+
Der Spielfilm „Meister des Todes 2“ mit (v. li.) Katharina Wackernagel und Veronica Ferres erzählt von illegalen deutschen Waffenlieferungen nach Mexiko. Schaut man das Drama an, hält man nicht für möglich, was darin passiert. Doch es beruht auf Tatsachen.

Daniel Harrich deckt deutsche Rüstungsdeals auf

Entwaffnend

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
    schließen

Journalist Daniel Harrich deckt bei ARD-Themenabend im Spielfilm „Meister des Todes 2“ und der anschließenden Dokumentation geheime deutsche Rüstungsdeals auf.

Man muss sich das mal vorstellen: Deutsche Waffenhändler verkaufen illegal und mit der Hilfe der höchsten Kontrollbeamten der Bundesrepublik Deutschland Kriegswaffen nach Mexiko. In ein Land also, in dem allein im vergangenen Jahr 35 000 Menschen im Drogenkrieg gestorben sind. „Das geht doch nicht! Ich meine, wo kommen wir denn da hin?“

Daniel Harrich ist keiner, der leicht aufbraust. Er weiß: Wer gehört werden will, muss nicht am lautesten schreien. Sondern die besten Argumente haben. Die hat er, der immer so genau recherchiert, stets parat. Doch wenn man ihn nach den Rüstungsdeals, die in unserem Land unter der Hand laufen, befragt, erhebt selbst Harrich für einen Moment die Stimme. Um dann wieder zu lächeln und sich zu freuen. Denn sein Team und er sind dabei, solche krummen Geschäfte künftig zu verhindern. Der ARD-Spielfilm „Meister des Todes 2“ erzählt heute Abend ab 20.15 Uhr davon, gefolgt von der Dokumentation „Tödliche Exporte – Rüstungsmanager vor Gericht“.

Daniel Harrich (li. mit Schauspieler Kristyan Ferrer) hat für beide Filme wieder sehr genau recherchiert.

Der Münchner Investigativjournalist hat sich mit Enthüllungsfilmen wie „Der blinde Fleck“ über das Oktoberfestattentat 1980 oder „Gift“ über billig produzierte, gepanschte Medikamente einen Namen gemacht. Einer seiner größten Coups bisher (der Mann, der ein Buch und einen Film nach dem anderen herausbringt, ist erst 36!) war der ARD-Themenabend „Meister des Todes“ (2015). In einem Spielfilm und einer anschließenden Dokumentation enthüllte Harrich, wie Sturmgewehre von Baden-Württemberg aus in mexikanische Krisengebiete gelangten, ohne dass der Hersteller Heckler & Koch dafür eine Exportgenehmigung hatte. Kurz nach der Ausstrahlung erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart Anklage gegen die verantwortlichen Manager.

Zu skurril, um wahr zu sein?

Der krude Gerichtsprozess, der darauf folgte, ist Inhalt von Daniel Harrichs neuem Werk. Und wenn man sich heute zunächst den Spielfilm mit Veronica Ferres, Heiner Lauterbach, Udo Wachtveitl, Axel Milberg und vielen weiteren Stars anschaut, meint man, dass nun aber wirklich die Fantasie mit dem Regisseur durchgegangen sein muss. Eine Richterin, die das Verschwinden entscheidender Beweismittel, die Ministerialbeamte belasten würden, mit Sätzen wie „Keine Ahnung, I don’t know, wo diese Akten hin sind“ kommentiert. Oder ein Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums, der den Vorwurf, den fiktiven Rüstungskonzern HSW (inspiriert von Heckler & Koch und anderen) nicht streng genug kontrolliert zu haben, mit dem Hinweis abschmettert, es heiße schließlich „Bundesministerium FÜR Wirtschaft“, man habe also Sorge zu tragen, dass man den Unternehmen dieses Landes nicht schade. Also bitte, Herr Harrich, so wird’s ja wohl nicht gewesen sein?

Klüngel im Ländle

Leider doch. „Das sind alles Wortzitate, so nah an der Realität, wie es die Juristen erlauben“, unterstreicht der Regisseur, der den gesamten Prozess beobachtet hat. „Die potenziell strafbaren Taten wollte man einfach unter den Teppich kehren.“ Er wolle seine Kritik nicht auf den gesamten deutschen Strafrechtsbereich ausweiten, es gebe viele tolle Richter und Staatsanwälte, betont Harrich. „Aber in dem Bereich des Wirtschaftsstrafrechts da in Stuttgart ist das meiner Meinung nach wirklich Klüngel im Ländle. Das ist heftig.“

Filme, die die Welt verändern

Was also tun? „Man kann aufklären, das ist das Allererste. Man hat es zu tun mit Verbandelungen, die über Jahrzehnte gewachsen sind.“ Ist es nicht deprimierend, das festzustellen und zu sehen, wie jahrelang weitergemacht wurde? „Nein, es ist aufbauend, weil wir merken, dass jeder unserer Themenabende etwas bewirkt. Das ist das Schöne an der Sache. Wir haben letztlich die gesamte deutsche Kriegswaffenexport-Kontrolle auf den Kopf gestellt.“ In der Tat: Bis 2013, als Harrich und sein Team mit den Recherchen begannen, wurde nie öffentlich hinterfragt, wie genau eigentlich kontrolliert wird, ob sich deutsche Kriegswaffenexporteure daran halten, nur an die genehmigten Gebiete zu liefern. Nun muss sich der Bundesgerichtshof mit der Frage beschäftigen. „Die Amerikaner sind die größten Waffenexporteure der Welt: Wenn die es schaffen, den Endverbleib zu kontrollieren, dann können wir das auch“, sagt Harrich.

„Wir nutzen die Möglichkeit der freien Presse“

Angst vor möglichen Konsequenzen bei seinen Recherchen im internationalen Waffenhandel hatte er übrigens eigenen Angaben zufolge nie. „In Deutschland können wir frei arbeiten. Wir haben eine freie Presse. Ich möchte gar nicht wissen, wie es in anderen Ländern ist, wo man Leib und Leben riskiert. Solange wir es hier machen können, müssen wir es machen. Das ist unsere Pflicht.“

Auch interessant

Kommentare