Einen ganz spektakulären Tod

- Kaum jemand spricht sie auf der Straße mit ihrem wirklichen Namen an: Für die meisten Fernsehzuschauer ist Annemarie Wendl schlicht "die Else Kling", Kultfigur der "Lindenstraße" (ARD) und die wohl berühmteste Hausmeisterin Deutschlands. Doch nach über zwanzig Jahren geht für die 91-jährige Bayerin aus Trostberg, die einst in Berlin ihre Schauspielausbildung absolvierte und in ganz Deutschland in vielen klassischen Theaterrollen zu sehen war, die Zeit in der "Lindenstraße" zu Ende. Aus gesundheitlichen Gründen hat sie ihren Ausstieg aus der Serie angekündigt (wir berichteten).

Ist Ihnen die Entscheidung auszusteigen schwer gefallen?

Annemarie Wendl: Ja, sehr. Ich war ja von Beginn an dabei, habe sogar den allerersten Satz gesprochen. Und in über 20 Jahren wächst man doch zusammen wie eine Familie. Überhaupt ist die Stimmung dort eine ganz besondere. Man kann sagen, die "Lindenstraße" ist eine Oase in der Medienlandschaft, denn es geht bei uns viel humaner zu als bei den meisten anderen Produktionen . . . Ich werde das alles sehr vermissen. Die "Lindenstraße" war doch ein Teil von mir. Und da fällt der Gedanke schwer, plötzlich nicht mehr dabei zu sein.

Werden Sie denn die "Lindenstraße" weiter im Fernsehen verfolgen?

Wendl: Klar. Und zwar sehr kritisch. Denn schließlich bin ich dann so eine Art Profi-Zuschauer . . .

Hätten Sie selbst geglaubt, dass die "Lindenstraße" ein solcher Dauerbrenner werden könnte?

Wendl: Nein, niemand hätte das. Anfangs hatte ich einen Vertrag über ein Jahr, und das war schon lang. Zumal wir nach den ersten Folgen eigentlich nur verrissen wurden. Dass mich heute fast jeder in Deutschland kennt - das hätte ich nie geglaubt.

Dabei ist die Else Kling ja nicht unbedingt eine sympathische Figur . . .

Wendl: Die Else ist eine alte Grantlerin. Aber ich mag sie sehr. Sie ist selbstbewusst, besserwisserisch, übersauber, nichts ist ihr recht. Doch im Grunde ist sie ein relativ guter Mensch.

Wie viel von Ihnen selbst steckt in dieser Figur?

Wendl: Ach, da steckt so manches von mir drin, sonst könnte ich sie gar nicht spielen. Trotzdem bin ich privat natürlich anders. Aber sobald ich das Set in Köln betrete, werde ich zur Else - und bin gleich viel gscherter . . . (lacht)

Die meisten Zuschauer trennen aber nicht zwischen Else und Annemarie. Hat Sie das manchmal genervt?

Wendl: Nicht wirklich. Damit kann ich gut leben.

Stimmt es, dass Sie zu Beginn der Dreharbeiten erst einmal lernen mussten, wie man putzt?

Wendl: (lacht) Ja, das stimmt tatsächlich. Ich hatte bis dato noch nie einen Putzlumpen in der Hand. Wir hatten daheim immer zwei Dienstmädchen. Einmal, als ich etwa dreizehn war, sollte ich einer von beiden beim Abtrocknen helfen. Und wissen sie, was ich gesagt habe? "Ich?! Ich bin zu Höherem geboren!" So eine war ich. Von meiner Mutter hab ich da aber a Watschn gekriegt . . .

21 Jahre ist für eine Fernsehserie eine unglaublich lange Zeit. Worin liegt das Erfolgsgeheimnis der Lindenstraße?

Wendl: Die Lindenstraße ist realitätsbezogen. Natürlich gibt es keine echte Realität im Fernsehen. Aber wir sind doch nah dran. Bei uns spielt die ganze Familie eine Rolle: die alte Frau und die junge, die Kinder, die Eltern . . . Wobei ich sagen muss, dass das auch bei uns schlechter geworden ist. Die machen gerade alles so auf jugendlich und schön wie die anderen auch. Aber ich hoffe, das ändert sich wieder und orientiert sich auch an den Älteren.

Inwiefern haben Sie selbst denn Einfluss auf den Inhalt der Serie?

Wendl: Auf das Skript selbst natürlich wenig. Als klar war, dass ich aussteige, habe ich spontan gesagt, ich will einen ganz spektakulären Tod, am liebsten erschossen werden. Aber im Grunde ist das nicht wirklich wichtig. Nur meinen Text, den schreib' ich immer um, weil der entweder in Hochdeutsch oder in einem blöden Bairisch geschrieben ist. Die Autoren schreiben da oft einen Schmarrn zusammen, den kann und will ich nicht sagen.

Und was kommt nach Ihrem Abschied? Haben Sie sich schon etwas für die freie Zeit, die Sie dann haben, vorgenommen?

Wendl: Das ist nicht so einfach. Ich bin nicht mehr gut zu Fuß, spazieren gehen fällt also aus. Auch die Augen machen nicht mehr mit. Vielleicht lasse ich mich operieren, obwohl ich Angst davor habe, hinterher deppert zu sein. Aber dann könnte ich wieder lesen wie früher: Schopenhauer und Nietzsche, Goethe und Shakespeare . . . Davon bin ich ganz besessen. Wenn das ginge, hätte ich noch viel zu tun.

Das Gespräch führte Melanie Brandl

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