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Christian Wulff

Ein filmreifer Rücktritt

Doku-Drama über Wulffs Niedergang

München/Berlin - Der Sturz von Christian Wulff hallt noch nach – da gibt es auch schon den ersten Film darüber. „Der Rücktritt“ inszeniert das Scheitern des jungen Bundespräsidenten als Doku-Drama fürs TV. Es zeigt Wulff von einer sehr menschlichen Seite. Er erscheint überfordert und ein bisschen feig – aber recht sympathisch.

Er wirkt eiskalt und ist doch nur einsam in diesem Moment: Der Bundespräsident lässt seinen engsten Vertrauten feuern. „Wollen Sie mit Herrn Glaeseker persönlich sprechen?“, fragt ein Lakai noch. Christian Wulff sagt kein Wort, deutet kaum merklich ein Kopfschütteln an. Als wäre ihm die Personalie nichts wert. Der Lakai entfernt sich, lässt den Präsidenten allein zurück in seinem saalartigen, tristen Amtszimmer. Man weiß nicht, ob man Wut braucht oder Mitleid für dieses Häufchen Staatsoberhaupt, was da zusammensackt auf dem Schreibtisch, auf all den Mappen mit dem Bundesadler.

Minütlich frisst die Ohnmacht die Macht auf in Schloss Bellevue. Und wir können Ende Februar vom Sofa aus zuschauen. Sat.1 hat die letzten 68 Tage des Bundespräsidenten Wulff verfilmt und die nachgespielten Szenen und Originalbilder zusammenmontiert. Es ist ein Stoff, der große Emotionen bietet: Der Sturz eines Regenten und seiner hübschen Frau über sein Fehlverhalten in der aufgeregten Mediengesellschaft. „Wen interessiert schon, wie es wirklich war“, sagt Wulffs Double in einer Szene düster. Doch, natürlich interessiert das alle.

Es wird verdutzte Zuschauer geben, schon wieder. Im März 2013 strahlte der Privatsender seine Groteske „Der Minister“ aus, die Fabel von Aufstieg und Fall der Guttenbergs. Damals war seifiges Gesülze erwartet worden, heraus kam ein witziger, präziser Film. Unvergessen sind die Szenen von Katharina Thalbach als Kanzlerin Merkel – wie sie in ihrer Uckermark-Datscha diabolisch grinsend am Suppenlöffel leckt und nebenbei den Horst am Telefon abfertigt. Jetzt also „Der Rücktritt“: kein Spaß, sondern ein überraschend ernst gemeintes Doku-Drama über den Sturz des Staatsoberhaupts.

„Wir versuchen mit diesem Film, den Emotionen und Entwicklungen nachzuspüren“, sagt Hauptdarsteller Kai Wiesinger: „Wie sich die Schlinge immer enger zog.“ Der Film startet mit der Reise an den Golf, wo Wulff die immer drängenderen Anfragen der „Bild“-Zeitung zu seinem Hauskredit in Großburgwedel erreichen. Mit seinem Küchenkabinett berät er eilig die Strategie: der langjährige Sprecher Olaf Glaeseker, ein fleischiger, impulsiver Medienprofi, und der hagere Hagebölling, stocksteifer, korrekter Amtschef im Schloss.

Wulff hat sie beide hintergangen, als er ihnen seinen Kredit verschwieg. Und den Gratisurlaub. Und noch einen. Sie stehen ihm dennoch bei in den Wochen, als er immer tiefer in den Strudel sinkt. Und immer schneller.

Nach wenigen Minuten schon sieht man die Wulffs in einer Limousine durch das Öl-Emirat rollen, er hat sein Handy am Ohr und spricht dem „Bild“-Chefredakteur auf die Mailbox. Wulff bittet um Aufschub für die Veröffentlichung der Kredit-Geschichte. Nicht laut, nicht schrill, aber es fallen die üblen Worte: „Wie wir den Krieg führen“, „endgültiger Bruch“, „Rubikon überschritten“.

Wiesinger spielt diesen Wulff dezent, doch facettenreich, zu keinem Moment als Karikatur. Überzeichnete Figuren hat der Film nur wenige, es sind dann die Journalisten: schwitzend, rauchend, kläffend. Aber selbst die wirken harmlos gegenüber den echten Talkshow-Schnipseln aus 2012, die Sat.1 dazwischengeschnitten hat. Geifernde Gäste lassen sich da aus über die Wulffs, über den Bundespräsidenten, „der daliegt wie so ein Nacktmull“.

Wiesingers Wulff ist nicht nackt, nicht Mull, sondern Mensch. Er spielt einen, der im höchsten Amt überfordert ist und ein bisschen feig. Der sich abkapselt und den Draht zum Volk verloren hat. „Wie ist die Stimmung draußen?“, fragt er Hagebölling mit leerem Blick. „Unverändert“, ist die traurige Antwort.

Sat.1 gibt diesem Wulff, und das ist faszinierend, aber gleichzeitig warme Züge. Er kommt in der Summe sogar sympathisch rüber, als ein vom Amt Getriebener, der anders sein könnte, wenn man ihn ließe. „Ich liebe Dich“, flüstert er seiner Bettina beim Frühstück zu, aber selbst dieser kurze vertraute Moment wird jäh unterbrochen, als Mitarbeiter klopfen.

Der Film macht es sich nicht so leicht, in der Causa Wulff ein paar Böse zu identifizieren. Bettina wird eben nicht als hartes, rampenlichtsüchtiges Püppchen dargestellt, kein Wort davon, dass sie ihren Mann verlassen wird, sobald er nicht mehr Präsident ist. Anja Kling sieht der First Lady zwar nicht recht ähnlich – eine Schwäche des Films –, spielt aber gut. „Die ganze Welt redet nur noch über uns. Und wir reden nur noch mit unseren Anwälten“, sagt sie in einer Szene.

Nicht mal über Glaeseker, der weinend seine Demission hinnimmt, urteilt der Film. Selbst Hageböllings überkorrekte Fassade bröckelt. „Das ist nicht mehr meine Zeit“, beichtet er Wulff in einem kurzen Monolog. Auch hier die Antwort: Schweigen. „Das Amt hat ihn verdorben“, sagt Glaeseker nach seiner Entlassung zu Hagebölling: „Und wer sagt ihm das? Sie nicht. Und ich auch nicht.“

Das hat genauso stattgefunden. Oder auch nicht. Beim Privatsender nämlich heißt es treuherzig, man habe für jede Szenen „Quellen“, arbeitete mit Journalisten zusammen. Eine Rückfrage bei den echten Beteiligten zeigt aber: Mehrere Szenen gibt es in ihrer Erinnerung nicht, sie seien schlicht Fiktion, sagen sie unserer Zeitung. Auch solche mit Wulff. Hier wagt sich Sat.1 weit aufs Glatteis: Durch den Zusammenschnitt mit echten Wulff-Aufnahmen wird ja immer wieder der Eindruck einer hochseriösen Dokumentation gesucht.

So herrscht vor der Ausstrahlung am 25. Februar tatsächlich ein bisschen Angst. Bei den Beteiligten, dass sie im Film verzerrt wiedergegeben werden; sie kennen ihn bis heute nicht, stecken aber mitten in der Wulff-Aufarbeitung vor Gericht. Beim Sender, dass vor der Ausstrahlung Anwälte den teuren Film noch stoppen könnten – warum sonst verzichtet Sat.1 darauf, wie üblich eine Presse-DVD zu verschicken oder einen Trailer zu präsentieren?

Erste Juristen waren erfolgreich: Die Büroleiterin tritt gar nicht mehr auf. Und seine Sprecherin, die im Verlauf der Geschichte Glaeseker ersetzt, trägt nun keinen Namen mehr im Film. Aber auch sie kommt nicht schlecht weg. Ihr vertraut Film-Wulff auf einem Waldspaziergang das nahende Ende an. „Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben.“

Vielleicht müssten sie sich alle gar nicht fürchten vor dem Film, weil er mit seiner riesigen Macht, vor Millionenpublikum Geschichte zu deuten, nicht ausnützt. Regisseur Thomas Schadt hatte ein „Sittengemälde“ angekündigt, aber er urteilt nicht. Der Film endet mit dem Rücktritt, eigentlich ganz unaufgeregt. Bettina und Christian Wulff stehen vor der Türe zu jenem Saal im Schloss, wo er der Welt den Abgang verkünden wird. „Bringen wir’s zu Ende“, sagt sie knapp.

Christian Deutschländer

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