"Das Zauberwort heißt Verzicht"

- Bisher kannte man Hannes Jaenicke nur als Schauspieler. Dass der 48-Jährige auch Talent für die Arbeit hinter der Kamera hat, will er mit der Dokumentation "Die letzten Zeugen" beweisen, die das ZDF morgen um 23.15 Uhr zeigt.

Gemeinsam mit der Fernsehjournalistin Judith Adlhoch und einem Kamerateam recherchierte Jaenicke in Indonesien, um die Rodung des Regenwaldes zu dokumentieren, durch die indirekt auch der Lebensraum der lezten wild lebenden Orang-Utans bedroht ist.

Warum haben Sie den Film "Die letzten Zeugen" genannt?

Auf die Idee für den Titel bin ich durch das Buch ‚Die Letzten ihrer Art von Douglas Adams aus den Achtzigerjahren gekommen. Auch darin geht es um vom Aussterben bedrohte Tiere.

Wie haben Sie die Dokumentation dem ZDF verkauft?

Zusammen mit einer Münchner Produktionsfirma haben wir zunächst einen Kurzfilm gedreht. Mit dem bin ich von Sender zu Sender gereist und konnte erfreulicherweise ZDF-Programmchef Thomas Bellut von unserem Konzept überzeugen.

Warum haben Sie ausgerechnet über das Aussterben der Orang-Utans berichtet? Es gibt so viele bedrohte Arten.

Irgendwo muss man ja anfangen. Auch stand die Vernichtung der Regenwälder und damit der Verlust des Lebensraums der Orangs eher im Vordergrund. Dass durch die rücksichtslose Abholzung der Regenwälder in Indonesien nicht nur die Lebensgrundlage vieler Tierarten verloren geht, sondern auch eine Klimakatastrophe produziert wird, wissen die wenigsten. An dem Beispiel der aussterbenden Orang-Utans wollten wir deutlich machen, wie weit die Umweltzerstörung bereits fortgeschritten ist. Da ich seit 25 Jahren ,Greenpeace-Mitglied bin, habe ich mir lange Gedanken gemacht, wie man einen Film über Umweltzerstörung machen kann, der aufrüttelt und nicht gleich vergessen wird. Am besten funktioniert das über Tiere.

Wann haben Sie Ihre Liebe für Orang-Utans entdeckt?

Ehrlich gesagt, hat das erst mit dem Projekt begonnen. Zuvor hatte ich zu Affen kein besonderes Verhältnis. Das entwickelte sich alles erst beim Dreh. Wenn man aber einmal in die traurigen Augen eines gefangenen Orang-Utans geschaut hat und feststellt, wie ähnlich uns diese Tiere sind, wird man nachdenklich. Es sind zutrauliche und hochintelligente Tiere. Leider wird ihre Gutmütigkeit vom Menschen schamlos ausgenutzt. Das ist ihr Verhängnis.

War die Recherche gefährlich? Die Tier-Mafia versteht keinen Spaß . . .

Wir wussten, dass drei Mitarbeiter von BOS (Borneo Orang-Utan Survival Foundation, Red.), der Organisation, mit der wir vor Ort zusammengearbeitet haben, auf dem Tiermarkt in Jakarta ermordet wurden, weil sie versucht haben, gegen den illegalen Tierhandel vorzugehen, der in Asien ein Milliardengeschäft ist. Dementsprechend waren wir vorsichtig und haben viel mit versteckter Kamera gedreht. Vielleicht haben die Tierhändler vor Europäern oder Amerikanern auch einfach mehr Respekt.

Sie haben sich selbst als Affenkäufer ausgegeben und hatten direkten Kontakt zur Mafia?

Stimmt. Als wir uns als Orang-Utan-interessierte Touristen und potenzielle Käufer ausgaben, dauerte es gerade einmal eine Stunde, bis wir an Händler weitergereicht wurden und mit ihnen verhandeln konnten. Es hätte höchstens eine Woche gedauert, bis wir ein Orang-Baby hätten mitnehmen können. Für umgerechnet 1000 Euro!

Haben Sie Verständnis für die Holzfäller, die mit dem Affenhandel ihr Gehalt aufbessern?

Natürlich! Man muss wissen, dass es im Regenwald nur eine Einnahmequelle gibt, und das ist die Holzfällerei. Ein Holzfäller, der von umgerechnet knapp 40 Euro Monatsgehalt seine Familie ernähren muss, denkt nicht lange darüber nach, ob er eine Affenmutter vom Baum schießt und das Baby für 20 Euro verkauft. Sie haben keine Wahl und versuchen nur, ihre Familie zu ernähren.

Was haben Sie empfunden, als Sie eingesperrte und misshandelte Affen gesehen haben?

Das ist kaum zu beschreiben. Wir haben in der ‚Safari World in Bangkok recherchiert und gedreht. Dort gibt es eine Show mit 60 Orang-Utans, die als Kickboxer und Go-Go-Girls abgerichtet wurden. Ein anderes Mal haben wir ein Orang-Utan-Weibchen gefunden, das am ganzen Körper rasiert, geschminkt und in Frauenkleider gesteckt worden war, um in einem Bordell an ein Bett gefesselt Freiern angeboten zu werden. Noch nie habe ich ein grausameres Sinnbild für die Vergewaltigung der Natur durch den Menschen gesehen.

Was wollen Sie mit dem Film erreichen?

Dass jeder ein bisschen wachgerüttelt wird und sein eigenes Konsumverhalten überdenkt.

Was kann jeder Einzelne tun, um die Orang-Utans zu erhalten?

Das unangenehme Zauberwort heißt Verzicht. Die sogenannte Erste Welt ist nur darauf ausgerichtet, den eigenen Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vergrößern. Und das geht zwangsläufig auf Kosten der armen Länder und der Natur. In Indonesien wird jede Minute eine Fläche abgeholzt, die fünf Fußballfeldern entspricht, nur damit wir auf preiswerten Möbeln sitzen können. Jeder sollte sich erkundigen, was er da eigentlich kauft. Und es gibt eine ganze Reihe von Organisationen, die für den Erhalt der Regenwälder und der Orang-Utans kämpfen. Die sollte man unterstützen.

Glauben Sie, dass das Aussterben der Orang-Utans langfristig verhindert werden kann?

So wie es derzeit aussieht - nein. Ich bin kein Pessimist, aber ich glaube nicht, dass diese wunderbare Tierart in freier Wildbahn auf lange Sicht noch eine Chance hat. Es wird Orang-Utans weiter geben, aber nur in Zoos und in Reservaten.

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