Depressionen und Angstzustände

Mainz - Die Zuschauer kennen Michael Steinbrecher vor allem als Moderator des "Aktuellen Sportstudios" im ZDF. Doch gelegentlich dreht der 41-Jährige auch Porträts und Reportagen. Sein jüngster Beitrag, der in Zusammenarbeit mit Annette Heinrich entstand, beschäftigt sich mit dem Thema Mobbing in der Schule.

Der 15-jährige Alexander aus Hamburg geht gern in die Schule. Das war nicht immer so. Bevor er das Gymnasium wechselte, war sein Alltag die Hölle. Alexander wurde gehänselt und gequält, weil eine Klassenkameradin das Gerücht verbreitet hatte, er sei ein "Grabscher". Auch als sich bald darauf herausstellte, dass das Mädchen eine Lüge verbreitet hatte, änderte das nichts mehr. Wo Alexander ging und stand, wurde er angepöbelt, bald machten auch Kinder aus anderen Klassen mit.

Alexanders Eltern, die merkten, dass ihr Sohn immer verschlossener und immer öfter krank wurde, sprachen mit den Lehrern, den Mitschülern, der Schulleitung. Es hatte keine Konsequenzen, nichts veränderte sich. Erst als ein Psychologe riet, dringend die Schule zu wechseln, trat die Besserung ein. Alexander konnte seine Depressionen abschütteln und gewann neue Freunde.

"Psychokrieg im Klassenzimmer" haben Steinbrecher und Heinrich ihren Beitrag genannt, der heute um 22.15 Uhr im Rahmen der Reihe "37 Grad" zu sehen ist. Co-Autor Steinbrecher hat bei der Recherche zum Fall Alexander vor allem die Erkenntnis gewonnen, "dass es, wenn das Mobbing einmal begonnen hat, für das Opfer ohne Hilfe von außen keinen Ausweg mehr gibt. Es ist dann ganz egal, wie es sich verhält."

Keinen Ausweg sah auch die heute 16-jährige Samantha aus Stuttgart. Das Mädchen war auf einer Hauptschule seit der 5. Klasse Ziel von Übergriffen gewesen. So streiften ihr in der Pause drei Mitschüler eine Plastiktüte über den Kopf und schlugen auf sie ein. Der Arzt stellte Prellungen und eine Gehirnerschütterung fest und riet Samanthas Mutter zu einer Anzeige. Die wollte den Vorfall "lieber friedlich klären" und sprach mit den Mitschülern. Lehrer und Schulleitung taten den Vorfall als Streich ab. Von da an war Samantha eine Außenseiterin.

Nach der 7. Klasse, in den Sommerferien, bekam sie anonyme Anrufe, sogar Morddrohungen. Sie reagierte mit Schlafstörungen und Angstzuständen darauf. Irgendwann konnte Samantha nicht mehr. Sie lief von zu Hause weg und wollte sich umbringen. Stundenlang irrte sie durch Stuttgart und Umgebung, stand lange auf einer Autobahnbrücke, während die Polizei bereits fieberhaft nach ihr suchte.

In ihrer Verzweiflung berührten sie nicht einmal mehr die flehentlichen Bitten ihrer Mutter, ihrer Oma und ihrer wenigen Freunde, die ihr auf die Mailbox ihres Handys sprachen: "Ich habe zwar geweint, aber innerlich war ich ganz kalt. Ich dachte, dafür, was sie mir alle angetan haben, dafür können sie jetzt weinen. Ich habe auch oft genug alleine geweint." Dass sie im letzten Moment doch nicht sprang, darüber ist sie heute froh. Sie geht allerdings auch nicht mehr zur Schule, sondern macht ihren Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg an der Volkshochschule nach.

Schwere Vorwürfe richten die Eltern der beiden Opfer in den Film an Lehrer und Schulleitung. So versuchten Alexanders Eltern immer wieder, die Situation auf friedliche und konstruktive Weise zu lösen. Sie regten an, Projekte gegen Mobbing an der Schule zu etablieren: "Doch alle Vorschläge, die wir machten, wurden abgelehnt". Auch Samanthas Mutter ist verbittert: "Ich hätte mir gewünscht, dass man sich mal gemeinsam an einen Tisch setzt und redet, dass man mir einen Rat gibt, wo wir Hilfe bekommen können. Aber da kam überhaupt nichts."

Das Gefühl, dass die Schulleitungen sich zwar dem Phänomen Mobbing grundsätzlich aufgeschlossen zeigten, es jedoch nie auf die eigene Schule bezogen wissen wollten, hatte auch Michael Steinbrecher: "Denen war, wenn‘s konkret wurde, das Image der eigenen Schule wichtiger als das Thema."

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