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Leben im Untergrund: Nach Roberto Savianos Buch entstand die gleichnamige Serie "Gomorrha", die ab Oktober auf Sky läuft.

Roberto Saviano zur Serie "Gomorrha"

„Deutschland ist ein Dorado für die Mafia“

München - Bereut er sein Werk über die Mafia? Der Journalist Roberto Saviano spricht im Merkur-Interview über die Serie „Gomorrha“, die Organisierte Kriminalität und sein Leben unter ständigem Polizeischutz

Roberto Saviano im Gespräch mit Katharina Mutz.

Mehr als vier Millionen Mal verkaufte sich sein Anti-Mafia-Buch „Gomorrha“ – und machte den italienischen Journalisten Roberto Saviano nicht nur auf einen Schlag berühmt, sondern auch zum Todfeind der neapolitanischen Camorra. Auf der Grundlage des Buches ist jetzt eine gleichnamige Fernsehserie entstanden, die Saviano, der seit bald neun Jahren im Untergrund lebt, am Sonntag im Rahmen des Münchner Filmfestes präsentierte. Weltweit ist die Serie in 60 Länder verkauft worden, am 10. Oktober startet sie in Deutschland auf Sky Atlantic, im nächsten Jahr wird sie auf Arte zu sehen sein. In Italien war „Gomorrha“ das Fernsehereignis des Jahres – zu Recht. Mit eindringlichen Bildern beschreibt die an Originalschauplätzen gedrehte Produktion das Leben der Mafiosi. „Gomorrha“ dreht sich um zwei rivalisierende Clans und ihre Familien, die hier nicht heroisiert, sondern in ihrer ganzen Brutalität gezeigt werden. Einen Guten gibt es nicht. Wir trafen den 34-jährigen Autor im Bayerischen Hof in München.

Mit der Fernsehserie „Gomorrha“ wird Ihr Buch und damit der Inhalt, für den Sie Ihr Leben geopfert haben, endgültig Teil der Popkultur. Ist das nicht irgendwie absurd?

Ja, schon. Trotzdem glaube ich, dass die Serie meine Arbeit perfekt ergänzt. Ich wollte eine Serie, die auf Tatsachen beruht – auch wenn die Namen natürlich verändert sind. Mit der Serie will ich einem breiten Publikum zeigen, wie die kriminelle Realität aussieht.

In Italien war „Gomorrha“ ein riesiger Erfolg. Glauben Sie, das liegt daran, dass sich die Leute wirklich für das Problem der Organisierten Kriminalität interessieren oder vielleicht doch eher an der alten Faszination für die Mafiosi?

Natürlich schauen die Leute die Serie nicht aus einem bürgerlichen Engagement heraus. Die Geschichte ist spannend erzählt, und das ist sicher einer der Gründe für den Erfolg. Klar gibt es eine Faszination für die Mafia – aber wir haben versucht, diese Faszination zu dekonstruieren. Als Zuschauer sieht man das Elend der Mafiosi und die ekelhafte Art, wie sie leben. Da gibt es beinahe nichts Anziehendes. Wir haben so gut es geht versucht, die Realität abzubilden – ohne vorzugeben, wie man diese Realität bewerten soll.

Bereuen Sie, dass Sie „Gomorrha“ geschrieben haben?

Ich würde gerne sagen: Natürlich würde ich es wieder schreiben. Aber ich sage: Nein. Ich würde es nicht wieder schreiben – und wenn, dann mit mehr Besonnenheit. Meiner Ansicht nach gibt es kein Ideal, für das es sich lohnt, das eigene Leben zu zerstören, für das es sich lohnt, die Menschen zu gefährden, die du liebst.

Was fehlt Ihnen bei Ihrem Leben im Untergrund am meisten?

Spontan Sachen zu entscheiden. Zum Beispiel jetzt nach dem Interview einfach spazieren zu gehen. Die Situation ist schon ziemlich bizarr: An einem Tag werde ich im Fernsehen interviewt – was so ziemlich die öffentlichste Sache ist, die es gibt – und direkt danach bin ich wieder eingeschlossen.

Aber Sie wussten doch, dass das alles sehr gefährlich ist. Wieso haben Sie „Gomorrha“ trotzdem geschrieben?

Weil ich glaube, dass Worte etwas verändern können. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass das in so einem Desaster endet. Ich wollte einfach mein Buch verkaufen, eine Debatte anstoßen. Mein größter Wunsch ist, dass die Geschichten, die ich erzähle, wirklich bei den Leuten ankommen. Dass sie diese Geschichten fühlen.

Wie schaffen Sie es bei Ihrem Leben im Untergrund, weiterhin so aufwändige Recherchen zu betreiben?

Ich bekomme jetzt viele Dokumente von Richtern und von der Polizei – ich habe sozusagen mein Revier verändert. Früher war ich mit der Vespa unterwegs in den Straßen, heute bin ich in den Strukturen drin, in den Prozessen. Paradoxerweise habe ich heute viel mehr Informationen zur Verfügung als früher.

In Ihrem Buch „Zero, Zero, Zero“ legen Sie dar, welche zentrale Rolle Kokain für die Organisierte Kriminalität spielt. Sollte man Kokain legalisieren?

Das ist meine Vision. Ich weiß, dass das schwierig zu realisieren ist, aber es gibt keine Alternative. Entweder man legalisiert Kokain oder kriminelle Organisationen werden weiterhin eine unglaubliche Macht haben. Mit Kokain ist es wie mit allem anderen auch: In dem Moment, in dem man es kontrolliert, bekämpft man es. Haschisch und Kokain zu legalisieren, würde die Geschichte verändern, weil so viele kriminelle Geschäfte gar nicht mehr finanziert werden könnten.

Sie behaupten, dass Deutschland für die Mafia ein Paradies auf Erden sei. Inwiefern?

Es ist ein Dorado, weil es keine Gesetze gegen Geldwäsche gibt. Es gibt auch kein Gesetz, das die Gründung einer mafiösen Vereinigung verbietet. Die Deutschen wollen nicht sehen, dass es in ihren Hotels, Firmen und Geschäften eine Menge schmutziges Geld gibt. Warum kümmert sich Deutschland nicht um das Problem? Weil Deutsche von der Mafia nicht getötet werden. Nur: Wenn Deutschland sich nicht gegen die Mafia engagiert, wird auch in Europa nichts passieren.

Und in Italien? Verändert sich da langsam etwas? Der Papst hat ja kürzlich die Mitglieder der kalabrischen Mafia ‘Ndrangheta exkommuniziert.

Die Worte von Papst Franziskus waren enorm wichtig, denn die Mitglieder der Mafia sind davon überzeugt, dass sie Teil der christlichen Kultur sind. Papst Franziskus hat ganz klar gemacht: Eure Werte sind nicht unsere. Auf die Mitglieder der ’Ndrangheta hat das eine starke Wirkung. Die Exkommunikation war deshalb weit mehr als nur ein Symbol. Insgesamt habe ich schon das Gefühl, dass sich der Umgang mit der Mafia in Italien verändert – aber da muss noch sehr viel getan werden.

Das Gespräch führte Katharina Mutz.

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