"Die Gäste können nicht mehr überraschen"

München - Die politische Talkshow - für die meisten Sender ein unverzichtbares Format, beworben zumeist als Diskussionsrunde, in der Mandatsträger, aber auch Verbandsvertreter und Wirtschaftsbosse "Klartext" reden sollen.

Solange es Politiker gibt, die ein möglichst großes Forum suchen, um sich und ihre Meinung zu präsentieren, scheint der Bestand der "Ersatzparlamente" nicht gefährdet. Doch nun zeigt sich erstmals ein hoher Politiker talkshowmüde. Über die Zukunft des Genres sprachen wir mit dem Medienforscher Jo Groebel (57) vom Deutschen Digitalinstitut in Berlin.

-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat vor kurzem angekündigt, nicht mehr in Talkshows auftreten zu wollen. Glauben Sie, dass sein Beispiel Schule macht?

Nein, weil ich glaube, dass Peer Steinbrück wie nur wenige andere seiner Zunft ein sehr differenziertes Verhältnis zur Politik hat und es daher für nicht so notwendig hält, sich dauernd in den Medien darzustellen. Die meisten anderen Politiker wähnen sich jederzeit als vor einer Wahl stehend. Mit Blick auf ihre Popularität glauben sie, regelmäßig in den Medien präsent sein zu müssen. Und dazu gehören auch Talkshows.

-Was bringen Polittalkshows den Politikern?

Schon die pure Häufigkeit des Auftretens schafft die absolut notwendige Bekanntheit beim Wähler. In der Talkshow hat der Politiker ferner die Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu präsentieren - im besten Fall die authentische. Und nicht zuletzt ist die politische Talkshow eine Bühne, auf der man Konflikte mit dem politischen Gegner austrägt, auch wenn diese Konflikte manchmal nur gespielt sind. Typische Kontrahenten in einem gespielten Konflikt sind für mich die Fraktionschefs von CDU und SPD, Volker Kauder und Peter Struck, die sich eigentlich ganz gut verstehen, die aber öffentlich stellvertretend für ihre jeweilige Partei konträre Positionen einnehmen, weil sie gerade die Möglichkeit dazu haben.

-Die Polittalkshow also als Pflege des Ego, als Schaukampf fürs Volk?

Die reine Politik, in der Mandatsträger unter Ausschluss der Öffentlichkeit wirken, hat's nie gegeben. Selbst absoluten oder quasi absoluten Herrschern war es nicht egal, was das Volk, der Bürger über sie denkt. Insofern wäre es töricht zu sagen, dass Politik heute durch das Fernsehen verdorben ist. Und selbst wenn die Konflikte, die in den Fernsehstudios ausgetragen werden, ritualisiert sind, so hat der Bürger doch die Möglichkeit, die Akteure dabei zu erleben, auch in ihren nonverbalen Aktionen, auch in ihren Gefühlsregungen. Politische Talkshows sind dazu geeignet, Identifikationsfiguren zu schaffen, denn Politik ist nicht zuletzt auch die Suche nach Identifikation mit bestimmten Personen und Positionen.

-Dann kann der Zuschauer einer Talkshow Erkenntnisse über konkrete Sachverhalte jedenfalls nicht erwarten?

Da würde ich mit dem sogenannten Aufklärungsparadoxon argumentieren. Wir haben immer mehr Information zur Verfügung, sind dadurch aber so überfordert, dass wir uns nach einfachen Strukturen oder Emotionen sehnen. Ich habe auch nicht die Illusion, dass sich der Bürger jenseits der Fragen, die den eigenen Geldbeutel und vielleicht noch die innere oder die äußere Sicherheit betreffen, ständig außerhalb erregter Diskussionen für alle möglichen Argumente interessiert. Wenn man mit Parteienvertretern spricht, was vor Wahlen an Parteiprogrammen abgerufen wird - das ist deprimierend. Wir werden alle sehr viel stärker von Emotionen in unseren Entscheidungen beeinflusst, von Personen, die uns sympathisch oder unsympathisch sind, als durch die rationale Analyse von Wahlprogrammen. Anders hat Politik nie funktioniert. Insofern hat der Bürger tatsächlich etwas von politischen Talkshows, denn er kann darin seine emotionalen Urteile bestätigt oder widerlegt finden.

-Dennoch stehen politische Talkshows in der öffentlichen Meinung nicht sehr hoch im Kurs...

Das hat sicher damit zu tun, dass die Gäste einen nicht mehr überraschen können, weil sie viel zu oft nur noch das sagen, was ihnen ihre Berater vorgekaut haben. Es sind ja auch immer die Gleichen, die man da sieht. Warum lädt man nicht auch einmal beispielsweise einen anderen Repräsentanten der Linken ein als immer nur Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine?

-Immer wieder wird auch Kritik an den Moderatoren laut. Anne Will beispielsweise scheint ihren Kredit verspielt zu haben...

Die Kritik an einzelnen Moderatoren halte ich für verfehlt. Die Gastgeber müssen authentisch sein, und das sind sie. Und außer handwerklichen Fehlern - wie zuletzt bei Anne Will - kann man ihnen nichts vorwerfen, auch nicht, dass sie zu wenig insistieren würden. Das Insistieren würde unweigerlich zu ritualisierten Reaktionen der Politprofis führen.

-Was würden Sie den Redaktionen raten im Kampf gegen den allmählichen Quotenschwund?

Sie müssten deutlich häufiger nicht nur betroffene Bürger als Alibi-Gäste einladen, sondern, wie schon angedeutet, auch mal neue Köpfe aus der Politik. Ich kriege Anfälle, wenn ich sehe, wie die Öffentlich-Rechtlichen bei den Gästen der Polittalkshows den ohnehin hohen Altersdurchschnitt ihres Publikums noch zu übertreffen versuchen. Außerdem müssten die Redaktionen viel öfter neue Themen setzen und nicht nur schauen, was gerade auf dem Markt ankommt. Das ist auf Dauer kontraproduktiv. Wenn zum hundertsten Mal über die soziale Ungleichheit in Deutschland diskutiert wird, der Erkenntnisgewinn aber gleich Null ist, dann schalten die Leute ab. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssten mehr Mut zum Risiko haben, sie können es sich doch leisten, nicht nur auf die Quote zu schielen. Die Welt ist nicht plötzlich so langweilig geworden, dass es nicht noch neue, spannende Themen gäbe.

-Ihre Lieblingstalkshow?

Das ist von Woche zu Woche unterschiedlich - und das sage ich nicht aus Höflichkeit. Es ist mal Frank Plasberg, mal Anne Will und mal Maybrit Illner. Es hängt davon ab, wer wirklich ein tolles Thema hat. Alle drei sind gut, alle haben ihre Stärken und Schwächen, aber die Stärken kommen natürlich nur dann zur Geltung, wenn sie nicht immer mit den gleichen, abgenudelten Fragen zu tun haben.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

 Politische Talkshows im deutschen Fernsehen

"Anne Will" (ARD) ­ seit 2007 jeweils sonntags um 21.45 Uhr; Moderation: Anne Will; Zuschauer seit September 2007 im Durchschnitt: 3,77 Millionen; Marktanteil im Durchschnitt: 13,1 Prozent.

"Hart aber fair" (ARD) ­ seit 2007 jeweils mittwochs um 21.45 Uhr; Moderation: Frank Plasberg; Zuschauer seit Oktober 2007 im Schnitt: 3,15 Millionen; Marktanteil im Schnitt: 12,6 Prozent.

"Maybrit Illner" (ZDF) ­ seit 1999 (bis 2007 "Berlin Mitte") jeweils donnerstags um 22.15 Uhr; Moderation: Maybrit Illner; Zuschauer in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt: 2,28 Millionen; Marktanteil im Schnitt: 12,2 Prozent.

"Münchner Runde" (Bayerisches Fernsehen) ­ seit 2003 jeweils dienstags um 20.15 Uhr; Moderation: Sigmund Gottlieb und Ursula Heller (im Wechsel); Zuschauer in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt: 550 000; Marktanteil im Schnitt: 6,3 Prozent. "Studio Friedman" (N 24) ­ seit 2004 jeweils donnerstags um 23.30 Uhr; Moderation: Michel Friedman; Zuschauer in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt: 140 000; Marktanteil im Schnitt: 1,2 Prozent.

"Das Duell" (n-tv) ­ seit 2003 jeweils dienstags um 17.10 Uhr und um 23.10 Uhr; Moderation: Heiner Bremer; Zuschauer in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt: 110 000; Marktanteil im Schnitt: 0,8 Prozent.

rog

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