Damit die Dummheit verschwindet

- Als Dresdner ARD-"Tatort"-Kommissar Bruno Ehrlicher (seit 1991) avancierte Peter Sodann schnell zu einem der populärsten (ostdeutschen) Fernsehstars. Doch der aus dem sächsischen Meißen stammende Schauspieler war schon vor der Wende eine Institution.

Fast 25 Jahre lang, zwischen 1981 und 2005, leitete er das "neue theater" in Halle. Abseits seines künstlerischen Daseins sorgte Sodann Mitte vergangenen Jahres für Aufsehen durch seine (wenige Tage später zurückgezogene) Bundestagskandidatur für die Linkspartei. Am Donnerstag wird er 70 Jahre alt.

Sie sind seit 15 Jahren "Tatort"-Kommissar. Haben Sie sich mit den Beruf des Kommissars eigentlich schon einmal näher beschäftigt?

Peter Sodann: Ganz am Anfang ein bisschen, aber ich bin ein sehr praktisch veranlagter Mensch und kann mich in die Arbeit eines Kriminalkommissars sehr schnell hineindenken.

Trotzdem wird sich das, was wir auf dem Bildschirm sehen, vom Alltag eines Kriminalkommissars sehr unterscheiden . . .

Sodann: Zumindest sind richtige Kriminalkommissare nicht so idiotisch, wenn sie ein Haus betreten, sofort die Kanone rauszuholen und mit erhobener Waffe durch die Räume zu flitzen. Aber im Film werden ja sowieso die wahnsinnigsten Dinge gezeigt. Ich wundere mich, dass der TÜV da noch nicht eingeschritten ist, weil fortwährend die Autos explodieren. Jeder Hersteller sorgt ja dafür, dass der Tank so angeordnet ist, dass das Auto nicht in Flammen aufgeht, weil es mal einen Hang hinunterfällt. Und trotzdem versuchen wir natürlich, die kriminalistische Arbeit so zu bewerkstelligen, dass es einigermaßen der Realität entspricht.

Welchen Einfluss haben Sie auf das Drehbuch?

Sodann: Ich lese vom Drehbuch meistens die erste Fassung und sage dann, was mir darin fehlt, was ich gern noch drin hätte. Das kommt manchmal zum Tragen und manchmal nicht.

Ein Beispiel?

Sodann: In einer der letzten Episoden hatten wir eine Szene, in der mein Kompagnon zu mir sagte: "Sag mal, Bruno, wie machst Du das? Es ist eine Sauhitze hier in diesem Zimmer, ich schwitze wie ein Schwein und Du sitzt an deinem Schreibtisch, auch noch mit Krawatte - und schwitzt nicht." Da habe ich geantwortet: "Genosse, das ist nur eine Frage der eisernen Disziplin." Dieser Satz stammt aus der Nationalen Volksarmee. Und dann kam die Redaktion zu mir und meinte, dass wir das synchronisieren müssen. Weil das mit dem "Genossen", das ginge nicht. Daraus wurde dann "Kollege". Das passt zwar irgendwie nicht, aber um diese Kleinigkeit habe ich mich nicht mit der Redaktion gestritten.

Sie haben sich mit Ihrer DDR-Vergangenheit nach der Wende sehr intensiv auseinandergesetzt, Sie haben auch Ihre Stasi-Akte gelesen...

Sodann: Das war mir schon wichtig, weil in meinem Leben viel passiert ist. Ich sollte ja mehrmals eingesperrt werden. Das alles einmal nachzulesen, darauf war ich neugierig. Aber die Neugier hat sich dann schnell gelegt, weil in den Akten auch so viel Unsinn steht.

Hatten Sie nicht Angst, in Ihre Akte zu schauen, weil jene, die Sie bespitzelt haben, auch aus Ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld stammen konnten?

Sodann: Nein. Sicher ist man erstaunt, wer da alles dabei war.

Sie sind mit all denen wieder im Reinen?

Sodann: Ja, ich denke schon. Ich habe immer gesagt, dass die Stasi-Akten nicht geschlossen werden dürfen, dass man aber anders mit ihnen umgehen muss. Warum soll ein ehemaliger IM sein ganzes Leben lang dafür büßen?

Sie waren in der DDR neun Monate in Haft, weil Sie als Mitglied einer Kabarettgruppe der Regierung ein Dorn im Auge waren. Später sind Sie zu einem der erfolgreichsten Theatermacher aufgestiegen. Man könnte annehmen, Sie hätten sich mit dem Regime arrangiert.

Sodann: Nein, so war das nicht. Auch dieses Regime brauchte doch ein paar Leute, die etwas konnten. Die Zeit, nachdem ich aus dem Knast gekommen war, war auch nicht einfach. Auch später hat der Staat noch versucht, mir das Leben schwer zu machen.

War das Theater für Sie eine Institution des Protests?

Sodann: Ich habe versucht, immer die Wahrheit, die ich in einem Stück erkannt habe, auch auf der Bühne darzustellen. Ich fand, dass ein Theater auch immer ein aufklärerisches Institut sein muss. Damit die Dummheit, die in der Welt herrscht, irgendwann einmal verschwindet. Und mein Theater war immer voll, vor der Wende und auch danach. Wobei ich meinen Spielpan nicht geändert habe, sondern stur so weitergemacht habe wie bisher, im Gegensatz zu vielen anderen Theatern, die nach der Wende umgeschwenkt sind und ganz andere Sachen gespielt haben.

Heute betreten Sie das Theater, das Sie selbst aufgebaut und über 20 Jahre geleitet haben, allerdings nicht mehr.

Sodann: Nein, das kann ich nicht. Wenn jemand ein Theater übernimmt und dann alles vernichtet, was an mich erinnert - warum sollte ich da hingehen?

Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Politik in Deutschland?

Sodann: Zufrieden kann man da nicht sein. Weil die staatstragenden Männer und Frauen bisher nicht begriffen haben, dass man die drei Kernbegriffe der Französischen Revolution - Liberté, Egalité, Fraternité - auch irgendwann mal in die Tat umsetzen muss. Das ist alles.

Im Juli 2005 sah es so aus, als würden Sie Ihre politischen Gedanken auch in die Tat umsetzen wollen, als Sie kurzzeitig als Kandidat der Linkspartei für den Bundestag im Gespräch waren.

Sodann: Ich habe mich erst mal darüber gefreut, dass sich eine Linke bilden will. Und dann haben die mich gefragt. Ich bin aber nicht in die Linke eingetreten, ich werde auch nie wieder in eine Partei eintreten, auch wenn ich mir vorstellen kann, eine linke Partei zu unterstützen.

Das klingt resigniert.

Sodann: Mit der Form der politischen Auseinandersetzung in Deutschland - wo man auch eine Regierung bilden würde, wenn gar keiner mehr zur Wahl geht - weiß ich nichts anzufangen. Ich werde lieber weiterhin auf meiner kleinen Bühne das tun, was ich persönlich für vernünftig halte. Und die Kultur ist ja eben das, was das menschliche Zusammenleben heutzutage noch fördern kann.

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