Dem Doping auf der Spur

München - "Die Doping-Enthüller" Hajo Seppelt und Jo Goll waren wieder einmal aktiv: Ihre Reportage "Olympia im Reich der Mittel" ist heute zu sehen - ein Paradebeispiel für investigativen Journalismus, aber auch für die Grenzen, die ihm Diktaturen setzen.

Soll man das Galgenhumor nennen, Selbstironie, Fatalismus? Wer einmal in China war, sagt Thomas Baumann ohne den Hauch eines Lächelns, "empfindet sogar den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als bürokratiefreien Raum". Sechs erfahrene Reporter schickt der ARD-Chefredakteur in diesen Tagen an die Seite des Korrespondenten Jochen Graebert ins vorolympische Peking, und alle werden die Regulierungswut des Systems zweifellos hautnah erleben. So wie Hajo Seppelt und Jo Goll.

Monatelang waren die beiden Reporter in zehn Ländern und sieben chinesischen Provinzen unterwegs, um der Systematik des Dopings im Reich der Mitte auf die Spur zu kommen. Und weil sie dabei allen Behinderungen und Widerständen zum Trotz auf eine Menge Belege ihrer These vom "unsauberen" Gastgeberland gestoßen sind, haben sie ihre Reportage "Olympia im Reich der Mittel" genannt. Das Ergebnis ist heute um 21 Uhr in der ARD zu sehen.

Ein angemessener Sendeplatz für eine bemerkenswerte Dokumentation mit einem gewaltigen Haken: China ist ungeachtet aller Beteuerungen, transparente und ehrliche Spiele zu veranstalten, nach wie vor eine hermetisch abgeriegelte Diktatur, die an Informationen nur herauslässt, was sie wirklich möchte. Und eben deshalb bleibt das 45-minütige Rechercheergebnis ein Werk im Konjunktiv, ein Festival des Hätte, Wäre, Könnte.

Seppelt und Goll haben ehemalige Spitzensportler interviewt und es bei aktuellen vergebens versucht. Sie haben Spitzenfunktionäre befragt und überall dort nach Spritzbestecken gesucht, wo sie im geltungssüchtigen Riesenland zu vermuten wären. Doch handfeste Beweise für ein staatsgelenktes Aufputschen zur Hebung des Medaillenspiegels bleiben die beiden weitestgehend schuldig. Wenngleich schuldlos, das muss man ihnen zugute halten. "Nichts, nicht die allerkleinste Lücke in der Mauer", schildert ein italienischer Sportjournalist die Ergebnisse seiner Bemühungen zu Beginn der Reportage.

Es habe sich viel gebessert, sagt Hajo Seppelt, der Apparat sei transparenter geworden und ein Bemühen deutlich erkennbar, Doping zu bekämpfen. Doch wo noch jede Tür bei der kleinsten Enthüllungsgefahr zuklappt, wo Verbandsvertreter sich im Abwiegeln, Verharmlosen und Beschwichtigen üben, ein Klima der Angst herrscht und Informantenschutz vor Rechercheergebnis steht, kommt man über Indizien, Mutmaßungen und gelegentliche Geständnisse eben nicht hinaus.

Getarnt als amerikanische Sporttrainer konnten die Autoren auf dem Schwarzmarkt ziemlich unbehelligt positiv gelistete Anabolika zu Spottpreisen erwerben und in einer Klinik sogar Stammzellen für das so obskure wie unerprobte Gen-Doping. Eine offiziell geächtete Schwimmlehrerin taucht nach zwei Verurteilungen wegen Kinderdopings plötzlich wieder im Betreuerstab auf. Bei einer landesweiten US-Razzia stammen fast alle beschlagnahmten Substanzen aus chinesischer Produktion, und einer schwedischen Kontrollgruppe der internationalen Dopingagentur WADA wird widerrechtlich der Zutritt zu einem Trainingszentrum verwehrt.

In der Summe klare Hinweise auf eine Praxis, die alle Welt seit jeher zu kennen glaubt. Warum sonst wohl sollte der Hotelangestellte, von der versteckten Kamera gefilmt, in den eigens drapierten Unterlagen auf dem Schreibtisch herumblättern? Doch nüchtern betrachtet sind es nur Ereignisse, die man bei vergleichbarem Arbeitsaufwand womöglich auch im Umfeld der Tour de France aufdecken könnte, wie es die beiden mehrfach prämierten Doping-Enthüller auch schon getan haben. Insbesondere ohne Hajo Seppelt wäre manch eine Frankreichrundfahrt der letzten Jahre wohl anders ausgegangen.

Der 45-jährige Berliner hat sich förmlich verbissen in die brisante Thematik, ein Getriebener des ehrlichen Sports und sauberer Spiele. Seit langem reißt er Fassaden ein, um Hintergründe sichtbar zu machen - vom DDR-Doping bis zu den Mängeln bundesdeutscher Kontrollsysteme. Doch das waren Recherchen am wehrlosen, weil vergangenen oder am weniger willkürlichen, weil demokratischen Objekt. Ganz anders China. "Belege für unsaubere Praktiken gibt es keine", schildert der "Deutsche Sportjournalist des Jahres 2007" seine Zweifel am natürlichen Leistungspotenzial einer Wunderschwimmerin von 14 Jahren, "Belege, dass alles mit rechten Dingen zugeht, aber auch nicht".

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