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Die Stimme seines Herrn: Der türkische Sportminister Akif Kilic (re.) verteidigte im Gespräch mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier die Politik seiner Regierung - mal auf Türkisch, mal auf Deutsch.

Talkshows

„Ein Riesenfehler der ARD“

München/Hamburg - Die jüngste Ausgabe von „Anne Will“ am Sonntag im Ersten sorgte für viel Zuschauerkritik. Der Auftritt des türkischen Sportministers Akif Kilic sei „unerträgliche Propaganda“ gewesen. Doch wie sollen die Talkshowmacher umgehen mit „unangenehmen“ Politikern? Sie gar nicht erst einladen?

„Farce“, „multikultureller Mumpitz“, „unerträglich“ – die Emotionen kochen hoch, nachdem die ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntagabend den türkischen Sport- und Jugendminister Akif Cagatay Kilic zum „Ministerduell“ mit Peter Altmaier (CDU) gebeten hatte. Das Thema der Sendung: „Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?“ Um die deutsch-türkischen Beziehungen steht es derzeit bekanntlich nicht zum Besten, spätestens die Verhaftung des „Welt“-Journalisten Deniz Yücel hat das ohnehin kühle Verhältnis noch einmal schockgefrostet. Kann der Auftritt eines linientreuen Anhängers von Präsident Recep Tayyip Erdogan im Ersten für Tauwetter sorgen? Oder vertieft er die Gräben nicht vielmehr?

Es ist eine Frage, mit der sich die ARD und insbesondere die Polittalkshow „Anne Will“ nicht zum ersten Mal befassen muss. Wem gibt man wann eine Bühne – und warum? Das Erste schreckt bekanntlich weder davor zurück, AfD-Politiker zum After-„Tatort“-Gespräch zu bitten, noch eine vollverschleierte Schweizerin samt mittelalterlicher Ansichten zu senden. Die als „Nikab-Nora“ bekannt gewordene Muslima Nora Illi hat für den vielleicht größten Empörungsschrei in der Geschichte der Polittalks gesorgt. Der NDR-Rundfunkrat kritisierte ihre Einladung deutlich, gegen Anne Will wurden sogar mehrere Strafanzeigen gestellt.

Diesmal also Kilic, treuer AKP-Anhänger unter Erdogan. Er kam zwar am Sonntagabend ohne Schleier aus, provozierte viele Zuschauer aber durch sein Wechseln zwischen der türkischen und der deutschen Sprache – die er übrigens perfekt beherrscht. Auch seine Aussagen, in der Türkei stünde alles zum Allerbesten, stießen nicht gerade auf Gegenliebe.

Vollverschleiert: Nora Illi im November vergangenen Jahres bei Anne Will.

Der beste Skandal-Seismograph ist im Fall der Fälle immer noch der Microbloggingdienst Twitter. Normalerweise ebben die Kommentare zur Sendung noch am Abend ab – nicht so seit dem Auftritt von Kilic, den mehr als vier Millionen Zuschauer sahen. Auch am Montag diskutierte das Netz noch kritisch, höhnisch, teilweise völlig fassungslos über die „GEZ-Gebührenverschwendung“. „Anne Will bietet unerträglicher Propaganda gerne eine Plattform. Ich erinnere nur an die unsägliche Nora Illi“ schrieb etwa Barbara Brandner. Sven Plaggemeier twitterte: „Im Nachgang wirkt ,Anne Will‘ von gestern noch unappetitlicher. Ein Riesenfehler der ARD, der AKP eine Propagandaplattform zu bieten.“ Achim Girwert konnte es nicht fassen, dass „wir dafür auch noch Gebühren bezahlen“ und fragte sich, wann das Erste „die Propagandasendung über Kim Yong Uns Nordkorea“ sendet: „Man wird ja noch fragen dürfen“.

Ein schmaler Grat, gerade weil die Zahl der Demagogen weltweit zunimmt. Erdogan und seine Getreuen stehen derzeit im Fokus der kritischen Öffentlichkeit. Doch was wäre, wenn sich ein Donald Trump ins ARD-Studio bemühen würde? Als US-Präsidenten könnte man ihn kaum ausladen, sogar, wenn er für deutsche Ohren oft unerträgliche Dinge sagt. Wie künftig umgehen mit einer Frauke Petry, die im anstehenden Bundestagswahlkampf sicher ebenfalls wieder ins Scheinwerferlicht drängt? Was tun mit Rechtspopulisten aus Frankreich, aus den Niederlanden?

An ein generelles Talkshow-verbot von „unangenehmen“ Politikern aus In- und Ausland denkt wohl niemand bei der wieder einmal heftig gescholtenen ARD, zumal die Verantwortlichen die Kritik an der Einladung Kilics nicht teilen. Der für „Anne Will“ zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) verteidigte die jüngste Ausgabe auf Anfrage unserer Zeitung vielmehr als „besonders interessanten Diskurs“. Aus Sendersicht „war und ist eine solche kleine und mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier und dem türkischen Sport- und Jugendminister Akif Çagatay Kilic hochkarätig besetzte Runde sehr gut geeignet, die Fragestellung der Sendung zu diskutieren“, so ein Sprecher des NDR, der Will bescheinigte, ihre Gesprächspartner „fair, besonnen, kompetent, und wenn nötig hartnäckig befragt“ zu haben.

Und dass der in Siegen (Nordrhein-Westfalen) geborene Minister am Sonntagabend überhaupt die Sprache seines Geburtslandes gesprochen hat, sei gar nicht geplant gewesen, lässt man beim NDR wissen. Man habe Kilic die Unterstützung durch einen Dolmetscher angeboten, die dieser gerne in Anspruch genommen habe, „weil er zwar ausgezeichnetes Deutsch spricht, als Hoheitsträger aber zum Beispiel in juristischen Fragen und Verfassungstermini in der Amtssprache seines Landes sprechen wollte“. Dass Kilic „bisweilen spontan ins Deutsche wechselte, war zwar überraschend, dem Verständnis der Sendung aber eher zuträglich“.

So viel Fairness und Wohlwollen dürfen die Journalisten im umgekehrten Fall nicht erwarten. Im vergangenen Herbst beschlagnahmten Mitarbeiter Kilics ein von Michel Friedman im Auftrag der Deutschen Welle (DW) in Ankara geführtes Interview – mit dem unmissverständlichen Hinweis, ohne die Herausgabe des Materials sei ein Verlassen des Gebäudes nicht möglich.

Tatjana Kerschbaumer

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