Doku-Drama

Eine verschworene Gemeinschaft

Liebe und Verrat, Gewalt und Leidenschaft, Geschichte und Geschichten - mit dem dreiteiligen Doku-Drama "Die Wölfe", mit dessen Ausstrahlung das ZDF morgen beginnt, ist der Zeitgeschichtsredaktion des Mainzer Senders sowie den Brüdern Christoph (Buch) und Friedemann Fromm (Buch und Regie) etwas völlig Neues gelungen.

Während frühere Versuche, Zeitgeschichte als Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm zu erzählen, immer in zwei Teile zerfielen, hat Fromm ganz auf eine Kombination gesetzt. Spielszenen und dokumentarisches Material bilden eine Einheit. Die zeitgenössischen Aufnahmen sind so flüssig in die inszenierten Abschnitte integriert worden, dass man die Übergänge mitunter kaum wahrnimmt.

Doch das ist nur die eine Seite dieses 270 Minuten langen Werks, das schon jetzt als einer der Höhepunkte des neuen (Fernseh-)Jahres gelten kann. Nicht minder fesselnd wie die Inszenierung ist die Geschichte selbst. Im Zentrum stehen sechs Berliner, die von den Autoren durch die Jahrzehnte begleitet werden. Drei historische Ereignisse markieren dabei jeweils Wendepunkte ihres Lebens. Im ersten Film ("Nichts kann uns trennen"), zu sehen morgen um 21 Uhr, sind das Währungsreform und Luftbrücke im Jahr 1948, im zweiten ("Zerbrochene Stadt") der Mauerbau von1961, der die Clique spaltet, im dritten ("Hoffnung auf Glück") die Öffnung der Grenzen im Jahr 1989, die sie wieder vereinigt.

Größte Herausforderung neben der Realisierung trotz überschaubaren Budgets und der Integration der dokumentarischen Bilder war ohne Frage die Komposition des Ensembles. Fromm musste ja nicht nur Schauspieler finden, die glaubhaft eine verschworene Gemeinschaft ergeben, die Darsteller sollten auch "vertikal" zusammenpassen, zumal der erste Teil die Wende vorwegnimmt.

Dass Barbara Auer, Axel Prahl und Matthias Brandt herausragende Schauspieler sind, ist bekannt, und auch Annett Renneberg, Florian Lukas und Florian Stetter (erst kürzlich beeindruckend als "Seewolf"-Gegenspieler) machen ihre Sache ausgezeichnet. Fast noch imposanter sind daher die Leistungen der von Fromm vorzüglich geführten jungen Schauspieler.

Sie ziehen die Zuschauer in die Handlung hinein, die mit einem Schwur beginnt. "Nichts kann uns trennen, nicht mal der Tod", versichern einander sechs junge Berliner, die sich "Die Wölfe" nennen. In der zertrümmerten Metropole und vor dem Hintergrund der beginnenden Konfrontation zwischen Ost und West erlebt das Sextett (vier Buben, zwei Mädchen) seine Abenteuer, wobei ihm immer wieder eine rivalisierende Jugendbande in die Quere kommt.

Schon jetzt beginnt, was die Gemeinschaft 13 Jahre später sprengen wird. Nicht die Politik, sondern der Wettstreit des stillen Juden Jakob (Neel Fehler/Stetter/Brandt) und des zupackenden Bernd (Vincent Redetzki/Lukas/Prahl) um die schöne Lotte (Henriette Confurius/Renneberg/Auer). Nach der Schließung der Grenze im Jahr 1961 organisiert Bernd für Jakob und Lotte die Flucht in den Westen. Sie hat Glück, Jakob dagegen wird verhaftet. Er muss im Osten bleiben und fortan für die DDR-Staatssicherheit arbeiten. Damit ist der Weg frei für Silke (Stefanie Stappenbeck, später gespielt von Johanna Gastdorf), die ihn schon immer angehimmelt hat.

Der Kontakt zu den Wölfen im Westen bricht völlig ab. Fast drei Jahrzehnte später verlieben sich beim Urlaub in Ungarn ausgerechnet die Kinder (Florian David Fitz, Alma Leiberg) der beiden Paare ineinander. Von der gemeinsamen Vorgeschichte der Eltern wissen sie nichts, und das ist fatal, denn womöglich sind sie Halbgeschwister.
Beim ZDF, so hört man, soll es zwischen den Abteilungen etwas rumort haben, weil sich die Redaktion Zeitgeschehen doch sehr weit auf das Terrain des Fernsehspiels vorgewagt hat. Auch dort aber wird man anerkennen müssen, welch großer Wurf allen Beteiligten gelungen ist. Ein Vergleich zu Bernardo Bertoluccis großem Werk "1900" aus dem Jahr 1976 ist nicht vermessen.

Tilmann Gangloff

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