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"Gevatter Berger" hat das RTL-Dschungelcamp nach nur zwei Tagen verlassen.

Unsere TV-Kritik zum Dschungelcamp

So viel Klasse hatte Trash noch nie

Köln -  "Das muss ein ganz kranker Mensch sein, dem so was einfällt": Mit diesem Satz bringt es Helmut Berger, der das RTL-Dschungelcamp schon nach zwei Tagen wieder verlassen musste, auf den Punkt. Unsere TV-Kritik:

Er war ein Star, und sie holten ihn raus: Nur zwei Tage geisterte Helmut Berger durch den RTL-Dschungel, als gespenstischer, wachsbleicher Untoter – fast so, als hätte König Ludwig II. seinen eigenen Tod im Würmsee versehentlich überlebt, und würde mit fast 70 immer noch durch Neuschwanstein spuken. Falls Luchino Visconti, Bergers Muse, von oben zugeschaut hat: Der Maestro wäre not amused gewesen. Die Dschungelmediziner hatten dann auch ein Einsehen. Sie schickten den einzigen echten Star, den „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ je gesehen hat, angesichts der Hitzewelle wegen Greis-Laufschwäche nach Hause oder, hoffentlich, in die Klinik. Gute Entscheidung, denn: Das öffentliche Vorführen der Reste des Helmut Berger warf einen allzu großen Schatten auf das ansonsten wie immer herrlich bitterböse Dschungelcamp – das auch 2013 um Welten unterhaltsamer ist als das lieblose TV-Elend à la „DSDS“ und „Supertalent“, das RTL ansonsten versendet.

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Einen Berger mag man nicht leiden sehen im Maden-Stadl – den Rest der skurrilen Sippschaft, des PR-süchtigen Gescheitert-Haufens, aber durchaus. Denn so sorgfältig und durchtrieben gecastet wie diesmal waren die Stars, die keine sind, noch nie. Belohnung am Freitag: Mit 7,77 Millionen Zuschauern feierte RTL den besten Dschungel-Start aller Zeiten. Jeder Bewohner der ulkigen Freiluft-WG hat seine zugewiesene Rolle, und jeder spielt sie blendend. Dabei steht der Dschungelkönig bzw. die Dschungelkönigin erstmals praktisch von Beginn an fest: Reeperbahn-Transe Olivia Jones gibt die patente Lager-Mutti (Vati) und giftnattert wie einst Désirée Nick: „Arno Funke ist einer, der intelligent ist. Das ist in diesem Camp ja eher Mangelware.“ Funke – das ist der einstige Karstadt-Erpresser Dagobert, der am Lagerfeuer sehr sympathisch vom Bombenlegen erzählt. Ansonsten bestaunt er die Teilnehmer am RTL-Menschenversuch mit schweigender Verzweiflung – etwa so wie Dagobert Duck die hyperaktiven ADHS-Drillinge Tick, Trick und Track.

Stinkewasser und Panikattacken - Tag 2 im Dschungel

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Für Hyperaktivität ist der einstige DSDS-Insaße Joey Heindle zuständig – der mehr für „Tick“ als für „Trick“ steht. Germany’s Next Einstein wird nicht mehr aus dem Jungen, der über „mentalische“ Probleme sinniert. Putzig auch Katzenberger-Mutter Iris Klein, die als patente Pfälzerin am rotschopfigen Tussen-Zweigestirn Fiona Erdmann (Ex-Klum) und Georgina Bülowius (Ex-Bachelor) verzweifelt. „Wenn sie meine Tochter wäre, würde ich sie erschießen“, lästert Klein über die sich beständig übergebende Erdmann – dabei müsste die Katzenmutter Probleme mit durchgeknallten Töchtern doch gewöhnt sein.

Großes Vergnügen somit. „Schöner hätten wir uns das gar nicht ausdenken können“, trompetet die wundersam entfaltet wirkende Moderatorin Sonja Zietlow. Herrliche Sprüche wie eh und je („Fiona, die Henna Montana des Dschungels“), liebevoll ausgewählte Musik und eine mächtige Dosis Selbstironie – da stört nicht einmal Daniel Hartwich als Ersatz für den seligen Dirk Bach, den RTL am Freitag im Abspann mit einer herzzerreißenden Hommage ehrte. Ein Bach wird er nie, dazu fehlt Hartwich die innere Zerrissenheit und das schauspielerische Talent, aber seine Sache macht er ordentlich.

Bemerkenswertester Satz von Gevatter Berger über den RTL-Dschungel: „Das muss ein ganz kranker Mensch sein, dem so was einfällt.“ Recht hat er, der Helmut. Es muss aber auch ein Mensch sein, der viel von guter Unterhaltung versteht. Denn so viel Klasse hatte Trash noch nie.

Jörg Heinrich

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