Edgar Selge und Martina Eitner-Acheampong
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Schuldig oder nicht schuldig? In Andres Veiels Film kommt auch Angela Merkel (Martina Eitner-Acheampong) zu Wort, hier befragt vom Vorsitzenden Richter Hans-Walter Klein (Edgar Selge).

Interview mit Regisseur Andres Veiel zu „Ökozid“

Klimakrise: ARD-Fernsehfilm stellt Deutschland vor Gericht

  • Rudolf Ogiermann
    vonRudolf Ogiermann
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Hat die Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt, der Erhöhung des weltweiten CO2-Ausstoßes und damit der Erderwärmung entgegenzuwirken? Und wenn ja – kann man sie dafür vor ein internationales Gericht stellen und zu Schadensersatz verurteilen? Die Autoren Jutta Doberstein und Andres Veiel haben dieses Szenario zum Plot ihres im Jahr 2034 spielenden Gerichtsfilms „Ökozid“ gemach. Als Zeugin der Verteidigung lassen die Macher auch Angela Merkel, gespielt von Martina Eitner-Acheampong), auftreten.

Wie lange haben Ihre Co-Autorin und Sie für diesen Film recherchiert?

Angefangen haben wir vor eineinhalb Jahren, wobei wir das Glück hatten, im Wesentlichen auf eine Doktorarbeit zurückgreifen zu können, in der es um Lobbyismus im Energiesektor ging. Der Doktorand hatte sich wichtige Dokumente aus dem Bundeskanzleramt und aus diversen Ministerien sichern können, zum Teil musste er dazu juristische Schritte androhen, weil solche Dokumente eigentlich jedem, der wissenschaftlich arbeitet, zur Verfügung gestellt werden müssen. Dieser Fundus war uns sehr wichtig, weil wir – gerade, weil wir in die Fiktion gehen – eine belastbare Faktenbasis haben wollten.

Was hat Sie selbst am meisten schockiert bei und nach der Recherche?

Co-Autor und Regisseur: Andres Veiel

Mich hat am meisten schockiert, wie groß die Versäumnisse in der deutschen Klimaschutzpolitik waren und sind. Wenn man sich die Jahre 1998 bis 2020 anschaut, muss man konstatieren, dass es immer wieder kluge, mutige Vorstöße der EU-Kommission in Sachen Emissionshandel und Senkung des CO2-Ausstoßes im Straßenverkehr gab. Deutschland hat immer versucht, die Vorgaben der EU abzuschwächen oder diesen Punkt erst einmal von der Tagesordnung zu streichen, um Zeit zu gewinnen. Das lässt sich nicht an einem SPD-Kanzler oder an einer CDU-Kanzlerin, an diesem oder jenem Minister festmachen. Die Verhinderung hatte System, und zwar schon zu einer Zeit, in der uns andere, bessere Lösungen noch nicht so viel gekostet hätten.

Worin bestand die besondere Herausforderung des Gerichtsfilms? Es geht hier ja nicht um einen spektakulären Mordfall, um konkrete Schicksale, sondern um Zahlen...

Ich hoffe, dass auch Zahlen die Zuschauer emotionalisieren können. Und natürlich gibt es auch im Film unmittelbar Betroffene, ein Bauer aus der Uckermark und ein Aktivist aus Bangladesh, der gegen ein Kohlekraftwerk protestiert, das mit deutscher Unterstützung gebaut wurde. Uns ging es darum, die politischen Entscheidungsprozesse darzustellen. Das hat nicht den Thrill eines Mordprozesses, aber die Folgen solcher falschen Entscheidungen betreffen ja Millionen Menschen weltweit. Wir haben versucht, das in ein Feuerwerk der Argumente zu übersetzen, mit allen Relativierungen, Vertuschungen, Lügen, die da passiert sind, und damit Spannung zu erzeugen, sodass der Film in der Primetime laufen kann und nicht irgendwann nach 23.30 Uhr.

Viele Rollen sind prominent besetzt, wie haben die Schauspieler auf das Thema reagiert?

Wir haben während der ersten Corona-Welle gedreht, und ich muss sagen, dass das für mich mit die beste Dreherfahrung war, die ich je hatte. Es war ein großes Miteinander, alle waren froh, wieder Arbeit zu haben, alle – von den Haupt- bis zu den Nebendarstellern – haben sich mit Freude eingelassen auf diese Arbeit. Was sicher auch mit der Thematik zu tun hatte. Alle haben gespürt, dass es wichtig ist, so einen Film zu machen.

Gab’s da auch so etwas wie ein entsetztes „Das habe ich nicht gewusst!“ oder „Wie konnten wir das zulassen?“

Ja, das war ganz stark spürbar. Da stand schon immer die Frage im Raum, inwieweit wir gegenüber den Jungen, gegenüber der „Fridays for Future“-Generation versagt haben, weil wir uns – ich nehme mich da nicht aus – selbst verwirklicht haben. Das eigentliche Aha-Erlebnis war aber die Erkenntnis, dass die Politik versagt hat, und zwar nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch. Mit dem Ergebnis, dass wir der Konkurrenz in der Elektromobilität und bei Wasserstoffantrieben jetzt fünf bis zehn Jahre hinterherhinken, weil viel zu lange die SUVs die Cashcow waren, auf die einseitig gesetzt wurde. Und die Politik nicht einmal den Versuch gemacht hat, das zu korrigieren.

Sie haben auch Ingo Zamperoni ins Boot holen können, eines der Gesichter der ARD-„Tagesthemen“, das durch seine Person beglaubigen soll, was da fiktional verhandelt wird.

Na ja, wir haben ihm graue Haare verpassen lassen, er sollte schon zehn, 15 Jahre älter aussehen, alles andere würde die Zuschauer irritieren. Die Idee war, durch ein, zwei Nachrichtensprecher zum einen die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Prozess abzubilden und zum anderen sie berichten zu lassen, was sich gerade an Naturkatastrophen ereignet – übrigens alles authentisches Material.

Manche Zuschauer werden sich fragen, warum hier ausgerechnet Deutschland vor Gericht steht. Ein Fall von – ketzerisch gesagt – typisch deutscher Selbstgeißelung?

Genau diese Frage stellt im Film der Verteidiger der Bundesregierung auch: „Warum Deutschland, warum nicht Russland, China oder die USA?“ Die Antwort: Weil diese Länder das Gericht nicht anerkennen. Dieser fiktive Prozess ist ein Prozess gegen ein Land, dass die Fairness besitzt, diesen Gerichtshof überhaupt anzuerkennen. Ich finde, es ist ein Qualitätsmerkmal unserer Demokratie, dass die Medien, in diesem Fall das Fernsehen, solche kritischen Fragen stellen dürfen, ohne dass die Macher Angst vor Sanktionen haben müssen. Und diese Fragen müssen jetzt diskutiert werden, gerne auch kontrovers.

Kein „öffentlich-rechtlichen Belehrungsfernsehen“?

Nein. Wir geben ja auch der Verteidigung sehr gute Argumente an die Hand. Wir wollten kein Politikerbashing veranstalten oder Deutschland an den Pranger stellen, sondern faktenbasiert dokumentieren, warum die Weichen falsch gestellt wurden, nämlich mit Blick auf schnelle Renditen. Deswegen lassen wir unseren Film in der Zukunft spielen: Um zu zeigen, was wir konkret heute tun können, damit das Szenario, das wir skizzieren, so nicht eintritt.

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