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„Ich habe mein Bestes gegeben“: Schauspieler Francis Fulton-Smith sichtete für seine Rolle viele Stunden dokumentarisches Material über Franz Josef Strauß.

Fulton-Smith in "Die 'Spiegel'-Affäre"

Er spielt Strauß: "Wollte keine Karikatur abliefern“

München - Wir sprachen mit Francis Fulton-Smith über seine Rolle als Franz Josef Strauß in dem ARD-Fernsehfilm "Die ,Spiegel‘-Affäre".

Ein "Spiegel"-Artikel vom 8. Oktober 1962, mitten im Kalten Krieg, ist der Stein des Anstoßes. In „Bedingt abwehrbereit“ ist zu lesen, die Bundesrepublik Deutschland sei nicht in der Lage, einen Angriff des Warschauer Paktes mit konventionellen Waffen abzuwehren. Für die Bundesanwaltschaft und den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915–1988) erfüllt die Veröffentlichung den Tatbestand des Landesverrats. Am Abend des 26. Oktober 1962 werden die Redaktionsräume des „Spiegel“ besetzt und durchsucht, Herausgeber Rudolf Augstein (1923–2002) und mehrere leitende Redakteure verhaftet. Die ARD hat die Ereignisse, die als „Spiegel“-Affäre in die Geschichte eingingen, verfilmt. Roland Suso Richters Werk nach dem Drehbuch von Johannes W. Betz ist am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Sebastian Rudolph spielt Rudolf Augstein, Franz Josef Strauß wird verkörpert vom gebürtigen Münchner Francis Fulton-Smith (48).

Wie bereitet man sich auf eine solche Rolle vor?

Ich wollte auf keinen Fall eine Karikatur abliefern. Das bedeutet, dass man sich als Person komplett zurücknehmen muss, um sich ganz in den Dienst der Figur zu stellen. Wenn die Zuschauer nur noch Strauß sehen und nicht mehr Fulton-Smith, dann habe ich viel erreicht. Aber natürlich gehört zum Gelingen eines solchen Werks neben einem guten Drehbuch die ausgiebige Beschäftigung mit historischen Film- und Tondokumenten. Ich hatte Zugang zu Hunderten von Stunden Archivmaterial.

Der private Strauß kam darin vermutlich kaum vor...

Aber gerade im privaten Strauß lag für mich der Schlüssel. Mir war wichtig, eine Verletzbarkeit zu spielen, die ihn menschlich macht. Auf der einen Seite ist da der Politiker, der brillante Reden hält, der Unglaubliches veranlasst. Auf der anderen der Mensch, der wie ein Häuflein Elend zuhause sitzt. Ich habe mir vorgestellt, wie es jemandem geht, der dazu auserkoren wurde, der Böse zu sein. Das geht an niemandem spurlos vorbei.

Sie haben 20 Kilo zugenommen, um Ihre eigene Physiognomie der des jungen Strauß anzupassen. Wollten Sie das oder wollte das der Regisseur?

Für beide Seiten stand fest, dass das, was man in der Branche als „Fatsuit“ bezeichnet, nicht in Frage kommt. Das bekommt für den Zuschauer schnell etwas Komisches – und sofort ist man Lichtjahre entfernt von seinem Ziel, die Figur, die man spielen will, so genau wie möglich zu treffen. Also war klar: Entweder wir machen es richtig oder wir machen es gar nicht. Deswegen habe ich die Bürde auf mich genommen, mich der Figur FJS auch physisch anzunähern, natürlich begleitet durch Ärzte und Ernährungsberater. Ich wollte ja am Ende auch wieder zurück zum Ausgangsgewicht.

Wie lange haben Sie gebraucht, um Ihr „Kampfgewicht“ zu erreichen?

Die Zunehmphase hat vier, fünf Monate gedauert, beim Abnehmen habe ich mir mehr Zeit gelassen, ungefähr ein Jahr.

Was wussten Sie über den Politiker und Menschen FJS, bevor das Angebot kam, ihn zu spielen?

Erschreckend wenig. Ich bin in einer Zeit groß geworden, als Strauß Ministerpräsident war, bei uns zuhause wurden „Spiegel“ und „SZ“ gelesen, ich dachte, ich wüsste alles über ihn. Aber das waren letztlich nur ein paar Schlagzeilen. Dass dieser Mann wesentlich komplexer war in seinem Denken, in seiner Persönlichkeit, war mir neu – und das fand ich faszinierend. Diese Art von Politiker gibt es heute gar nicht mehr und auch nicht die Art der politischen Auseinandersetzung. Der Konflikt zwischen Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß hatte eine so archaische Wucht, beide haben ihre Instrumentarien – die Macht der Presse und die Macht der Politik – mit großer Lust eingesetzt, um den jeweils anderen fertig zu machen. Da stellt sich eine fast philosophische Frage: Wie weit bin ich zu gehen bereit für meine Überzeugung? Wo ist die Grenze?

Im Film kommt Rudolf Augstein nicht unbedingt sympathisch rüber, ganz anders FJS. Inwiefern hat sich Ihr Bild von Franz Josef Strauß durch die Beschäftigung mit seiner Person gewandelt?

Die intensive Beschäftigung mit Leben und Werk eines Menschen bringt einem diesen Menschen ja meistens näher. Ich verstehe jetzt mehr, warum sein Name noch immer diesen Klang hat in Bayern. Einerseits umgibt die Familie Strauß – ähnlich wie bei den Kennedys – eine Aura des Schillernden, Skandalösen, das hat alle Facetten einer Soap Opera, andererseits hat er viel erreicht für den Freistaat. Die Wandlung vom Agrar- zum Industriestaat, die geringe Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskraft, mit der wir den Länderfinanzausgleich inzwischen praktisch alleine finanzieren, das ist auch sein Werk. Andererseits war seine Politik teilweise zu Recht umstritten. Insofern ist es gut, dass diese Ära vorbei ist und dass heute andere die Geschicke Bayerns lenken.

„Wir müssen mit allen Mitteln Strauß als Kanzler verhindern“, sagt Augstein im Film. Hat sich durch die Beschäftigung mit der „Spiegel“-Affäre Ihre Sicht auf das Magazin verändert – vom viel zitierten „Sturmgeschütz der Demokratie“ zum mächtigen Medium, das unliebsame Politiker „wegschreibt“?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Natürlich sind die großen Zeitungen und Zeitschriften sehr wichtig für die Demokratie. Andererseits gibt es Zwänge – Anzeigenkunden, Leserzahlen. Bei den Medien geht es wie bei uns Schauspielern und Filmemachern um Quote, um Auflage. Und um die zu erreichen, werden sicher auch mal journalistische Prinzipien außer Acht gelassen. Ich mache da niemandem einen Vorwurf daraus, aber diese Mechanismen sollte man als Leser immer im Hinterkopf behalten.

Man hat Sie in den vergangenen Jahren in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen gesehen, in Reihen wie „Traumschiff“, in einer Arztserie, in Krimis wie „Soko“ – empfinden Sie das Angebot, eine so schillernde zeitgeschichtliche Figur wie Franz Josef Strauß zu spielen, nicht als einmalige Chance, aus der Schublade herauszukommen?

Doch, das empfinde ich so. Ich habe diese Chance bekommen und mein Bestes gegeben. Ich will damit zeigen, dass ich die Zuschauer – und die Fernsehbranche – durchaus noch überraschen kann, wenn man mich lässt.

Heißt das, dass das, was Sie bisher gemacht haben, nicht das ist, was Sie eigentlich machen wollten?

Nein, so kann man das nicht sagen. Ich stehe zu allen meinen Arbeiten, ich habe ihnen sehr viel zu verdanken. Der Film „Die ,Spiegel‘-Affäre“ war ein ganz großes Abenteuer, und natürlich hätte ich gerne mehr davon, das mindert jedoch nicht den Wert der anderen Produktionen. Es gibt ja auch so etwas wie ein Alltagsgeschäft, auch wir Schauspieler müssen unsere Rechnungen bezahlen, unsere Familien ernähren. Aber ich wäre nicht Schauspieler geworden, wenn ich nicht davon geträumt hätte, die unterschiedlichsten Charaktere zu verkörpern.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Im Anschluss an den Film zeigt das Erste um 21.55 Uhr die Doku „Bedingt abwehrbereit – Die Geschichte hinter der ,Spiegel‘-Affäre“.

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