Etappensieg für die Kunstfreiheit

- Es ist ein zähes Ringen zwischen zwei Grundrechten: zwischen Persönlichkeitsschutz und Kunstfreiheit. Opfer des juristischen Tauziehens ist der WDR-Film "Nur eine einzige Tablette", der aus rechtlichen Gründen bisher nicht ausgestrahlt werden durfte. Jetzt hat die Kunstfreiheit einen Etappensieg erzielt: Das Hanseatische Oberlandesgericht (OLG) hat gestern die Einstweiligen Verfügungen gegen den Film weitgehend aufgehoben.

Der Fernseh-Zweiteiler thematisiert den Skandal um das Schlafmittel Contergan, nach dessen Einnahme Tausende von Frauen missgebildete Kinder geboren hatten. Der damalige Contergan-Hersteller, die in Aachen sitzende Firma Grünenthal, und der frühere Anwalt der Contergan-Opfer, Karl-Hermann Schulte-Hillen, an dessen Lebensgeschichte sich der Film anlehnt, klagten im vergangenen Sommer gegen die Ausstrahlung. Sie sahen in mehr als einem Dutzend Passagen des Drehbuchs eine Verdrehung der historischen Tatsachen und eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. Das Hamburger Landgericht folgte auf der Grundlage des Drehbuchs ihrer Auffassung und untersagte die Ausstrahlung des Films.

Anders als das Landgericht orientierte sich das OLG bei seinem Urteil an dem fertigen Film. In diesem sind einige Szenen des ursprünglichen Drehbuchs gestrichen oder verändert worden. "Insofern hat sich die Firma Grünenthal in größerem Umfang durchgesetzt, als dies nunmehr den Anschein hat", betonte das Gericht. Der Film kann weiterhin nicht ausgestrahlt werden, da der klagende Contergan-Hersteller unabhängig von dem Berufungsverfahren am Hamburger Landgericht Mitte März zwei weitere Einstweilige Verfügungen erwirkt hat, über die noch nicht verhandelt wurde. Dennoch werten die Verantwortlichen die Aufhebung von insgesamt 31 der 32 verhandelten Einstweiligen Verfügungen als großen Teilsieg.

"Wir freuen uns, dass das OLG den Weg für diesen wichtigen Film wieder weitgehend frei gemacht hat", kommentierte WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf das Urteil. "Nun ist es auch in Zukunft möglich, zeithistorische Stoffe künstlerisch aufzuarbeiten. Mit dem Film leisten wir ein Stück Aufklärungsarbeit."

Auch die Produktionsfirma Zeitsprung zeigt sich optimistisch. Deren Justiziar Mirek Nitsch rechnet damit, dass der Film noch in diesem Jahr ausgestrahlt wird. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, bezeichnete das Urteil als Teilerfolg für die Kunstfreiheit. "Es steht außer Frage, dass zwischen Kunstfreiheit und anderen Rechtsgütern abgewogen werden muss. Dennoch ist die Kunstfreiheit ein sehr hohes Gut, das es zu verteidigen gilt."

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