Die Ehre der Wiesn retten

München - "A gmahde Wiesn" heißt der "Tatort", den das Erste am Sonntag zum Starts des Oktoberfests sendet. Der Münchner Autor Friedrich Ani schrieb dafür ein Drehbuch über unsaubere Machenschaften rund um das größte Volksfest der Welt.

Von wegen "gmahde Wiesn": So sicher ist das nicht, dass man als Schausteller oder Wirt eine von 600 Lizenzen für das Oktoberfest bekommt. Immerhin gibt es jährlich mehr als doppelt so viele Anwärter, weshalb die eifersüchtige Buhlerei um die Gunst des Münchner Wirtschaftsausschusses, der die Standplätze vergibt, im Vorfeld groß ist. Und weshalb für viele Buden-, Zelt- und Fahrgeschäftbetreiber die Wiesn-Bewerbung ganz und gar keine "gmahde Wiesn" bedeutet, wie der Oberbayer bildhaft für eine todsichere Sache zu sagen pflegt. Es ist daher ein wenig irritierend, dass der "Tatort" (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) diesen Titel trägt. Sicher ist nämlich nur, dass der Hubsi Serner, einflussreichstes Mitglied des Wirtschaftsausschusses, ausgerechnet in der Zeit des Wiesn-Aufbaus niedergemäht wurde und jetzt tot ist.

Verdächtige gibt es viele: Da ist die emsig gschaftelnde Johanna Buck, Sprecherin der Wiesnwirte (Monika Baumgartner), die um jeden Preis ihrem einträglichen Zelt noch einen Biergarten hinzufügen will. Da kämpfen außerdem die von ihr gehassten Neureu-thers, Vater und Sohn (Fred Stillkrauth und Joram Voelklein), seit Jahren um einen Platz. Und schließlich stehen die verzweifelten Geschwister Zoll (Bettina Redlich und Michael Tregor) vor dem finanziellen Ruin, wenn sie ihr Traditionskarrussell heuer nicht auf die Wiesn bekommen.

So arbeiten sich also die bewährten Münchner Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl), Batic (Miroslav Nemec) und Menzinger (Michael Fitz) durch ein dichtes Interessensgestrüpp und sollen auf Geheiß des Oberbürgermeisters nichts weniger als die Ehre der Wiesn retten. Was ihnen selbstverständlich gelingt, wenngleich vielleicht nicht ganz zur Zufriedenheit des Zuschauers, sofern er sich die Enthüllung eines zutiefst bösen Plans wünscht und nicht nur ein Bündel böser Zufälle.

Das bis dahin hochspannende Drehbuch mit seinem trockenen Humor und seiner feuchtfröhlichen Gemütlichkeit hat Friedrich Ani geschrieben. Mit dem Münchner Schriftsteller hatte Regisseur Martin Enlen unter anderem schon bei der "Tatort"-Folge "Das Glockenbachgeheimnis" gearbeitet. Nun brachte Oliver Berben, erstmals Produzent eines "Tatort", die beiden für seine Idee zu einem Wiesn-Krimi wieder zusammen. "Ani schreibt außergewöhnlich gute Figuren und Dialoge", schwärmt der 46-jährige Regisseur. "Er weiß einfach, wie man das dramaturgisch macht. Nur Dialoge zwischen den Kommissaren, einen großen Streit etwa, haben sich Nemec und Wachtveitl quasi selbst geschrieben. Das können die zwei am allerbesten", erzählt Enlen. "Der Dreh war nicht ganz einfach. Während wir filmten, ist im Hintergrund vielleicht ein ganzes Zelt aufgebaut worden. Wer sich den Spaß macht und nach Anschlussfehlern sucht, dürfte etwas entdecken", lacht er. "Aber wir wollten offensiv mit der Live-Situation umgehen, und so ist eine besondere Atmosphäre entstanden."

Ursprünglich sollte übrigens Christian Ude selbst den Oberbürgermeister spielen und durchs Bild radeln. Als die Rolle dann aber größer wurde, sah man auch von Doubles oder allzu großen Ähnlichkeiten ab. "Wir wollten niemandem zu nahe treten." Schließlich sind ja einige Funktionen wie die des Sprechers der Wiesnwirte so speziell, dass man sonst leicht zu direkten Schlüssen verleitet würde. Ein diabolisches Vergnügen an dem Geschacher, auch eine große Liebe zu den Wiesn-Absonderlichkeiten sind in diesem "Tatort" spürbar. Ist Enlen Wiesn-Fan? "Geworden", sagt der aus Frankfurt stammende Wahlmünchner. "Seit letztem Jahr habe ich eine Tracht. Sie hängt schon draußen und wartet drauf, wieder getragen zu werden."

Udo Wachtveitl hingegen hat heuer keine Zeit fürs Oktoberfest. Früher, als er in der Nähe wohnte, ging er vor allem zum Frühstück hin, so gegen elf, halb zwölf. "Da war alles noch frisch, die Brezn und der Obazde. Mir ist der ganze Rummel ein bissel widerlich. Wenn ich ein halbes Jahr vorher meinen Platz reservieren muss, ist halt die ganze Spontanität dahin." Seine schönsten Wiesn-Erlebnisse fallen in die Kinderzeit. "Es war ein unfassliches Glück, das Oktoberfest - wie eine Stadt so groß und mit den vielen Farben und Verlockungen. Einmal habe ich es geschafft, als letzter auf dem Teufelsrad zu stehen. Gegen Gleichaltrige natürlich."

Mit einer Kindheitserinnerung reichert der 48-Jährige auch eine Filmszene an: "Meine Oma hat mir immer Vogelpfeiferl gekauft. Die Kunst bestand darin, noch möglichst lange auf dem Metallring weiterzupfeifen, wenn das Papier längst durchgeweicht war." War es denn anders, vielleicht leichter als sonst, in einem so mit Erinnerungen bestückten Umfeld authentisch zu spielen? "Ach, der Unterschied zwischen Ski- und Schlittenfahren ist größer. Drehen ist Drehen. Wir versuchen halt immer, den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen." Das ist jedenfalls gelungen.

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