Hugo Egon Balder im Jahr 1990 mit seinem leicht bekleideten „Tutti Frutti“-Ballett. Imago
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Spitzname „Schmuddel-Egon“: Hugo Egon Balder im Jahr 1990 mit seinem leicht bekleideten „Tutti Frutti“-Ballett.

Nach Wechsel von ARD zu Prosieben

Die deutschen Privatsender und ihre größten Skandale

  • Stefan Sessler
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Von „Tutti Frutti“ bis „Frauentausch“ – viele TV-Formate der privaten Sender sind umstritten, finden aber ein Millionenpublikum. Skandale in der Vergangenheit sorgten für Aufsehen.

München – Kurz nach dem Mauerfall kamen die Nackerten. „Tutti Frutti“ war die erste Erotikshow im deutschen Fernsehen, für RTL war es eine Goldgrube. Der Kölner Sender produzierte in alten Kulissen in Mailand für gerade mal 1000 D-Mark pro Sendeminute seine umstrittene und weitgehend sinnfreie Striptease-Show, die als Quiz getarnt war. Die Werbeeinnahmen betrugen ein Vielfaches.

Drei Jahre lang, bis zum Jahr 1993, zeigte RTL insgesamt 150 Folgen. Hugo Egon Balder moderierte und zementierte für Jahrzehnte seinen Ruf als „Schmuddel-Egon“. Kein anderes Fernsehformat sorgte Anfang der 1990er-Jahre für mehr Aufregung in Deutschland. „Niveaulos“, „sexistisch“, „pornografisch“, so lauteten die Urteile. Eine Hausfrau meldete sich persönlich bei RTL und forderte die Absetzung der Show – mit ganz praktischen Argumenten. „Meinem Alten“, sagte sie, „fallen gleich die Augen aus dem Kopf.“ RTL erreichte trotzdem ein Millionenpublikum.

Wenn von TV-Grenzüberschreitungen die Rede ist, dann fällt immer der Name „Tutti Frutti“. Aber die Liste ist länger. Der Untergang des Abendlandes unter Beihilfe des Privatfernsehens wurde in der Bundesrepublik schon öfter ausgerufen. 1994 zeigte eine RTL-Moderatorin einer Prostituierten Fotos von Politikern. Beim fünften Foto sagte die Frau: „Der war’s.“ So wurde ein verheirateter Bundestagsabgeordneter mit drei Kindern vor laufender Kamera und späterer Mithilfe der „Bild“-Zeitung als Bordellgänger enttarnt. Die Prostituierte soll er zuvor um besondere Sexpraktiken gebeten haben – und zwar mit den Worten: „Ich bin FDP-Politiker. Ich kann das verlangen.“

RTL-Chef Helmut Thoma sagte kurz davor zwar: Das Imageproblem sei „weitgehend gelöst“, manchmal sei sein Sender „schon zu seriös“. Aber Seriosität ist damals trotz politischen Formaten wie „Talk im Turm“ (Sat. 1) und „Schreinemakers“ (Sat. 1) nicht der flächendeckende Anspruch der Privaten. Es ist die große Zeit der Talkshows, der Telenovelas und natürlich der tränenreichen „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol.

Singender Star aus dem Big-Brother-Container: Zlatko Trpkovski trat sogar beim Grand-Prix-Vorentscheid an.

Im Jahr 2000 sorgt die deutsche Erstausstrahlung von „Big Brother“ für heftige Diskussionen. Ist es ein Tabubruch, Menschen in einen Container zu sperren und dabei zu filmen, wie sie duschen, essen, schlafen? Der schwäbisch-mazedonische Industriemechaniker Zlatko „Zladdi“ Trpkovski ist ein Bewohner der ersten Stunde. Er wird sofort zum TV-Star, weil Deutschland mit Hilfe von 28 Kameras live zuschauen kann, wie er sich die Brusthaare mit der Papierschere schneidet und wie er mit der Grammatik kämpft („Isch grüße alle, die wo mich kenne“).

RTL zwei sahnt mit dem Trashformat Einschaltquoten ab, von denen der Sender heute nur träumen kann. Tausende Menschen versammeln sich vor dem berühmten Container in Köln, es gibt Kreislaufzusammenbrüche und Massenhysterien wie früher nur bei Beatles-Auftritten. Sogar Politiker entdecken den TV-Knast als idealen Ort, um Jungwähler für sich zu begeistern. Der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle stattet dem „Big Brother“ einen Kurzbesuch ab, bringt Whisky mit und beruhigt die Bewohner, dass sie in den letzten Wochen im echten Leben nichts verpasst hätten. „Die Welt steht noch“, sagt er. Die Spritpreise stünden aber „beschissen“.

Es folgt ein Dutzend weiterer Staffeln, bei einer wird gefilmt, wie sich eine Bewohnerin ein Brustwarzenpiercing stechen lässt. Die Quoten sinken allmählich, aber den Privatsendern gehen die Ideen nicht aus. „Bauer sucht Frau“, „Frauentausch“, „Germany’s Next Topmodel“, „Dschungelcamp“, „Promis unter Palmen“ – über jede dieser Sendungen wird geschimpft und diskutiert, aber Millionen von Menschen schalten Tag für Tag ein.

Seit Kurzem ist bekannt: Der Sender Prosieben bekommt eine neue Sendung, moderiert von Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel. Edmund Stoiber, Bayerns Ex-Ministerpräsident und Vorsitzender des Beirats der Mediengruppe Pro Sieben-Sat.1, spricht in einem Interview über die neue Aufgabe der Privatsender.

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