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Die Schlinge zieht sich langsam zu: Kommissarin Klara Blum ( Eva Mattes, l.) und die Schüler Max ( Florian Bartholomäi) und Veronika ( Nora von Waldstätten), die des Mordes an einem Mitschüler verdächtig sind.

Erzählung ohne Worte

Menschelnde Melodien für die Kommissare, sphärische Klänge für die Mörder. In seinem Studio an der Münchner Theresienwiese komponiert Thomas Osterhoff Filmmusik für die älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen – den „Tatort“.

Geräuschlos gleitet die Fähre über das Wasser, untermalt von leisen Streicherklängen. Graue Wolkenschleier treiben über den Himmel. Auf dem Hochufer des Sees die mächtige Silhouette eines Schulgebäudes. Schräge Elektroklänge überlagern die zarten Streicher, die Dissonanz bringt eine Ahnung dunkler Machenschaften. Ganz ohne Worte macht die Musik klar, dass hier etwas Böses geschieht. Schloss Hamberg, Internat für Reiche und Hochbegabte, ist der Schauplatz eines Schülermords in der Folge „Herz aus Eis“ aus der Reihe „Tatort“, zu sehen an diesem Sonntag um 20.15 Uhr.

Seit fast 40 Jahren schalten Millionen von Krimifans das Erste ein, wenn Sonntag für Sonntag die Fernsehkommissare auf Möderjagd gehen. Die charakteristische Titelmelodie von Klaus Doldinger ist das Erkennungsmerkmal. Die individuell komponierte Filmmusik der einzelnen Folgen findet eher wenig Beachtung. Zu Unrecht, denn sie verstärkt die emotionale Wirkung der Bilder. Musik kann dies besonders gut, weil das Ohr sie direkt an die Areale des Gehirns leitet, die für die Gefühlssteuerung zuständig sind.

Emotionen in Musik zu übersetzen, ist die Aufgabe von Filmkomponist Thomas Osterhoff. Seit 15 Jahren vertont der 47-Jährige in München Dokumentationen, Fernseh- und Kinofilme. „Herz aus Eis“ ist bereits sein siebter „Tatort“. Die Musik dazu entsteht in einem Einraumstudio unweit der Theresienwiese. Herzstück ist der Computer mit angeschlossenem Keyboard, Mischpult und zwei Bildschirmen. Auf einem kleinen Fernseher flimmert „Herz aus Eis“.

Osterhoffs Arbeitstag beginnt ähnlich wie der Sonntagabend für den Zuschauer – mit Fernsehen. Doch der Musiker sieht nicht nur zu, er lässt sich in die Handlung hineinfallen, erkundet die Grundstimmung des Films. Dann entscheidet er, welche Szenen musikalische Unterstützung benötigen. Knapp die Hälfte des Neunzigminüters wird von ihm bearbeitet.

Musik begleitet Osterhoff das ganze Leben. Schon als Kind lernt er Gitarre und Klavier, spielt zuhause in Wuppertal in einer Band. Nach dem Abitur geht er nach München, um Jazzgitarre zu studieren. Doch während seine Studienfreunde Gitarrenunterricht geben, vertont er auf Videokassette aufgenommene Filmszenen mit eigenen Kompositionen. „Damals gab es noch keine anerkannte Ausbildung zum Filmkomponisten“, erinnert er sich. Lange Zeit komponiert er im Stillen, bis er auf einer Party Regisseur Peter Goedel kennenlernt. Der ist von dem jungen Musiker so angetan, dass er ihn für den Kinofilm „Trip nach Tunis“ engagiert. Osterhoffs Traum wird Berufsalltag.

Auf dem Bildschirm in Osterhoffs Studio sitzen die Kommissare Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) bei einer Besprechung. Sanft schlägt der Komponist das Keyboard an. Die Tonfolge klingt warm und spielerisch, als die Polizeibeamten miteinander scherzen. Menscheln soll es, wenn die Ermittler am Werk sind. Der Computer speichert die Melodie direkt in eine spezielle Software. Die kann die eingespielte Sequenz in anderen Tonarten oder mit anderen Instrumenten wiedergeben und Sequenzen übereinander- oder Geräusche unterlegen. Nur selten wird für eine Fernsehproduktion die Musik mit einem Live-Orchester eingespielt.

Trotz aller Digitalisierung komponiert Osterhoff mit Leidenschaft: „Meine Melodien beleben Szenen und bringen Unsichtbares ans Licht.“ So wie bei Olga (Rosalie Thomass) und Max (Florian Bartholomäi). Die Schüler sitzen auf einer Fensterbank, Max hat den Arm um Olgas Schultern gelegt. Das Mädchen weint. Als sie Max anschaut, erklingt weiche, romantische Musik. Olga ist verliebt. Doch als sie aus dem Fenster sieht, blickt Max sie kühl von der Seite an. Die Melodie wird kalt, schneidend. Max spielt ein falsches Spiel.

Um Gefühle musikalisch darzustellen, muss Osterhoff lernen, in Klängen zu denken. „Das Besondere am Krimi ist es, darzustellen, warum Menschen töten“, erläutert er. Die des Mordes an einem Kameraden verdächtigen Schüler Max und Veronika (Nora von Waldstätten) strahlen eine extreme Kälte aus. Genau diese Kälte soll die gesamte Folge als musikalisches Leitmotiv begleiten. Osterhoff entscheidet sich für sphärische Elektromusik, muss diese Wahl jedoch mit Ed Herzog, dem Regisseur der Episode, abstimmen. Dieser verfolgt mit seinen Bildern eine bestimmte Dramaturgie, die die Musik unterstützen soll. Über die gesamte Produktionszeit stehen Komponist und Regisseur in engem Kontakt, analysieren die Szenen, die Wirkung der Musik, besprechen notwendige Änderungen. Für Osterhoff der härteste Teil seiner Arbeit. „Über Musik zu reden ist schwieriger als das Komponieren selbst“, gesteht der Familienvater.

Die letzten Minuten von „Herz aus Eis“. Veronika und Max werden in der Caféteria eines Krankenhauses verhört. Die Elektroklänge des Leitmotivs spielen im Hintergrund. So eiskalt wie die Winterlandschaft in der Umgebung wirkt Veronika. Doch als sie gesteht, klingt sanft, ganz leise, die Melodie eines Kinderlieds an. Thomas Osterhoff spricht. Er erzählt von der Kindheit des Mädchens, von der Kälte des Elternhauses. Er erzählt ohne Worte, nur mit Musik. Und der Zuschauer hört zu.

von Alessa Krempel

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