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Joseph Calleja, Tenor, ist einer der Besten, wenn es um Verdi oder Französisches geht.

Die Chancen beim Eurovision Song Contest

So schätzen Opernstars die ESC-Teilnehmer ein

München/Wien - Ja, auch Opernstars sitzen am Samstagabend vor dem Fernseher und schauen den Eurovision Song Contest an. Wir haben die Superstars der Szene gebeten, die diesjährigen Finalisten vorab zu bewerten: Wer sind ihre Favoriten? Wer kann singen? Und welche Beiträge sind, nun ja, eher bedingt geeignet?

Opera scene, may we have your votes please!

"Deutsche Nummer zu glatt": Für Tenor Daniel Prohaska müsste Armenien oben landen

1 Punkt: Spanien (Edurne; „Amanecer“). Anfang der 1990er-Jahre hätte die Nummer durchaus Hitpotenzial gehabt. Klingt heute abgedroschen. Ich hätte zumindest eine im Song Contest übliche Modulation im letzten Drittel des Liedes erwartet. Pluspunkt fürs Singen in der Landessprache.

2 Punkte: Italien (Il Volo; „Grande Amore“). Italo-Kitsch! Schön mit Klischees gespielt, wenn’s denn so beabsichtigt ist. Der Bariton ist in den tieferen Lagen, auch stilistisch, sehr gut unterwegs, aber will man beckmessern: Er fängt an zu bellen, wenn er in höhere Lagen kommt, während der Tenor durchknödelt. Dennoch können die Burschen singen und das ist auch schon was wert.

3 Punkte: Deutschland (Ann Sophie, „Black Smoke“). Ann Sophie hat ein gutes Auftreten, wirkt souverän, chic, international, mit süßen, leicht manierierten Augenzwinkermomenten, sowohl stimmlich als auch interpretatorisch. Sehr gutes Stimm-material, gelegentlich Intonationsschwankungen. Mäßige Nummer, und alles ein bisschen zu glatt.

4 Punkte: Estland (Elina Born & Stig Rästa; „Goodbye to Yesterday“). Stimmungsvolle Light-Version der typisch skandinavisch-baltischen Liedermacher-Lieder der Marke „Ich-bin-depressiv-drauf-kann-aber-trotzdem-lächeln“, und das gefällt mir! Stilistisch ideale Stimmen für die Nummer. Wäre eine Nummer, die man auf einer langen Autobahnfahrt gerne im Radio hören würde. Zu „klein“ für den Song Contest.

5 Punkte: Norwegen (Mørland & Debrah Scarlett; „A Monster like Me“). Stimmungsvoller, mitternachtsonnendepressiver Titel, schön interpretiert. Gefällt mir.

6 Punkte: Montenegro (Knez; „Adio“). Schöne Balkan-Pop-Ballade. Ich mag so etwas. Pluspunkte fürs Singen in der Landesprache.

7 Punkte: Frankreich (Lisa Angell, „N’oubliez pas“). Gute Nummer, toll gesungen. Und auch mal ein Text, auf den man hört. Und der etwas aussagt und in unserer Zeit sogar ein bisschen politisch ist, was ich erfrischend finde.

8 Punkte: Zypern (Giannis Karagiannis; „One Thing I should have done“). Hübsche, melancholische, einfache Nummer, die man gern an einem verregneten Herbsttag hören würde, sollte man Liebeskummer haben.

10 Punkte: Aserbaidschan (Elnur Hüseynov; „Hour of the Wolf“). Sehr schöne Stimme, fantastischer Sänger! Gute melancholische Pop-Ballade. Gefällt mir.

12 Punkte: Armenien (Genealogy; „Face the Shadow“). Eurovision pur! Toller Stimm-Mix, von Rockröhre bis klassisch-timbrierten Momenten, Modulation, und MEHR ist MEHR. Im Lichte des 100. Gedenkjahrs des Armenier-Genozids auch eine Anklage an die mangelnde Vergangenheitsbewältigung des türkischen Staates. Mein Favorit.

"Mein Favorit: Australien": Das sagt Tenor und Musterstilist Daniel Behle

12 Punkte: Australien. Der Sänger kann singen, und der Beitrag hat diesen typischen ESC-Sound. Außerdem mag ich „Disco“, Sydney wäre als Austragungsort mal ganz schön. Mein Favorit.

10 Punkte: Griechenland. Sie hat eine gute Stimme. Der große musikalische Pinsel in „James Bond“-Harmonik kommt immer gut. Hat für Herrn/Frau Wurst auch die selbige vom Teller gezogen.

8 Punkte: Belgien. Stylische Performance, starker Refrain, leider keine charismatische Leadstimme – „We gonna rababab tonight“ ist gewöhnungsbedürftig, aber dadurch hat der Beitrag auch wieder so eine Kante, an der man einen „Song“ später erkennt.

Mein Geheimtipp: Zypern. Ein sehr schönes, ehrliches und einfaches Lied – mit zwar schwachem Mittelteil, überkomprimierter Stimme, aber besonders nettem Refrain.

Mein persönlicher Favorit: Großbritannien. Ich mag so was – „Complete Madness“ trifft Caro Emerald. Live leider chancenlos. Schade.

"Wie beim Friseur": Joseph Calleja sieht Deutschland weit vorne

1 Punkt: Griechenland. Für ein Land, das von Deutschland „gesponsert“ wird, sollte der Song besser sein.

2 Punkte: Serbien. Großartige Stimme und Persönlichkeit, aber der Song hebt nie ab.

3 Punkte: Georgien. Großartige Show. Die Sängerin sieht auch toll aus, aber ihr Lied erinnert mich an die Spiele, die mein Sohn auf seiner Play-station spielt.

4 Punkte: Australien. Exzellente Fahrstuhlmusik. Ein ziemlich glattes Lied.

5 Punkte: Armenien. Ich wusste nicht, dass der Disney-Konzern auch am ESC teilnimmt. Nur den Hollywood-Star John Travolta haben sie offenbar nicht als Ansager bekommen.

6 Punkte: Italien. Eine sehr gefällige Ballade, gesungen von einer Armee von Mini-Bocellis. Italiens Antwort auf Il Divo.

7 Punkte: Spanien. Das Lied „Lady in Red“ trifft auf den Song „Frozen“ von Madonna.

8 Punkte: Deutschland. Amy Winehouse trifft auf Anna Kendrick. Ich mag die rauchige Stimmung des Songs, aber was sollen diese Lichter im Hintergrund? Sieht aus wie im Frisörsalon.

10 Punkte: Österreich. Ich mag das Piano, das wie in den 80er-Jahren klingt. Und in der Mitte des Songs hört es sich an wie die Rockband Kings of Leon, oder etwa nicht? In jedem Fall ein guter Titel.

12 Punkte: Belgien. Ich fange sofort an, „Rapapap“ zu singen – wie im Refrain des Songs. Deshalb gebe ich dem Lied 12 Punkte für seine Originalität. Es ist mitreißend.

"Finnland ist unterirdisch": Max Emanuel Cencic favorisiert den Beitrag aus Albanien

12 Punkte: Albanien. Sie hat eine super Stimme, schaut sehr gut aus. Und das Video ist nicht so käsig wie bei den anderen. Das von Spanien etwa finde ich ganz grauenvoll.

10 Punkte: Island.

8 Punkte: Estland.

Die restlichen Kandidaten: Total unterirdisch finde ich Finnland, aber da dürfte ich nicht der Einzige sein. Die westlichen Beiträge ganz allgemein bescheren einem schon ein musikalisches Déja-vu. Frankreich liefert immer das Gleiche, Deutschland auch. Italien will sich ein bisschen mit Tenören aufpolieren. Alles ist Europop und Song-Contest-konform, zwischen Ballade und flockigem Song, etwas gewöhnlich und kaum aktuell. Die Ostländer dagegen sind ambitionierter und versuchen, gegenwärtige Pop-Strömungen aufzunehmen. Was mir noch auffällt: Viele Songs sind gar nicht so schlecht, aber wenn man sich die Videos dazu anschaut, denkt man sich „na ja“.

Ich hoffe, dass am Samstag nach musikalischer Qualität entschieden wird, nicht nach politischen Überlegungen oder traditionellem gegenseitigem Zuschieben von Stimmen. Der Grand Prix spielt bei mir schon seit meiner Kindheit eine Rolle. Als ich neun, zehn Jahre alt war, saßen wir alle vor dem Fernseher, um das Finale zu verfolgen. Ob der letztjährige Sieg von Conchita Wurst eine politische Sache war oder wirklich die Würdigung eines tollen Songs, das kann man nicht so eindeutig beantworten. Ich war auf jeden Fall erstaunt von ihrem Gesang. Vor zwei Jahren war ich einmal eingeladen beim Wiener Rosenball, da hat sie überhaupt keine Stimme gehabt. Da dachte ich mir: „Okay, das wird wieder ein Rohrkrepierer.“ Wie man sich täuschen kann.

Mein Problem: Das Finale am Samstag kann ich dummerweise nicht anschauen, ich habe Generalprobe für „Il Catone in Utica“, einer Oper von Leonardo Vinci.

"Ann Sophie überzeugt": Thomas J. Mayer findet den deutschen Song gut

Die musikalischen Darbietungen erscheinen mir größtenteils sehr epigonal, also nachahmend, und entsprechen allen musikalischen Klischees, die man aus der kommerziellen und weichgespülten Musikwelt gewohnt ist.

12 Punkte: Deutschland. Die eindrücklichste Nummer stellt für mich ganz klar Deutschland. Wenn auch Ann Sophie etwas biederer wirkt als Lena. Die Stimme ist jedenfalls potenter. Ob sie sich von beziehungsweise aus der selbstgewählten „DuffyKopie“ abhebt, bleibt abzuwarten. Als Sängerin wäre Ann Sophie jedenfalls zu mehr als nur zu Epigonalem fähig. Der Song ist gut und überzeugt mich. Im Radio würde ich das Lied zumindest nicht wegschalten. Jetzt muss sie nur noch die Jury überzeugen – trotz ihres natürlich eleganten Sexappeals.

10 Punkte: Italien. Als Opernsänger über die scheinbaren Zunftkollegen von Il Volo zu urteilen, möchte ich mir nicht anmaßen. Das ist mehr oder weniger gekonnter Hymnenschmalz mit Gladiatorpathos. Die Stimmen sind in Ordnung, die Typen sehen gut aus und passen irgendwie zu dem Ganzen.

8 Punkte: Frankreich. Das Land gibt sich wieder einmal pseudointellektuell und nach 49 Jahren Teilnahme und fünf Siegen immer noch chanson-affin. Dieses Beispiel zwar keine Klasse, aber die Stimme von Lisa Angell passt wenigstens zum Genre.

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