Düstere Rocker gegen nette Jungs - Raabs "Bundesvision Song Contest"

Hannover - Ob Subway to Sally mit ihrem düsteren Folk- Metal-Rock Stefan Raabs persönlichen Musikgeschmack treffen, ist zweifelhaft. Der TV-Entertainer versteckte seine Meinung am Freitagmorgen hinter Ironie. Er habe es gar nicht für möglich gehalten, dass Freunde von Gothic-Mittelalter-Rock überhaupt Handys besitzen, sagte Raab nach dem fast vierstündigen "Bundesvision Song Contest".

Im Wettstreit der Bundesländer wurde zum vierten Mal der beste deutsche Interpret gesucht. In einem Herzschlag-Finale siegte die Brandenburger Band Subway to Sally mit nur einem Punkt Vorsprung vor dem 27-jährigen Clueso aus Thüringen, der mit einem soften Popsong aufwartete.

In der ausverkauften TUI Arena in Hannover feuerten die mitgereisten Fans lautstark die Vertreter ihres Bundeslandes an. Die Inszenierung als europäischer Grand Prix im Kleinen macht den Charme der Show aus. Dazu gehören auch lehrreiche Einspielfilme über die Künstler sowie Sehenswürdigkeiten, Sitten und Gebräuche ihrer Heimat. Am Ende bestimmten die Zuschauer per Telefon und SMS den Gewinner. Nach ProSieben-Angaben verfolgten bis zu 2,38 Millionen Menschen die Live-Übertragung der Show.

Stefan Raab, spezialisiert auf TV-Großereignisse in Überlänge, führte durch ein abwechslungsreiches Programm, das mit Punk, Soul, Hip-Hop, Reggae alle möglichen Stile im deutschsprachigen Musikgeschäft abdeckte. Darunter ist Gothic Rock, obwohl kaum im Radio gespielt, offenbar eine große Nummer. Das bewiesen 2007 schon Oomph! mit ihrem überraschenden Sieg. Auch die diesjährigen drittplatzierten "Down Below" (Sachsen-Anhalt) hatte vorher wohl kaum jemand auf der Rechnung. Aber nach dem schaurig-schönen Auftritt von Frontmann Neo Scope ertönten sogar "Zugabe"-Rufe.

Daneben überzeugten vor allem die netten Jungs von nebenan die etwa 8500 Musikfans in der Halle - allen voran Sänger-Songwriter Clueso sowie die Band Madsen aus Niedersachsen mit ihrem kraftvoll punkigen Song "Nachtbaden" (Platz 4). Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) trat noch vor Co-Moderatorin Johanna Klum auf die Bühne. Der Landesvater ließ es sich nicht nehmen, als "Schirmherr" der Veranstaltung Madsen viel Glück zu wünschen. Bei der Punktevergabe schwärmte er später von einem "gigantischen Abend".

Für die Favoriten ging der Abend weniger erfreulich aus. Die Sportfreunde Stiller, Verfasser der WM-Hymne "'54, '74, '90, 2006", spielten ihr "Antinazibund" möglicherweise etwas zu lässig herunter - nur Platz 10 für die Münchner. Auch beim Grand Prix der Bundesländer scheint es wie auf europäischer Ebene ratsam, im Zweifel lieber etwas dicker aufzutragen: mit opulenten Bühnenshows, schrillen Kostümen und großen Gesten.

Den Berliner Hip-Hoppern Culcha Candela halfen allerdings selbst heiße Tänzerinnen und eine lebende Riesenschlange auf der Bühne wenig. Ihr "Chica" (Platz 7) könnte dennoch wie "Hamma!" 2007 ein Sommerhit werden. Denn alle Bands, die für die "Leistungsshow der deutschen Popmusik" (Raab) ausgewählt werden, haben gute Chancen auf eine Chartplatzierung - vorausgesetzt, sie blamieren sich nicht völlig.

Fortsetzung folgt 2009 - dank Subway to Sally in Brandenburg. "Wir sind megaglücklich und danken unseren Fans", erklärte Frontmann Eric Fish. Für ihn kam der Erfolg wenig überraschend. Schließlich spiele die Band auch auf großen Festivals wie Wacken in Schleswig-Holstein als Headliner. Und sollte in Potsdam und Umgebung keine passende Halle für den Contest gefunden werden, weiß Fish auch schon eine Lösung: "Notfalls spielen wir Open Air." Als erstes wolle er aber nun endlich mit allen "neu gewonnenen Freunden" feiern, unter anderem mit der "hinreißenden Jennifer Rostock".

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