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Hans-Wolfgang Jurgan ist als Geschäftsführer der Degeto verantwortlich für den ARD-Filmeinkauf und für „mainstreamige“ Eigenproduktionen.

Porträt

Hans-Wolfgang Jurgan: Der Zuckerbäcker

München - Die Degeto – für viele ein Synonym für Schnulzen. Hans-Wolfgang Jurgan, Chef der ARD-Tochter für die (Eigen-)Produktion von leichten Stoffen, ficht das nicht an. Er verweist auf die guten Quoten dieser Filme.

Hans-Wolfgang Jurgan hat es wirklich nicht leicht. Ständig hagelt es Kritik, Spötter bezeichnen ihn als „Schnulzenfabrikanten“ und seine Arbeit als „Süßstoffoffensive“ – da könnte man schon mal aus der Haut fahren. Doch was macht er? Lächelt und genießt. „Ach wissen Sie“, sagt er mit gefalteten Händen und weiß genau, dass man es weiß, „der Erfolg gibt uns ja Recht“. Und weil sein Lächeln so mild ist und so fest, wird mit einem Mal klar, dass dieser Mann sich „Programmmacher aus Passion“ nicht nur nennt, sondern dass er tatsächlich einer ist.

Man kann also über den Geschäftsführer der „Deutschen Gesellschaft für Ton und Film“ (kurz: Degeto) sagen, was man will, er steht hinter seinem Produkt, der Firma, ihrer Ware. Die einen sagen dazu Schmalz, die anderen Gefühlsfernsehen, die Zyniker der Branche übersetzen Degeto gar mit „Deutsche Gesellschaft für Totalschäden“. Auf Quotengarant kann man sich vielleicht noch einigen, ansonsten klaffen tiefe Gräben. Die Filme tragen schließlich Titel wie „Schaumküsse“ (ARD, heute, um 20.15 Uhr), „Eine Liebe in St. Petersburg“ oder „Lilly Schönauer – Heimkehr ins Glück“ – und alle sind Programm. Film gewordene Schlager quasi mit dem Tiefgang einer Styroporplatte, die bei Fernsehkritikern Beißreflexe auslösen.

Nur – weniger als fünf Millionen Zuschauer schalten eben selten ein, wenn die Degeto von Frankfurt am Main aus ihre Abendunterhaltung unters Volk rührt (siehe auch Tabelle). Auch wenn das Publikum die 60 im Schnitt oft überschreitet. Und für beides, den Erfolg wie das Imageproblem, ist dieser in sich ruhende Fernsehverwalter aus der Beamtenstadt Wiesbaden zuständig. Betulich, bieder, sittenstreng – ein ergrauter Endfünfziger mit akkuratem Gewerkschafterbart unter der randlosen Brille. Sie passen gut zueinander, der examinierte Volkswirt und die ARD-Tochter, das öffentlich-rechtliche Urgestein und seine zentrale Einkaufsorganisation für Formate jeder Art.

Seit 1954 akquiriert die Degeto Filmware fürs Erste, als Jurgan 1991 dazustößt, hat er bereits 14 Jahre Kanalarbeit in den Knochen – Redaktion, Programmplanung. Einer Wühlmaus gleich hat sich der Filmexperte durch die Instanzen gegraben, um nicht nur körperlich zum Schwergewicht aufzusteigen, das zuletzt 394 Millionen Euro Jahresetat und 65 Mitarbeiter verwaltet hat. „Gremien sind nun mal wichtig“, sagt er aufrichtig. Kontrollmechanismen, Verfahrensabläufe – „ich sehe darin eine tiefere Sinnhaftigkeit.“ Und sei es nur die, seine Art Angebot zu exekutieren.

Der Freitagabend zum Beispiel, drei Jahrzehnte lang Sendeplatz in- wie ausländischer Filme mit Niveau, wurde unter Jurgans Ägide zum Ort einheimischen Zuckerwerks, die der Bundesverband Regie als „Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei“ beschimpft. Jurgan nennt sie pragmatisch „mainstreamiges“ Programm für viele. „Wir pilcherisieren nicht, wir kolorieren“.

Und zwar an die 2800 Stunden allein im Ersten. Da sich all die Wiederholungen in den Dritten zudem fast auf das Dreifache summieren, kam der Senderverbund im vergangenen Jahr auf 443 Tage Degeto-Programm. Zwar pappt das Logo auch auf Perlen wie „Mogadischu“ oder rund 200 ausländischen Lizenzankäufen pro Jahr (die indes oft nachts verbrannt werden). Aber Jurgans Hauptgeschäft sind eben Filme à la „Schaumküsse“ mit Christine Neubauer. Niemand verkörpert Jurgans Erfolgsrezept besser als die Münchnerin, denn keine entspricht so sehr dem dramaturgischen Credo des vierfachen Familienvaters wie sie. Beruflich eigenständig, tauscht sie als ungeplant schwangere Köchin auch in diesem Film Karriere gegen Kind, sobald der Traummann (diesmal nicht Erol Sander, sondern Oliver Bootz) dreimal zwinkert.

„Wir machen eben weibliches Fernsehen“, sagt Jurgan als zuständiger Redakteur und erinnert zugleich an maskulinere Importe vor seiner Zeit – „Magnum“, „Die Straßen von San Francisco“, „Miami Vice“ – alles Entdeckungen der Degeto. Doch seit Jurgan die Zügel hält, laufen amerikanische Serien zunehmend bei der privaten Konkurrenz. Die er persönlich zwar durchaus möge, „aber sie passen derzeit nicht ins Schema“.

Im Gegensatz zu „Geld, Macht, Liebe“. Die baugleiche Eindeutschung des einstigen Degeto-Einkaufs „Dallas“ sehe er jeden Montagaband im Kreis seiner Familie, gemeinsam am medialen Lagerfeuer der alten Republik. Dass er es aus Überzeugung tut – man glaubt es ihm sofort.

Von Jan Freitag

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