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Der Pharma-Produzent und die Interpol-Agentin: In Daniel Harrichs Thriller „Gift“ führen Stars wie Julia Koschitz und Heiner Lauterbach auf packende Weise in das komplexe Thema Medikamentenherstellung ein. Danach folgt eine Dokumentation.

ARD-Themenabend: Tödliche Medikamente

“Wir wissen mehr über Hundefutter als über die Medizin, die wir schlucken“

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Grimmepreisträger Daniel Harrich deckt am heutigen ARD-Themenabend die dunklen Seiten der Pharmaindustrie auf.

Mit Stars wie Julia Koschitz und Heiner Lauterbach hat der Münchner Regisseur Daniel Harrich zusammengearbeitet, um im Spielfilm „Gift“ an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD auf die verheerenden Vorgänge in der Pharmaindustrie hinzuweisen. Schätzungen zufolge werden mit illegalen Medikamenten weltweit bis zu 430 Milliarden Dollar jährlich umgesetzt. Der Grimmepreis-gekrönte Autor arbeitet gern nach dem Prinzip: erst ein massentauglicher Spielfilm, dann eine Dokumentation mit den Hintergründen. Sie folgt um 21.45 Uhr. Der Investigativjournalist hat über das Thema auch ein Buch geschrieben: „Pharma Crime: Kopiert, gepanscht, verfälscht – warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind“ (Heyne, 272 Seiten; 16,99 Euro). Ein Gespräch über die Gefahren, die in Medikamenten lauern.

-Schaut man den Film, wird einem angst und bange – wie gefährlich sind Medikamente in Deutschland?

Sehen Sie, wir wollen keine Panikmache. Es ist nicht der Fall, dass man heute in eine deutsche Apotheke hereinspaziert und morgen tot umfällt. Aber die Langzeitwirkung bei verunreinigten Medikamenten könnte verheerend sein – auf globaler Ebene ist das zu sehen. Sie müssen ja nur auf die Webseite des Bundesverbands der deutschen Apotheker gehen und schauen, wie oft Rückrufaktionen gemeldet werden.

-Betrifft das auch Markenprodukte?

Es betrifft alle. Die Industrie hat zur Kostenersparnis oder zur Profitmaximierung die Produktion in Niedriglohnländer ausgelagert. Das heißt, genauso wie Schuhe in Taiwan genäht werden, werden Antibiotika und Krebspräparate sowie deren Wirkstoffe zum großen Teil nur noch in Indien oder China hergestellt. Doch hier reden wir über Medikamente, die wir uns jeden Tag in den Mund stecken. Ich weiß nicht, ob Sie eine Jeans „Made in Taiwan“ essen würden. Oder andersherum: Sie würden sie erst waschen, ehe Sie sie tragen. Das andere Zeug schlucken wir täglich.

-Weil man nicht um die Gefahren weiß.

Genau! Ich glaube, kaum einer weiß, dass der Großteil der Medikamente aus indischer oder chinesischer Produktion kommt. Wir sind sogar in einer Situation, in der man fast sagen muss, dass wir im sicherheitspolitischen Sinne eine Abhängigkeit von diesen Ländern haben. Wenn morgen ein Wirtschaftskrieg mit China beginnen würde, gäb’s in Deutschland keine Antibiotika mehr. Oder in Europa. So ernst ist die Situation. Es gibt kaum mehr Antibiotika, die in Europa oder Nordamerika hergestellt werden, nicht einmal mehr Wirkstoffe. Gar nichts.

-Was tut die Politik?

Ich habe mich mit Politikern getroffen, dort ist die Wahrnehmung für die Problematik erschreckend gering. Wir haben es mit einem System der Intransparenz von oben bis nach unten zu tun. Wir leben in einer Zeit, in der Kinderspielzeug mit Blei verseucht ist und Dieselfahrzeuge bei Abgastests betrügen, da sollte es uns doch eigentlich gar nicht so überraschen, dass in Indien oder China produzierte Medikamente vielleicht Produktionsmängel haben.

-Erhoffen Sie sich, das Bewusstsein auch in der Politik zu ändern?

Ja. Ich hoffe, dass die Politiker sagen: Wir haben hier Missstände, jetzt sind sie offen, lassen Sie uns daran arbeiten, das in Ordnung zu bringen. Noch mal: Es geht nicht darum, Panik zu machen. In Deutschland leben wir, wie in allen Bereichen, im Reich der Seligen. Das ist ja auch wunderbar. Aber: Wenn wir nicht aufpassen, gibt es irgendwann den Urknall. Ich wünsche mir, dass wir wenigstens die Konsumenten zum Nachdenken bringen. Es heißt immer: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! Gehen Sie doch mal hin und fragen Sie: Wo ist der Wirkstoff her? Die meisten werden Ihnen keine Antwort geben. Aber den Druck, den Denkanstoß und den Änderungswillen bekommen Sie nur, wenn der Groschen mal gefallen ist. Momentan haben wir ein blindes Vertrauen in alles, was einen weißen Kittel trägt. Wir hinterfragen in keiner Weise, was wir da blind schlucken. Das würden wir uns in keinem anderen Bereich gefallen lassen.

-Nun ja, die Produktionsbedingungen sind in anderen Branchen ja auch nicht unbedingt rosig...

Ja, aber es ist nachverfolgbar. Bei jedem Ei ist anhand des Codes die Legebatterie zu identifizieren. Wir wissen mehr über unser Hunde- und Katzenfutter als über die Medikamente, die wir einnehmen. Nehmen Sie mal eine Packung x-beliebiger Medikamente. Da steht drauf „Hergestellt von ...“ sagen wir „Bayer Leverkusen“. Da steht aber nicht, ob das Präparat je auch nur in der Nähe von Leverkusen war. Wenn Sie in die Produktionsstätten fahren, sehen Sie, dass es in Ländern wie Indien oder China eben ganz anders zugehen kann.

-Das Nachfragen ist das eine. Doch habe ich eine Wahl als Käufer? Gibt es Medikamente, die in Europa hergestellt werden?

Deutschland war mal die Apotheke der Welt, das ist jetzt Indien. Es wird zunehmend weniger produziert in Deutschland. Der Preisdruck ist enorm. Da tragen wir als Konsumenten unsere Mitverantwortung. Wir wollen alle preiswerte Medikamente. Das versteht man ja auch. Doch dadurch entsteht ein vollkommen undurchsichtiges System. Wir haben etwa einen globalen Konzern mit Sitz in Europa, der macht wiederum einen Vertrag mit einem Zwischenhändler in Portugal, der macht einen Vertrag mit einer Produktionsfirma in Indien. Die macht dann wieder einen mit drei Subherstellern, davon holt sich einer seine Wirkstoffe aus China. Da blickt kein Kontrolleur mehr durch.

-Wie ist es Ihnen gelungen, in dies komplexe System Einblick zu erhalten?

Es gibt sogar in der Pharmabranche Menschen mit einem Gewissen. (Lacht.) Informanten, die uns zugearbeitet haben. Das ist der Luxus, den wir haben, dass wir vor Ort recherchieren können. Hinfahren, nachschauen, nachfragen. Auch wenn vieles, was man dabei erfährt, fast unglaublich ist.

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