über den Hof. Am Anfang hat man sich komisch gefühlt, der normale Betrieb ging ja weiter. Leichen wurden abtransportiert, Leichen wurden in die Kühlräume gebracht. Diese Nähe zum Tod hat man ja normalerweise nicht. Aber nach ein, zwei Tagen wurde das so normal, da ist mir mal wieder bewusst geworden, dass wir den Tod doch extrem verdrängen. Weil wir keine Rituale mehr haben. Früher gab’s ein Trauerjahr oder in südlichen Ländern die Klageweiber und so weiter. Diese Ritualisierung hilft den Hinterbliebenen, den Tod des Angehörigen irgendwie ins Leben mit hineinzunehmen. Jetzt muss das jeder für sich machen, wie er es für richtig hält, mehr schlecht als recht in der Regel. Die Konsequenz ist, dass man die Trauer lieber verdrängt.

Haben wir den Bezug zum Tod verloren?

Berkel: Vollkommen. Ja.

Krimis, in denen Mord- und Totschlag vorkommen, schauen wir aber gern an...

Berkel: Nun, erstmal ist der gewaltsame Tod etwas anderes, etwas, womit die Menschen in der Regel Gott sei Dank ja nicht konfrontiert werden. Und im Krimi geht es auch nicht so sehr um den Tod. Es geht mehr um diese stellvertretend ausgelebte Aggressionsabfuhr. Jeder Mensch hat mit inneren Spannungen zu kämpfen, im Krimi leben die Figuren das für einen aus – morden, töten, überfallen – und am Ende wird die Ordnung, die komplett ins Chaos gestürzt wurde, wiederhergestellt. Ich glaube, das ist das, was die Zuschauer so anzieht.

Auch der Kriminalist setzt sich mit dem Tod auseinander. Er fragt sich, was einmal mit seinem Leichnam passieren soll. Fragen, mit denen Sie sich selbst auch beschäftigen?

Berkel: Vor allem durch den Tod meiner Eltern habe ich mich damit beschäftigen müssen. Und mir ist klar geworden: Für den Toten hat es keine Bedeutung, wie die Bestattung abläuft. Vielleicht hat er zu Lebzeiten die Fantasie, das wird so oder so sein. Das geht ja bei Testamenten so weit, dass die Leute sagen: Ich möchte die und die Musik und die und die Blumen haben. Das ist der merkwürdige Versuch, über den Tod hinaus eine gewisse Kontrolle auszuüben, den eigenen Tod zu inszenieren. Das würde ich nicht machen. Denn die Trauerfeier ist doch für die Überlebenden. Die müssen damit zurechtkommen, dass sie jemanden verloren haben. Insofern sollte man auch ihnen überlassen, wie sie damit umgehen. Die Frage, ob ich verbrannt werde oder nicht, würde ich allerdings selbst entscheiden. Alles andere überlasse ich den Nachkommen.

Aber man will nicht so recht drüber nachdenken, oder?

Berkel: (Lacht.) Na ja, schön ist das nicht! Der Mensch forscht und drängt ja permanent danach, das Leben zu verlängern. Der Traum von der Unendlichkeit ist auf jeden Fall da. Aber ob das dann wirklich so schön wäre, ein unendliches Leben? Es ist die Frage: Wie viele Freunde leben noch? Wie beschwerlich ist es? Ich hab’s bei meiner Mutter erlebt. Sie ist 93 geworden, und die hat am Schluss gesagt: Jetzt ist’s auch gut.

Mehr kann man sich nicht wünschen, oder?

Berkel: Ja! Sie war nicht lebensmüde, sie war einfach lebenssatt. Sie war saturiert, sie hat ein bewegtes Leben gehabt, und es hat ihr gereicht. Das fand’ ich eigentlich schön, dieses Bild.

Zum Thema „aufhören“: Könnten Sie sich vorstellen, mit der Serie aufzuhören? Oder ist für Sie ein Arbeitsleben ohne „Der Kriminalist“ unvorstellbar?

Berkel: (Lacht.) Ach, das kann ich mir immer vorstellen – weil ich mir jede Veränderung im Grunde genommen vorstellen kann. Nur im Moment ist überhaupt nicht die Rede davon. Wir haben gerade jetzt zwei der wie ich finde stärksten Folgen der gesamten Serie überhaupt gedreht, und das hat wieder so einen großen Spaß gemacht. Es ist stets die Frage: Bekommt man einen guten Regisseur, gute Bücher, gute Geschichten? Schafft man es, das immer neu zu beleben? Dann bin ich dabei. Auf keinen Fall will ich die Folgen abnudeln, bis es keiner mehr sehen will. Das ist natürlich das andere Thema: Wie sehr mögen die Leute das? Und im Moment geht’s ja immer weiter nach oben.

Das liegt vor allem an diesem Schumann. Ein guter Typ, oder? Würden Sie gern mal mit ihm eine Kneipentour machen?

Berkel: Das ist witzig, die Frage nach der Kneipentour hat mir neulich auch mal jemand gestellt. Sie kommt genau zum zweiten Mal. Das ist interessant, dass sie jetzt erst so kommt. Sie hätte ja auch vor fünf Jahren gestellt werden können – da hat aber niemand gefragt. Das wird seine Gründe haben. Vielleicht hat sich die Figur bei aller Eigenart in den vergangenen Jahren doch ein bisschen mehr geöffnet. Der hat zwar immer noch so sein Eigenbrötlerisches, aber ist vielleicht trotzdem zugänglicher geworden. Das haben wir jedenfalls versucht, und das scheint funktioniert zu haben. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich würde sofort mit dem auf Kneipentour gehen. (Lacht.) Meistens ist es ja so, wie Shakespeare es gesagt hat: „Wir scheinen am meisten, was wir am wenigsten sind.“ Wie bei Komikern: Die sind privat meist nicht sehr komisch. Während die Leute, die mehr so im ernsten Fach unterwegs sind, oft sehr lustig sind. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass der Schumann in der Kneipe viel unterhaltsamer ist als derjenige, der im Büro Halligalli macht.

Und er hat ja auch viel zu erzählen...

Berkel: Das glaube ich auch!

Vor allem würde man ihm alles erzählen. Er hört so genau zu, dass sich die Zeugen öffnen.

Berkel: Ja, das macht auch großen Spaß beim Spielen, diese Mischung aus Zugewandtheit, wirklichem Interesse am anderen und dem Nicht-Werten. Er verurteilt nicht. Er sagt: Ich bin kein Richter, ich bin Kriminalist. Das finde ich eine gute Haltung. Es ist immer sehr leicht, den Zeigefinger zu erheben, zu sagen: Der ist ein Schwein! Doch erstens kommt man mit solchen Etikettierungen nicht weit, und zweitens erfährt man dann nicht sehr viel über Menschen, weil man ihnen nur noch mit diesen Vorurteilen begegnet und so lange an ihnen herumwerkelt, bis sie in die eigene Schablone passen.

Das Gespräch führte Katja Kraft

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