Dreikampf mit schriller Begleitmusik

- Am Tag des deutschen Vorentscheids in Hamburg scheint das Rennen um das Ticket für das Finale des Eurovision Song Contest völlig offen. Vicky Leandros (53), Thomas Anders (43) und Olli Dittrichs (49) Band "Texas Lightning" stellen sich live in der ARD dem Votum der Zuschauer, um für Deutschland in Athen singen zu können.

"Es gab verschiedene Umfragen - alle mit unterschiedlichem Ausgang", sagte NDR-Unterhaltungschef Jan Schulte-Kellinghaus am Mittwoch am Rande der Proben. Nach einem ersten öffentlichen Auftritt der drei Bewerber bei "Wetten, dass . . . ?" am vergangenen Wochenende hatte, wie berichtet, ein erstes inoffizielles Voting Leandros als aussichtsreichste Kandidatin gesehen.

"Im internationalen Vergleich haben die alle keine Chance." Dieter Bohlen

Nach der Pleite im vergangenen Jahr, als die Münchnerin Gracia Baur im Finale auf dem 24. und damit letzten Platz gelandet war, hat der für die Sendung zuständige Norddeutsche Rundfunk die Zahl der Teilnehmer am deutschen Vorentscheid radikal reduziert. Lediglich drei Teilnehmer - durchweg renommierte Profis - treten an. Keine Chance für Blödelbarden wie Guildo Horn oder Song Contest-Anarchisten wie Stefan Raab. "Bislang läuft alles nach Plan. Wir sind sehr gespannt, wie die Zuschauer entscheiden werden", meinte Schulte-Kellinghaus, der den zuletzt glücklosen Jürgen Meier-Beer abgelöst hat. Keine Gags, keine Newcomer, keine Skandale im Vorfeld - die Macher wollten diesmal nichts dem Zufall überlassen. Nach dem Quoteneinbruch bei der letztjährigen Qualifikation auf 3,56 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 11,2 Prozent) träumt der NDR-Unterhaltungschef von "15 Prozent Marktanteil".

Um die neunzig Minuten zu füllen, werden die Kandidaten jeweils zwei Auftritte haben. Neben dem eigenen Song müssen sie die Coverversion eines Titels aus der Geschichte des 50 Jahre alten Wettbewerbs darbieten. Vicky Leandros, die bereits zweimal für Luxemburg beim Grand Prix dabei war, wird neben ihrer Ballade "Don't Break My Heart" mit "Aprè`s toi" ihren Siegertitel von 1972 singen. Ex-"Modern Talking"-Star Thomas Anders, ebenfalls mit einer Ballade ("Songs That Live Forever") am Start, hat sich für Domenico Mudugnos "Volare" aus dem Jahr 1958 entschieden. Mit dem "ABBA"-Siegertitel "Waterloo" (1974) als Zugabe wartet die Countryband "Texas Lightning" auf, die mit ihrem Lied "No No Never" ins Rennen geht.

Bei der Gala begrüßt Moderator Thomas Hermanns ("Quatsch Comedy Club") auch zahlreiche prominente Gäste, darunter Hape Kerkeling und Grand-Prix-Veteranen wie "Brotherhood of Man", Joy Fleming, Corinna May und Lou. Einen Auftritt von Nicole, die 1982 den bisher einzigen Sieg für Deutschland errang, wird es dagegen nicht geben. Die Sängerin sagte laut "Bild am Sonntag" ab, weil ihr Siegertitel "Ein bisschen Frieden" ein bisschen gekürzt werden sollte. Dem widerspricht Schulte-Kellinghaus energisch: "Wir haben alle möglichen Angebote gemacht".

Während Nicole ferner das neue Konzept grundsätzlich kritisierte ("Mir gefällt nicht, dass nur noch drei gestandene Künstler antreten"), stänkerte Musikproduzent Dieter Bohlen konkret gegen die drei Kandidaten: "Das klingt zwar knüppelhart, aber im internationalen Vergleich haben die alle keine Chance", so der 52-Jährige im ZDF. Mit einem Beitrag Bohlens war das Duo "Indiggo" beim rumänischen Vorentscheid indessen selbst nur auf dem siebten Platz gelandet. "Man sieht an seinem Abschneiden in Rumänien, dass er der Fachproduzent für Grand-Prix-Hits ist", konterte Schulte-Kellinghaus augenzwinkernd.

Ganz frei von schriller Begleitmusik ist der Vorentscheid heuer also doch nicht. Sogar der "Verein Deutsche Sprache" (VDS) sorgt für Dissonanzen. Alle drei Teilnehmer trügen "billige Kopien amerikanischer Schlager- und Countrymusik" vor, monierte Vereinschef Walter Krämer. Daher sei ein ähnliches "Debakel" wie 2005 zu befürchten.

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