„Das Fernsehen ist nicht besser geworden“

Grimme-Preis-Chef Ulrich Spies über den Marathon der Jury, Qualität und die Schere im Kopf der Programmmacher

Man muss das Fernsehen schon sehr lieben, um diesen Job zu machen. Knapp eine Woche lang saßen die Juroren das Adolf-Grimme-Preises täglich zwölf bis vierzehn Stunden lang vor den Bildschirmen und sahen die 65 Filme, Dokumentationen, Informationssendungen oder Serienepisoden an, die in diesem Jahr für den renommiertesten Fernsehpreis Deutschlands nominiert wurden.

Bei viel Kaffee wurde gesichtet und diskutiert, bis die Augen flimmerten und die Köpfe rauchten. Es galt, die zwölf besten Fernsehhöhepunkte des letzten Jahres herauszufiltern. Doch wer bestimmt, was „das Beste“ ist? Und warum gilt ausgerechnet der Grimme-Preis als „der“ deutsche Fernsehpreis? Ist die Jury klüger als die anderer Medienpreise? „Nein“, lacht Ulrich Spies, Referatsleiter des Grimme-Preises am Grimme-Institut in Marl (Nordrhein-Westfalen), „aber sie arbeitet gründlicher“.

Sowohl die Nominierungskommission, die heuer aus rund 600 vorgeschlagenen Sendungen die besten 65 vorausgewählt hat, als auch die Jury selbst bestehen aus unabhängigen Kritikern, Publizisten, Medienwissenschaftlern und Pädagogen. „Natürlich ist jedes Urteil subjektiv. Aber wir versuchen, uns der Objektivität weitmöglichst anzunähern, indem diese Fachleute ein breites Spektrum abdecken, was zum Beispiel Alter und Fachgebiete angeht.“ Auch einen festen Kriterienkatalog gebe es nicht: „Die sind völlig frei in ihren Entscheidungen.“ Einziger Anspruch, dem alle Grimme-Preisträger genügen müssen: Sie sollen „Vorbild sein für die Fernsehpraxis“.

Das Stichwort Bildungsfernsehen wird im Grimme-Institut groß geschrieben, hier soll Qualität zählen und nicht Quote. Manchmal werden sogar Beiträge nominiert, die bereits von den Sendern selbst eingestampft wurden – mangels Publikumsakzeptanz. Widersprechen sich also Qualität und Quote? „Nicht zwangsläufig“, sagt Spies. „Aber insgesamt muss man feststellen, dass das Fernsehen in den letzten Jahren nicht besser geworden ist.“ Statt einem Mehr an Vielfalt setze sich ein Mehr an Gleichem durch, bedauert der Fachmann. „In Sachen Unterhaltung zum Beispiel gab es im Jahr 2008 fast nichts Neues und schon gar nichts Innovatives. Humor ist wohl, wenn man trotzdem lacht.“

Dabei mangelt es gar nicht an Geld, Ideen, guten Regisseuren und Schauspielern: „Dennoch bestimmt oft das Mittelmaß die Praxis, weil der Druck in der Branche enorm ist. Viele Fernsehmacher haben ohne Not eine Schere im Kopf, die sie zu vorauseilendem Gehorsam zwingt.“ An kritische Themen, anspruchsvolle Plots oder ungewöhnliche Formate wagen sich viele Sender meist gar nicht erst heran – aus Angst, „der“ Zuschauer wolle das nicht sehen. „Ein Problem ist aber auch: Die Menschen vor den Bildschirmen lernen erst gar nicht, gutes von schlechtem Fernsehen zu unterscheiden“, fügt Spies hinzu. „Wie das ABC müssten Kinder in der Schule auch die Sprache der Medien kennen- und verstehenlernen. Das fehlt bis jetzt in Deutschland.“

Auf stolze 45 Jahre blickt der Grimme-Preis nun schon zurück. Im Jahr 1964 wurde er zum ersten Mal verliehen, gestiftet vom Deutschen Volkshochschulverband und benannt nach Adolf Grimme, einst Kultusminister in Niedersachsen und Generaldirektor des öffentlichen-rechtlichen Senders NWDR, aus dem später der NDR und der WDR hervorgingen. Da die Zahl der Medienangebote stetig wuchs, gründete der Volkshochschulverband 1973 das Grimme-Institut. Hier arbeiten Profis, die das Fernsehen, aber inzwischen auch Presse, Hörfunk und Internet kritisch und unabhängig beobachten und bewerten. Doch wie unabhängig ist ein Institut, bei dem unter anderem der WDR und das ZDF Gesellschafter sind? Diese beiden Sender seien zwar mit im Boot, finanziell aber nicht direkt an der Ausrichtung des Preises beteiligt und damit ohne Einfluss, rechtfertigt Spies, räumt aber ein: „Optisch wäre es natürlich schöner, wenn auch private Sender Gesellschafter wären.“ Angedacht wurde das öfter, bisher aber nicht umgesetzt.

Trotz dieses kleinen Makels werden auch in diesem Jahr wieder zwölf Preisträger (siehe unten) bei der Gala am 3. April im Marler Theater erscheinen und stolz die begehrte Trophäe in den Händen halten. Dabei bringt ihnen der Grimme-Preis eigentlich nichts als Ruhm und Ehre. Davon aber eine ganze Menge, und das scheint – dem mangelnden Qualitätsanspruch beim Fernsehen zum Trotz – zum Glück in der Branche noch immer etwas wert zu sein.

Melanie Brandl

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