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Die vier Mitglieder der finnischen Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät sind geistig behindert.

Rollstuhlfahrerin und Punks mit Down-Syndrom 

ESC 2015: Diese Behinderten schocken und bauen Brücken

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Wien - "Brücken bauen" lautet das Motto des Eurovision Song Contest 2015 (ESC). Das wollen auch die Teilnehmer aus Polen und Finnland. Sie sind behindert - und ihnen geht es um weit mehr als den Sieg.

Update 2 vom 22. Mai 2015: Für deutsche Fernseh-Zuschauer zwischen 30 und 40 könnte es beim Finale des Eurovision Song Contest durchaus einige Flashbacks geben, wenn sie Arabella Kiesbauer auf der Bühne sehen. Denn die einstige Kult-Moderatorin wird durch den ESC führen. Wir haben schon im Vorfeld des ESC mit Arabella Kiesbauer gesprochen.

Update 1 vom 22. Mai 2015: Am Samstagabend gibt's was auf die Ohren! Beim Eurovision Song Contest 2015 treten 27 Nationen gegeneinander an. Wir sind mit zwei Reportern vor Ort in Wien und fangen für Sie vor und hinter den Kulissen Eindrücke ein. Außerdem wird sich tz.de-Redakteur Haakon Nogge den ESC 2015 für Sie ansehen und im Live-Kommentar in unserem Ticker die Gesangskünste von Ann Sophie & Co. charmant einordnen.

Update 1 vom 20. Mai 2015: Wann findet das Finale des Eurovision Song Contest in Wien statt? Wer wird als Moderator auf der Bühne stehen? Und ist auch Conchita Wurst wieder dabei? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zum ESC für Sie zusammengefasst.

Update 2 vom 20. Mai 2015: Im ersten Semifinale war Russlands Sängerin Polina Gagarina erfolgreich, über deren Friedens-Lied "A Million Voices" vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts gespottet wird. Am Donnerstag findet das zweite Semifinale statt, am Samstag dann das große Finale. Verpassen Sie nichts zum ESC in unserem Newsblog.

Update 1 vom 19. Mai 2015: Arabella Kiesbauer, Alice Tumler und Mirjam Weichselbraun sind die drei Moderatorinnen des Eurovision Song Contest 2015. Auch Vorjahressiegerin Conchita Wurst ist wieder dabei und berichtet aus der Green Box. Verpassen Sie nichts aus Wien - wir versorgen Sie schon jetzt mit allen Infos und Gerüchten zum ESC in unserem Ticker.

Update 2 vom 19. Mai 2015: Das Gastgeberland Österreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und Australien - diese Länder sind bereits gesetzt für den Eurovision Song Contest in Wien. Alle anderen Teilnehmerländer müssen sich in zwei Semifinals für den ESC qualifizieren. In unserer Übersicht können Sie sehen, welche ESC-Show wann im Free-TV und im Stream übertragen wird.

Wie tolerant ist Europa? Zumindest die Grand-Prix-Fans des ESC haben vor einem Jahr eine klare Antwort gegeben. Damals flogen die Herzen von Millionen Zuschauern des Eurovision Song Contest einer Dragqueen mit Bart zu (Conchita Wurst). In diesem Jahr wird das Thema Toleranz gegenüber dem Ungewöhnlichen erneut eine Rolle spielen.

Als der polnische Fernsehsender TVP vor wenigen Wochen bekanntgab, dass Monika Kuszynska Polen beim Eurovision Song Contest (ESC) repräsentieren wird, war die Überraschung in der Musikszene groß: Seit einem schweren Unfall ist die in Lodz lebende Sängerin auf den Rollstuhl angewiesen. 

Behinderte beim ESC: Es geht nicht um den Mitleids-Bonus

Monika Kuszynska tritt für Polen beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien an. Sie sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl.

Die 35-Jährige weiß, dass ihr das zusätzliche Aufmerksamkeit bescheren wird, doch sie wolle in Wien nicht auf einen Mitleidseffekt setzen, wenn sie ihre Pop-Ballade „In The Name Of Love“ präsentiert. „Der Rollstuhl ist nicht, was mich ausmacht“, sagte sie einem polnischen Frauenmagazin. „Im Inneren bin ich das gleiche Mädchen geblieben, das sich bemüht, sein Leben voll zu leben und seine Träume zu erfüllen.“ Mit dem Auftritt im Rollstuhl will Kuszynska etwas demonstrieren: „Nicht der Rollstuhl begrenzt uns, sondern nur, wie wir darüber denken. Das ist die Botschaft, die ich seit Jahren in meine Musik und in alles, was ich mache, einbringe.“

„Ich denke nicht darüber nach, ob ich gewinne“, sagte die 35-Jährige vor wenigen Tagen über ihre Teilnahme beim ESC. „Denn hier geht es nicht um den Sieg, sondern darum, ein Tabu zu brechen, dass die Teilung von Menschen in Gesunde und Behinderte etwas Künstliches ist, das niemandem nutzt.“

Der Rollstuhl als Schlusspointe im ESC-Video

Im Video zu „In The Name Of Love“ kommt der Rollstuhl erst als Schlusspointe vor. Im Musiksalon eines Schlosses blickt Kuszynska auf ihr Leben zurück. Sie sortiert Fotos, die sie als junge Frau zeigen. Mit weißem Kleid liegt sie singend auf dem Parkett. Eingeblendete Videos zeigen frühere Bühnenauftritte. Erst am Ende sitzt sie neben dem Flügel im Rollstuhl und blickt dem Pianisten tief in die Augen.

So veränderte der Unfall das Leben der polnischen ESC-Teilnehmerin 

Trotzdem: Beim ESC dabei zu sein, ist einer der Höhepunkte des zweiten Lebens, der zweiten Chance der Sängerin, die seit mehr als 14 Jahren im Musik-Business ist. Sie wurde als Sängerin der Gruppe Various Manx populär, genoss die Anerkennung, die Bewunderung, die Angebote für Fotoaufnahmen für Männermagazine. „Ich war schön, dynamisch, hatte eine tolle Figur - dieses Bild war sehr wichtig für mich“, blickte sie in einem Zeitungsinterview auf die Zeit vor dem Unfall zurück.

Doch der Unfall nach einem Konzert im Mai 2006 änderte das Leben der jungen Frau: Eine schwere Wirbelsäulenverletzung, kein Gefühl mehr in den Beinen, jahrelange Rehabilitation, jahrelange Suche nach einer Heilung, nach einer Operation, die ihr ein Leben ohne Rollstuhl ermöglichen würde - vergeblich. Nach und nach baute sie ihr Leben wieder auf, verkaufte die alte Wohnung in der zweiten Etage ohne Aufzug und zog in eine behindertengerecht gebaute Bleibe.

Plötzlich zählten die kleinen Erfolge, etwa wieder Auto fahren zu können, selbstständig zu leben. „Das Aussehen hörte auf, das Wesentliche zu sein, wichtiger war mein Inneres“, sagte sie.

"Keine komplizierte Choreo": ESC-Teilnehmerin witzelt über Rollstuhl

Ihre alte Band machte ohne sie weiter, fand eine neue Sängerin. Doch Jakub Raczynski, einer der Musiker, nahm wieder Kontakt auf. Aus Freundschaft wurde Liebe. Seit vier Jahren sind die beiden verheiratet, Raczynski spielt in Kuszynskas Begleitband und ist ihr Manager. 2009 überredete eine Freundin Kuszynska, wieder Musik zu machen. Sie nahm das Lied „Ich werde wieder geboren“ auf. Drei Jahre später startete sie mit dem Album „Ocalona“ (Die Gerettete) ihre Solokarriere.

Am Anfang habe sie Angst gehabt, ob das Publikum beim Eurovision Song Contest sie überhaupt noch sehen wolle, wenn sie nicht auf hohen Absätzen und im knappen Kleid über die Bühne tänzeln kann, gab sie zu. Inzwischen blickt sie nach vorn, auf den Auftritt in Wien, und witzelt: „Ich habe Glück im Unglück, ich muss mich nicht mit komplizierten Tanzschritten abgeben.“

ESC-Punks mit Down-Syndrom: "Die kriegen einen Schock"

Ein doppelter Toleranz-Test wird dem ESC-Publikum beim Auftritt der finnischen Band Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN) abverlangt. Deren vier Mitglieder leben nicht nur mit einer Behinderung, statt sanften Balladen-Pop servieren sie krachigen Punk. Bassist Sami Helle (41) warnt: „Die kriegen einen richtigen Schock.“

Die vier Mitglieder der finnischen Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät sind geistig behindert.

Helle hat genau wie Sänger Kari Aalto (38), Schlagzeuger Toni Valitalo (32) und Gitarrist und Band-Chef Pertti Kurikka (58) eine Lernschwäche. Drei von ihnen haben laut den Organisatoren des Eurovision Song Contest das Down-Syndrom, einer ist Autist. Helle sagt einfach: „Ok, wir sind geistig behindert, das sind wir eben“, und verdreht die Augen, denn in letzter Zeit hat er zu vielen Menschen erklären müssen, dass er und seine Bandkollegen in erster Linie Punkmusiker sind: „Wir werden nicht für geistige Behinderungen eintreten. Wir gehen einfach als Band hin.“

Freudentränen beim Vorentscheid der finnischen ESC-Teilnehmer

Dass sie zum Finale des Eurovision Song Contest nach Wien fahren, haben PKN Finnlands Fernsehzuschauern zu verdanken. Obwohl die Jury bei der finnischen Vorauswahl im TV das Pop-Quartett „Satin Circus“ vorzieht, entscheidet sich das Publikum für die Punkband. Selten hat sich jemand so herzerweichend emotional über den Sieg bei einem Grand-Prix-Vorentscheid gefreut. Weinend fallen die vier Punkmusiker der Moderatorin des Vorentscheides um den Hals, bevor sie ihren Song „Aina Mun Pitaa“ noch einmal im goldenen Glitzerregen spielen. Dabei sagt Band-Chef Kurikka in der Doku „Punk Syndrome“, der die Band in ihrer Heimat berühmt gemacht hat: „Ich bin ein harter Typ.“

„Aina Mun Pitaa“, das heißt auf Deutsch: „Ich muss immer“. Wie alle Lieder der Band ist das Thema mitten aus dem Alltag der vier Musiker gegriffen, sie sich bei einem Workshop für Menschen mit geistigen Behinderungen kennengelernt haben. Drei von ihnen leben in Wohnheimen, nur Schlagzeuger Toni Valitalo lebt zu Hause bei seinen Eltern. „Jeder muss Dinge tun, die er nicht mag“, sagt Sänger Kari Aalto. Er muss immer zur Pediküre, darauf hat er keine Lust - das kitzelt, und dann muss er kichern. Auch darüber hat Aalto schon gesungen. Valitalo kann Putzen nicht ausstehen. Kurikka graut es vor dem Suppe essen, erzählt er der Deutschen Presse-Agentur im Proberaum der Band nordwestlich von der Hauptstadt Helsinki.

Der kürzeste ESC-Beitrag aller Zeiten

„Juuuuuuuuuungs!“ Helles Stimme schallt durch den ganzen Raum, und lässt den Bass des Musikers auf seinem fülligen Bauch wackeln. Dann ertönt einhundert Sekunden lang ohrenbetäubender Lärm. Aalto brüllt ins Mikrofon, wippt ekstatisch. Dann ist auch schon Schluss mit „Aina Mun Pitaa“ - dem kürzesten Beitrag in der Geschichte des ESC.

Ob die Band etwas an dem Song ändern will, weil er als zu kurz für den Musikwettbewerb kritisiert wurde? „Wir spielen schneller und machen den Song kürzer“, sagt Valitalo in schönster Rockstar-Manier.

In der Familie der nordischen Länder sind die Finnen seit jeher die unangepassten Punks. In der Glitzershow ESC sind sie deshalb oft die Außenseiter. Doch 2006 glückte genau so die Sensation: Ausgerechnet mit der Metal-Band Lordi („Hard Rock Hallelujah“) holten die Finnen den ersten und bis heute einzigen Grand-Prix-Sieg für Finnland. Jetzt könnte es wieder so weit sein, hoffen PKN.

Die ESC-Downies haben zwei berühmte Fans

Schlagersänger Guildo Horn arbeitet seit 30 Jahren mit geistig Behinderten zusammen. Der 52-Jährige, der 1998 mit "Guildo hat euch lieb" selbst beim Eurovision Song Contest teilnahm und einen beachtlichen siebten Platz holte, findet, es sei „ein Segen für den Wettbewerb, dass sie dabei sind". Der ESC-Auftritt der Finnen sei auch ein politisches Statement: „Endlich können geistig Behinderte auf der europäischen Bühne mal zeigen, wo der Hammer hängt.“ Horn fährt fort: „Es wird so viel über Inklusion gesprochen." Dabei sei es wichtig, die mit ins Boot zu holen, die noch nie etwas mit Behinderten zu tun hatten. Das gelinge am besten über Unterhaltung, der ESC sei da eine gute Plattform. „Man wird sehen: Das tut nicht weh, das tut sogar gut, man kann miteinander lachen und dabei Vorurteile abbauen.“

Auch in den USA haben die Finnen schon einen berühmten Fan: Sänger David Hasselhoff offenbarte über seinen Twitter-Account: "Sie sind meine Wahl für den Eurovision Song Contest und eine Inspiration für uns alle."

ESC 2015: Neue Maßstäbe in Sachen Inklusion

2014 hatte sich Horn mit einer Hamburger Behindertenband für den deutschen Vorentscheid zum ESC beworben, doch "die Verantwortlichen haben uns am langen Arm verhungern lassen". Man habe sich wohl „mit dem Thema nicht kommod gefühlt“. Dies zeige den deutschen Umgang: „Da hat man Angst, sich zu verbrennen, da hat man Angst, was falsch zu machen.“

Dass eine Künstlerin im Rollstuhl und Musiker mit Down-Syndrom beim Eurovision Song Contest 2015 auftreten, passt umso besser, als der beliebte Lieder-Wettstreit in diesem Jahr in Sachen Inklusion neue Maßstäbe setzen will. Nicht nur die Stadthalle als Veranstaltungsort werde barrierefrei sein. Auch die Übertragung solle in dieser Hinsicht neue Standards setzen. Im Internet werde parallel zur TV-Übertragung ein Gebärden-Dolmetscher zum Einsatz kommen, der mit seinen Gesten auch ein Gefühl für die Musik vermitteln könne, hieß es.

Das macht Guildo Horn Hoffnung: 2016 will er sich erneut mit einer Behindertenband bewerben.

Auch diese ESC-Teilnehmer hatten ein Handicap

Auftritte von Künstlern mit einer Behinderung gab es beim Eurovision Song Contest bereits, doch sie schnitten nicht besonders erfolgreich ab. Für die blinde Bremerin Corinna May endete der ESC 2002 mit einem Debakel: Mit „I Can't Live Without Music“ wurde sie unter 24 Teilnehmern nur Viertletzte. Der von Geburt an blinde österreichische Soulsänger und Pianist George Nussbaumer erreichte mit seinem Mundartlied „Weil's dr guat got“ beim ESC 1996 den zehnten Platz. Die ebenfalls seit ihrer Geburt blinde Diana Gurtskaya aus der Kaukasusrepublik Georgien vertrat ihr Land 2008 auf der europäischen Showbühne. Mit ihrer Pop-Ballade „Peace Will Come“ wurde sie Elfte. Der blinde Spanier Serafin Zubiri fuhr für sein Land bereits zwei Mal zum ESC. 1992 erreichte er mit „Todo esto es la música“ (All das ist Musik) Platz 14. Beim zweiten Anlauf im Jahr 2000 reichte es mit „Colgado De Un Sueño“ (Hängt an einem Traum) zu Position 18.

ESC-Video von Monika Kuszyńska: "In the Name of Love"

Die Eurovision-Song-Contest-Gewinner seit 2002

Die Eurovision-Song-Contest-Gewinner seit 2002

hn/dpa

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