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Zur ZDF-Sendung am 04.11.2009 um 20:15 Uhr: Der Seewolf. Koch Mugdrige, Smoke und Maud Brewster können nichts gegen die Brutalität von Kapitän Larsen tun (v.l.n.r. Julian Richings, Sebastian Koch, Max McCabe-Lokos, Neve Campbell).

„Der legt den Finger in die Wunden“

München - Sebastian Koch über die Figur des Kapitäns Wolf Larsen im ZDF-Zweiteiler „Der Seewolf“ nach Jack Londons Roman.

Eine Kartoffel muss auch diesmal dran glauben. Selbstverständlich kommt die aktuelle Verfilmung des Klassikers „Der Seewolf“ von Jack London nicht ohne die legendäre zerquetschte Knolle aus. Aber die Art und Weise, in der Regisseur Mike Barker diese Szene inszeniert, sagt viel über den neuen „Seewolf“ aus, den das ZDF in zwei Teilen am Sonntag und am kommenden Mittwoch (jeweils um 20.15 Uhr) zeigt.

In Wolfgang Staudtes ebenfalls im Programm des Mainzer Senders zu sehenden Vierteiler von 1971 etwa war die Kartoffel noch das Vehikel für Raimund Harmstorf, seinen zynischen, „Seewolf“ genannten Kapitän Wolf Larsen als zupackenden Kraftprotz zu illustrieren. In der Pro Sieben-Variante des vergangenen Jahres musste auch der für den Käpt’n eines Robbenfängers leider viel zu weißzahnige Thomas Kretschmann noch eine Show rund um die alberne und buchstäblich ausgequetschte Szene veranstalten.

Die herablassende Beiläufigkeit, mit der sich Sebastian Koch als Titelheld jetzt damit beschäftigt, nimmt hingegen sofort für diese kluge, umsichtig arrangierte Adaption ein. Es liegt aber vor allem an Sebastian Koch, der mit seinem Spiel dem Abenteuerklassiker über einen brutalen, ausschließlich sozialdarwinistisch denkenden Kapitän und einen humanistischen Schöngeist neues Leben einzuhauchen vermag. Koch, der sich mit Rollen wie dem Richard Oetker in Peter Keglevics „Der Tanz mit dem Teufel“ oder als Klaus Mann in Heinrich Breloers „Die Manns“ ins kollektive Gedächtnis spielte, sieht Rolf Larsen als einen „hochinteressanten Kerl. Er ist ein kluger Kopf, der ganz klar und einfach denkt. Vielleicht nicht unbedingt gesellschaftskompatibel, aber für sich unbedingt brillant. Er weiß einfach, dass nur der überlebt, der im Kampf besteht.“

Ein so physisch angelegter Charakter stellte für den bislang eher auf intellektuelle Männer abonnierten Schauspieler, Absolvent der Münchner Otto Falckenberg-Schule, eine Herausforderung dar: „Schauspielerei wird ja immer mehr zum Typecasting, und eigentlich interessieren sich die Zuschauer inzwischen mehr dafür, auf welcher Party man war als dafür, welche Rolle man zuletzt gespielt hat. Ich schlüpfe nach wie vor gerne vollständig in eine Figur hinein. Das ist das Wesentliche. Die innere Haltung bedingt dann die äußere. Mir ging es aber in diesem Fall gar nicht so sehr ums Körperliche, also um den zusätzlichen Muskelaufbau zum Beispiel.“ Der kam von ganz alleine während der Dreharbeiten im Norden Kanadas. „Das Wetter war sehr rau, genauso wie im Buch beschrieben“, erinnert sich Koch. „Das hatten wir uns ja eigentlich gewünscht, aber dadurch wurden die Dreharbeiten auch riskant. Das Wasser war so kalt, ich glaube, sechs Minuten hätte man Zeit gehabt, jemanden da lebend wieder herauszuholen. Aber die Gefahr war gleichzeitig auch der Reiz, das Abenteuer, von dem der Roman erzählt, ein wenig selbst zu erleben.“

Die Produktion kommt nahezu ohne Computertechnik aus. Das bedeutet aber, dass die Szenen auf hoher See auch wirklich dort gedreht werden mussten. Trotz widrigster Witterung. Und mit einer vielköpfigen Filmcrew auf engstem Raum. „Für die Dreharbeiten, für das Segeln auf einem solchen Boot brauchte man viel Kraft. Schauspielerei ist nicht immer nur Fake“, lacht Koch. Entscheidend für ihn sei aber weniger die reine Muskelmasse: „Ich wollte eine Figur erschaffen, an deren Blick man nicht vorbei gehen kann. Den man allein durch seine Präsenz zur Kenntnis nimmt.“

Das ist gelungen. Kochs Larsen ist eine bestechende Mischung aus Boshaftigkeit und schon fast sympathischer Schläue: „Das Ambivalente, Schillernde dieses Mannes hat mich fasziniert. Man wird von ihm immer in Atem gehalten.“ Jack Londons Geschichte ist für Koch eine „tolle Parabel, ein fast faustischer Stoff“. Anhand des Kapitäns und des geretteten Schiffbrüchigen fächert der Autor seine Gedanken über die Unsterblichkeit der Seele auf, über Nietzsche und Darwin, über Macht und Recht.

Was sich im Original mitunter eher betulich liest, hat Barker mit seinem für eine Fernsehproduktion sichtlich üppigen Budget in eine ansprechende und trotz des Theoretisierens zweier Männer durchaus mitreißende Form gegossen. „Das ist so schlau gemacht. Da knallen zwei aufeinander in diesem engen Raum eines Schiffes und stellen all diese auch heute noch so wichtigen Fragen. Und es geht gar nicht darum, dass sie beantwortet werden. Es geht darum, dass sie gestellt werden“, erklärt Sebastian Koch: „Der Larsen, der legt den Finger in die Wunden. Der spricht was aus. Das hat mir gefallen, gerade heute, in einer Zeit, in der alle so ‚freundlich‘ sind.“

Ulrike Frick

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