MTV Deutschland wird 20: als das Fernsehen umgekrempelt wurde

München - Was am 1. August 1987 erstmals über deutsche Bildschirme flimmerte, war schnell, bunt und extrem "cool". Vor genau 20 Jahren sendete der Musiksender MTV erstmals im deutschen Kabelnetz.

Es war eine kleine Revolution. Im Land der klassischen Vollprogramme gab es plötzlich ultrakurze Filme, schnelle Schnitte - und englische Moderatoren. "MTV war schon automatisch cool, weil das Programm aus London kam", sagt der derzeit populärste MTV-Moderator, Markus Kavka. "Da hat man plötzlich extrem stylische Menschen gesehen."

Schon sechs Jahre vorher war MTV in den USA erstmals auf Sendung gegangen. Der Titel des ersten Clip war programmatisch und selbstbewusst - "Video Killed The Radio Star" von den Buggles. Heute geben sogar Kulturpessimisten unumwunden zu, dass MTV das Fernsehen umgekrempelt hat. Mit dem Musikvideo entstand eine völlig neue Kunstform. Die Clip-Ästhetik färbte auch auf andere Sender ab. Irgendwann sahen auch viele Reportagen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie Musikvideos aus.

Markus Kavka selbst war anfangs allerdings kein großer MTV-Fan, schließlich begann seine Fernsehkarriere beim deutschen Konkurrenzsender Viva. "Bevor ich hierhin kam, fand ich MTV total doof", erzählt der gebürtige Ingolstädter: "Die hatten damals eine unausgegorene Musikauswahl." Schließlich konnte das in London produzierte, in ganz Europa ausgestrahlte Programm nicht auf Musiktrends einzelner Länder eingehen. Deutschen Hip Hop gab es daher anfangs nur bei Viva.

Doch die internationale Konkurrenz reagierte, und seit 1997 sendet MTV Central in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Deutsch. "Die Musiksender haben sich dann nur noch gegenseitig die Zuschauer weggenommen", sagt Kavka, der bereits nach dem Ende des Alternativsenders Viva zwei zur Konkurrenz wechselte, und fügt grinsend hinzu: "Das ging so nicht weiter - also haben wir den Laden gekauft." Vor zwei Jahren wurde Viva von der MTV-Muttergesellschaft Viacom geschluckt.

Inzwischen machen beide Sender ein Programm, das mit klassischem Musikfernsehen nicht mehr viel zu tun hat. MTV sendet tagsüber vor allem Cartoons und Realityshows. Selbst produzierte Animationsformate wie "Celebrity Death Match", die absurde Stuntshow "Jackass" oder die Doku Soap aus dem Wohnzimmer von Altrocker Ozzy Osbourne sind zum Markenzeichen des Senders geworden. So unkonventionell wie das Programm waren die Köpfe, die es präsentierten. So moderierten unter anderen Kristiane Backer, Anastasia Zampounidis, Sarah Kuttner und Ben Tewaag. Für einige von ihnen - beispielsweise Max von Thun oder Christian Ulmen - ebnete die Präsenz bei MTV den Weg zum Erfolg in der Schauspielerei.

Musikvideos gibt es bei MTV nur noch selten zu sehen - für Musikexperte Kavka eine logische Entwicklung. "Musikfernsehen funktioniert heute nicht mehr so, wie das früher mal der Fall war", erklärt der 40-Jährige, der zurzeit die "MTV News" und das Magazin "Rockzone" moderiert. "Es ist einfach nicht mehr so neu und aufregend, ein Video zu sehen." Das gelte vor allem für die Kernzielgruppe des Senders, die Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren. Die Klagen über zu wenig Musik im Musikfernsehen kämen ohnehin eher von Älteren, meint Kavka: "Leute, die MTV vor fünf bis zehn Jahren ganz geil fanden, es heute aber gar nicht mehr schauen würden, sondern nur so aus dem Augenwinkel mitbekommen haben, dass da jetzt keine Musik mehr läuft."

Denn andere Formate sind nun mal besser für die Quote. Bei einem Videoclip bleibt man dreieinhalb Minuten hängen, Realityshows dauern auch mal eine halbe Stunde. Tatsächlich hatten MTV und Viva noch nie so viele Zuschauer wie heute. Im ersten Halbjahr 2007 erzielte MTV mit einem Marktanteil von 2,3 Prozent das beste Ergebnis in der Sendergeschichte.

"Ich würde jetzt aber nicht behaupten, dass MTV heute noch der Trendsetter ist wie vor zehn Jahren", gibt Kavka zu. Vor allem im Internet wachsen gefährliche Konkurrenten heran. Wer einen bestimmten Musikclip sehen will, wird bei "Youtube" mit ein paar Mausklicks fündig, auf der Seite Myspace laden selbst unbekannte Bands ihre Videos hoch. "Da hat MTV sicherlich die Entwicklung verpennt", sagt Kavka. Obwohl man auch hier längst mit Formaten fürs Internet experimentiert. "MTV Flux" in Großbritannien macht Fernsehprogramm nach dem "Youtube"-Prinzip. Die Zuschauer können selbstgedrehte Videos einschicken. In Deutschland bietet der Sender das Format "MTV Overdrive" an. Zuschauer können im Internet kostenlos Videoclips und MTV-Sendungen anschauen.

Was die Zukunft des Musikfernsehens angeht, ist Markus Kavka trotzdem optimistisch. "Terrestrisches Musikfernsehen gibt es in zehn Jahren nicht mehr", glaubt der Moderator, der inzwischen auch als DJ und Buchautor arbeitet. Er rechnet stattdessen mit einer Ausweitung des Angebots im digitalen Fernsehen - dann auch durchaus wieder mit mehr Musik. "Dann gibt es einfach zehn Digitalkanäle, die unter dem Dach von MTV laufen - für jede Musikrichtung einen."

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