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Das Bayerische Fernsehen zeigt am Mittwochabend (22.45 Uhr) den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“.

2 Jahre nach Amoklauf

„Eine Stadt in Panik“: BR zeigt TV-Doku über Amoklauf am OEZ 

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Neun Menschen starben beim Amoklauf am 22. Juli 2016 am Olympiaeinkaufszentrum – ein Ereignis, das ganz München in Schrecken versetzte. Jetzt wird eine Fernseh-Dokumentation darüber ausgestrahlt. 

München - Das Bayerische Fernsehen zeigt am Mittwochabend (22.45 Uhr) den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“. Regisseur Stefan Eberlein geht darin der Frage nach, wie es zur Massenpanik in der Innenstadt kommen konnte – Kilometer vom Moosacher OEZ entfernt. An jenem verhängnisvollen Tag gingen 4310 Notrufe bei der Polizei ein – darunter 310 Mitteilungen über Terroranschläge an 71 Tatorten. „Phantom-Tatorte“ nennt die Polizei diese später. Denn tatsächlich ist an keinem dieser Orte irgendetwas passiert.

Die Tat

Der 18-jährige David S. erschießt am 22. Juli 2016 neun Menschen. Die ersten Opfer – sechs Kinder – streckt er mit 18 Schüssen im McDonald’s am OEZ nieder. Eines von ihnen überlebt schwer verletzt und kann flüchten. Dann erschießt er an der Einfahrt zur Kundengarage einen 17-Jährigen. Er schießt auch auf eine Mutter in Begleitung ihrer beiden Kinder. Er trifft die Frau in die Unterschenkel, sie rettet sich und ihre Kinder in ein Gebüsch. Anschließend erschießt er eine 45-Jährige an einem Obststand, einen 20-Jährigen an der U-Bahn-Station und einen jungen Mann im OEZ. Der Täter flüchtet quer über das Parkdeck – und bleibt mehr als zwei Stunden verschwunden.

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Während die Polizei nach ihm sucht, läuft die Social-Media-Maschinerie heiß: Schießerei am Stachus, in der Rosenstraße und im Hofbräuhaus heißt es. In der Innenstadt bricht Panik aus. Die Polizei lässt den gesamten öffentlichen Nahverkehr einstellen, rät Bürgern, in ihren Häusern zu bleiben. Derweil versteckt sich David S. in einem Fahrradkeller in Moosach. Als die Polizei ihn entdeckt, richtet er sich selbst.

Der Dokumentarfilmer Stefan Eberlein hat mit Augenzeugen gesprochen, auf der Suche nach den Ursachen für die Massenpanik Hier lesen Sie einige der Zeugenaussagen im Vorfeld der Ausstrahlung der TV-Doku.

und Stephanie wohnen am

„Es war mein Geburststag. Wir feierten im Ayinger in der Innenstadt, hatten ganz hinten einen Tisch. Über Social Media erfuhr ich, dass es angeblich auch am Stachus eine Schießerei geben soll. Weil ich keinen guten Empfang hatte und checken wollte, wo mein Bruder bleibt, ging ich vor die Tür. Da konnte ich aufs Hofbräuhaus schauen. Die Bilder werde ich nie vergessen: Auf einmal fangen alle Menschen an zu rennen. Alles schreit und rennt in unsere Richtung. Es fliegen Stühle, es fliegen Tische, es fliegen Menschen. Einige fallen hin, anderen laufen über sie drüber. Ich dachte: Ich geh mal lieber rein und sage meiner Familie Bescheid.

Die Leute im Ayinger hatten mitbekommen, was los ist. Alle sind aufgesprungen und rannten nach hinten durch die Küche in den Hinterhof. Ich habe versucht, ruhig zu bleiben, denn ich habe niemanden mit einer Waffe gesehen. Ich habe auch keinen Schuss gehört. Also bin ich noch mal nach vorne, habe Leuten aufgeholfen, die da lagen. Ich habe versucht, meine Familie zu erreichen. Aber das Netz war zusammengebrochen. Ich dachte, vielleicht sind sie heim.

Ich bin dann auch heim. In allen Läden waren die Türen zu. In jede Bar, in jedes Café, in jedes Wirtshaus hatten sich die Leute geflüchtet. An der U-Bahn-Station Marienplatz stand ein schwer bewaffnetes Einsatzkommando. Die haben mich nur angebrüllt: „Hau ab!“ Ich bin dann zu unserer Haustür. Dort kamen Polizeibusse vorbei, aus denen vermummt schwer bewaffnete Polizisten sprangen. Die brüllten die Passanten an: Haut ab! Haut ab! Die Deutschen haben das verstanden und sind gerannt. Aber die Ausländer sahen nur vermummte Polizei und ein Geschrei und Gerenne. Viele wussten auch gar nicht: Wo soll ich denn hinrennen? Ich habe die Haustür aufgemacht und gesagt: Kommt rein!

Oberarzt Haunersche, Kinderklinik an der Lindwurmstraße

„Während wir unseren Patienten vom OEZ versorgten, kam ein Anruf unseres Klinikpförtners. Wir sollen unsere Station sofort verbarrikadieren und von den Fenstern wegbleiben. Alle sollen sich auf den Boden legen. Denn es sei ein Bewaffneter oder auch mehrere Bewaffnete in unserer Klinik unterwegs. Wir haben sofort unsere Essenswägen und alles Schwere auf Station vor die Türen geschoben und diese verschlossen.

Irgendwann kippte dann die Stimmung. Viele zeigten massive Panik. Sie weinten, manche haben geschrien. Sie hatten Angst ums nackte Überleben. Die Situation war ja auch beängstigend. Wir hatten keine Chance, zu flüchten. Uns war klar: Wir können die Stationseingänge zumachen, aber wenn da einer wirklich reinkommen will, schafft er das. Wir haben gewartet, draußen war eine gespenstische Stimmung, die öffentlichen Verkehrsmittel waren ja schon eingestellt. Dann fuhren zirka 18 Busse vor, das SEK stürmte raus und durchkämmte in Rekordzeit die Klinik.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ein bewaffneter Zivilpolizist über das Klinikgelände zu seinem Einsatzort gegangen war.“

Einsatzleiter der Polizei

„Zum ersten Mal in meiner beruflichen Laufbahn gab es eine Vollalarmierung. Wirklich jeder, auch wer frei hatte, wurde zum Einsatz gerufen. Ich bin in mein Büro, habe mich umgezogen und hörte durchs Fenster ein Riesengebrüll und -geschrei. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie vom Tal eine Menschenmenge kommt. Aufgeregt, panisch. Klopft an das große Tor unten und verschwindet. Es dauert nicht lange, da passiert auf der anderen Seite das Gleiche: Schreie, Panik, Gejohle. Ich bin dann runter. 150 Leute hatten bei uns auf der Inspektion Schutz gesucht. Darunter sieben erheblich Verletzte. Auch eine Frau, die eine Verletzung bis auf den Knochen am Unterschenkel hatte. Sie muss sich diese in der Panik zugezogen haben. Bis zum Schluss behauptete sie, sie habe eine Schussverletzung.“

damals im Hofbräuhaus

„Rechts von uns saß eine amerikanische Familie mit Kindern. Die bekamen Nachrichten über Whatsapp und hielten mir ihr Handy unter die Nase: Schießerei in München. Die Familie wollte wissen, ob Moosach weit weg sei vom Hofbräuhaus. Zehn Minuten später fragte der Amerikaner: Warum fliegen da so viele Hubschrauber? Ich sagte, das Klinikum ist in der Nähe. Dann sind wir aufgestanden und haben bezahlt.

In dem Moment kamen uns drei gestandene Männer entgegen. Schreiend und rennend. Dann ging alles ganz schnell. Denn es hat geknallt. Klack, Patsch, Klack, Patsch, mehrere Salven, richtig laut. Die Menschen sprangen unter die Tische. Wir sind losgerannt und haben uns in der Nähe einer Servicestation auf den Boden geworfen. Die Schüsse haben nicht aufgehört. Ich habe nur gedacht: Jetzt kommt bestimmt gleich die Polizei. Seither weiß ich, was Todesangst ist. Denn auch wenn es keine echte Bedrohung gab, die Angst war ja echt.“

Verwaltungsleiter des Hofbräuhauses

„Wir haben vier breite Flügeltüren. Da sind die Menschen so richtig reingedrückt. Wie eine Wand oder eine Welle. Oder ein starker Orkan. Dass Täter auch in der Stadt sein sollen, habe ich erst in dem Moment realisiert. Shooting, Shooting, draußen wird geschossen, hieß es in verschiedenen Sprachen. Es ist mal ein Masskrug runtergefallen, mal ein Glas – jeder kleinste Lärmpegel war ein Schuss. Gott sei Dank weiß ich, wie ein Schuss klingt. Es wurde nie geschossen.“

Die Lehren

Die Phantom-Tatorte seien die Folge eines Schneeball-Systems gewesen, sagt Polizeisprecher Sven Müller. Vor allem auf Twitter kursierten Falschmeldungen, aber auch über WhatsApp-Gruppen. Die Polizei habe darauf nicht schnell genug Einfluss nehmen können. Selbstkritisch sieht Müller die schwer bewaffneten Zivilbeamten, die von Passanten für Attentäter gehalten wurden. Müller: „Wir müssen die Erkennbarkeit verbessern. Gerade in solchen Situationen müssen schnell Polizeiwesten verfügbar sein.“

Lesen Sie zudem: Sieben Jahre Haft für Waffenhändler vom Münchner Amoklauf

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